06
Juni
2008

Fiersheim nach Erfurt (4. Juni)

Hallo,

nach der gestrigen, eher gehobenen Kategorie einer Übernachtungsstätte, habe ich heute wieder eine Herberge bezogen.

Ich hatte mich, wie empfohlen, schon am Morgen telefonisch angemeldet, und so konnte ich unbeschwert den Tag in Erfurt genießen.

Von Kerspleben bis Erfurt Mitte waren natürlich erst Mal eineinhalb Stunden zu wandern, und das Wetter schaute so zweifelhaft aus, dass ich überlegte, den Regenschutz über den Rucksack zu ziehen.

Um 10 Uhr hatte ich das Zentrum erreicht und da ich nicht wußte "wohin", ging ich erst mal in die Kauf-(leute/manns/fahrt...-hab den Namen schon wieder vergessen, aber dafür gibt's ja Internet)-Kirche. Und ich hatte gleich wieder einen Volltreffer gelandet: Hier sind die Eltern von J. S. Bach getraut worden, hier wurden die ersten EVANGELISCHEN Predigten gehalten, hier predigte Luther um 1521. So, das war Geschichte.

Nun ging ich zum Augustinerkloster, das im Führer u. a. als Stempel- und Übernachtungsstelle eingetragen ist, und deponierte meinen Rucksack.

Leicht aber nicht leichfüßig begann ich, Erfurt zu erkunden. Überall gibt es wunderschöne Häuser aus allen Epochen unserer Geschichte, und alles passt malerisch zusammen: Alte windschiefe Fachwerkhäuser neben edlen Putzfassaden mit farbigem Zierwerk. Man wandert durch verwinkelte Gassen mit altem Granitpflaster und kommt sogar über einen rauschenden Mühlbach.

Plötzlich ein riesiger Platz, über dem zwei gewaltige Bauwerke thronen: der Dom und die evangelische Kirche " ". Der Dom schießt förmlich in die Höhe mit seinen schlanken Pfeilern und Fenstern, er erinnert an die Kathedralen der französischen Hochgotik mit ihrer feingliedrigen, vertkalen Struktur, und dies hier überhöht, weil hoch oben über dem Platz stehend.

Man muss eine sehr hohe, sehr breite Freitreppe hochsteigen, erst von dieser Terrasse aus sind beide Kirchen betretbar. Ich war nur im Dom, ein nicht all zu großer, aber sehr hoher Raum mit schlanken Pfeilern, schlanken hohen Fenstern.

Die vorderen Fenster – im Alterraum – haben sehr feine, detailreiche Bleiverglasung. Diese Fenster wirken aus der Ferne wie funkelnde Kristalle, aus der Nähe wie Bilderbücher, wie Comics.

Ich setze mich und versuche den Raum auf mich wirken zu lassen, da kommen zwei Mädchen mit Papierblock und interviewen mich über Fremdenfeindlichkeit. Ist anscheinend eine Schulaufgabe.

Langsam geht's wieder über große und kleine malerische und geschäftige Plätze zurück zum Platz vor dem Hauptpostamt, wo ein schöner moderner Brunnen plätschert und eine berühmte Lutherfigur hoch oben auf einem Sockel predigt.

Ich muß bald ans weiterwandern denken und genehmige mir noch mein Weißbier mit Kaffee und Kuchen. Ich will noch Frienstedt erreichen. Es wird noch eine dreistündige Wanderung mit ein paar kleinen Verirrungen. Schließlich, kurz nach sechs bin ich da. Ein Fachwerkhaus, ehemals wohl eine Scheune, wird mein Quartier. Der Raum, in dem ich jetzt auf einer Ledercouch sitze, ist über 30 Quadratmeter groß und mit weiteren Couchs unterschiedlichster Art bestückt. Es gibt auch eine Schrankwand. Es ist offenbar so ein Senioren- oder Jugendtreff, für den alle ausgemusterten Möbel des Ortes zusammen getragen wurden.

Nun lerne ich auch meine Mitbewohnerin kennen, eine Frau in mittleren Jahren. Sie ist aus Hessen und ist den Weg von Görlitz her gegangen, wobei sie einmal geschwindelt hat und mit dem Zug gefahren ist. Ein bisschen ungewöhnlich ist die Situation, dass der Zugang zu WC und Dusche gerade vor ihrer Türe ist, und dass sowohl ihre Türe als auch die Türe zum WC nur Faltschiebetüren sind. Habe angekündigt, dass ich nachts evt. vorbei komme, sie solle sich nichts dabei denken. Wir sind halt "Pilger".

Wir sind noch ein Stündchen auf dem Balkon gesessen und haben geratscht. Sie muß Montag wieder arbeiten. Morgen will sie schon um sieben weiter: nach Gotha, wo auch ich hingehen werde. Vielleicht sehen wir uns ja wieder.

Gute Nacht, es ist fast 12 Uhr
Siegfried

PS: Hab zu Abend im Fürstenhof hier am Ort gegessen. Thüringer Kartoffelknödel, mit rohen Kartoffeln gemacht, so gut wie früher zuhause, und einen gefüllten Schweinerücken, dazu feines Blaukraut. Neben mir saßen zwei weise Männer, die sich erst über Schopenhauer, Marcuse und andere weise Männer ausliesen, dann einen Probepoker versuchten, wobei der Herr mit der größeren Schnauze nicht zurecht kam, weil der Wirt nur deutsche Karten hatte, er aber nur französische gewohnt ist.

Ach ja, heute fragte mich ein kleiner Bub: "Bist du ein Wanderer?"

Und am Morgen, als ich nach Erfurt rein kam, begegnete mir eine echte Pilgersfrau in jungen Jahren mit einem gewaltigen Haselnuss-Pilgerstab und wünschte mir fröhlich "gut Weg!". Schade, dass sie nicht in meine Richtung ging, wir hätten sicher gut pilgermäßig fachsimpeln können.

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