Demoliert (26. Mai)
Hallo,
Ich bin jetzt in Meuselwitz im (m.E.) besten Haus am Platze: Hotel zur Börse. Nach dem Einchecken (ca 16.00 Uhr) habe ich ausgiebig geduscht und meine Füße – zu denen ich noch was sagen muss – mit Hirschtalgcreme einmassiert und mich, zum ein wenig Entspannen, hingelegt. Plötzlich fangen alle Kirchenglocken zu läuten an und mich haut's fast aus dem Bett. Ich schau auf die Uhr: 6! Erst nach dem ersten Schock habe ich begriffen, dass es noch Abend ist.
Nun sitze ich vor meinem obligatorischen Espresso und lasse das, was ich heute erlebt habe, an mir vorüberziehen. Es war nicht besonders aufregend. Auch die Landschaft nicht. Nach heftigem Auf und Ab gleich hinter Kohren-Sahlis, einem aussichtsarmen Frühstück auf einem Bankerl vor der Burg Gnandstein, die haargenau durch einen Baum verdeckt war, gings über Winischleuba weiter (irgendwie ist mir das ein Begriff, jetzt weiß ich warum: Hier gibt's ein Schloss von "Börries von Münchhausen"). Aber ich bin vorbeigeeilt, habe die Pleiße überschritten: ein kleines gemütliches Bächlein, etwa so wie der Wiederbach, aber der Name ist selbst einer solchen Erdkundeniete wie mir in Erinnerung geblieben!?
Und so kam ich mit viel Mühsal auf vorwiegend wenig befahrenen Landstraßen hierher. Was mir neu ist: Meine Füße schmerzen! Jetzt beginnt offenbar die Pilgerreise, heute habe ich angefangen meine Sünden abzubüßen. Was kommt da noch alles auf mich zu, wenn alle Eure Sünden dran sind! Es sind keine Blasen an den Fersen, es fühlt sich eher so an, als seien die ganzen Sohlen Blasen! Hab also fest eingecremt und laufe wie auf Eiern. Wenn ich in freier Natur den Rucksack runter nehme, rühre ich mich kaum vom Platz. Und nach Meuselwitz bin ich fast auf Zehen gegangen. Nichts mehr von dem stolzen Jakopspilger der in Wechselburg weggegangen ist!
Aber ich will weiter. Morgen ist eine kürzere Strecke geplant, 18km, heute waren's laut meiner Aufstellung 24, vielleicht auch mehr.
Wenn's geht, und ich so weit komme, werde ich dann in Naumburg einen Ruhetag einlegen. Immer wieder zwischen den "Resets", bei denen man gar nichts denkt und nur aufpasst, dass man nicht hinfällt, denke ich an Euch alle – an jeden einzelnen von Euch und hab Euch vor mir!
Euer Siegfried
In eigener Sache
Liebe Leser,
das neue Redaktionssystem wurde heute installiert. Dieses wird uns helfen, die Reiseberichte von Siegfried in Zukunft einfacher einpflegen zu können. Siegfried hat uns auch schon neue Berichte geschickt, welche wir im Laufe des Wochenendes hier veröffentlichen werden. Man darf gespannt sein :-)
Ausserdem findet ihr jetzt ein Gästebuch auf dieser Seite. Also nicht zögern, sondern eintragen!
Viele Grüße
Lars & Chantal
Kohren-Sahlis erreicht
Liebe Freunde, Töchter und Konsorten,
Eigentlich hatte ich vor, am Vorabend der Abreise mit viel Hingebung eine wunderschöne, lange, tiefschürfende Botschaft zu senden! Da habt Ihr jetzt Glück gehabt! Ich hatte einfach keine Zeit dazu. Nachdem ich gestern um 2.00 Uhr im Bett war ging's heut früh schon um 6.00 Uhr los: Ich konnte nicht mehr schlafen, außerdem war's höchste Zeit. Der Rucksack musste gepackt werden! Am meisten Mühe machte die selbst- aufblasende Isomatte. Die war nicht gewillt, in den kleinen Beutel zu gehen. Die übrigen Sachen kamen kunterbunt rein, was ich abends büßte: Da lagen die Unterhosen bei den Ladegeräten und das Duschgel unter der Isomatte. Aber ich habe ja jetzt 100 Tage, um ein logisches System zu entwickeln. Heute ist der Sonntag nach Fronleichnam, und da gibt's traditionell in den katholischen Gemeinden eine Fronleichnamsprozession. Und als ich in Wechselburg andächtig mich in den Zug einreihte, stand plötzlich der Böttger Günter hinter mir und die ganze Gesellschaft: Erika, Hedi und Arnt! Zwei Stunden dauerte die Prozession! So dass ich schliesslich um kurz vor 1.00 Uhr erst loskam, ganz herzlich verabschiedet von den Freunden, auch von den Padres und von einem Mexikaner? Auf spanisch! Pater Gabriel hatte nämlich verkündet, dass heute einer aufbricht... Und da ich verschwitzt und mit Rucksack im Eck stand, wars ja nicht schwer zu erraten wer.
Also schöner hätte der Abschied nicht sein können.
Ohne mich nochmal umzudrehen, bin ich also um kurz vor eins los. Durchs sehr schöne Döltzschtal nach Narsdorf, Niederpickenhain nach Kohren-Sahlis. Und da sitz ich nun auf dem Balkon, frisch geduscht und gestärkt, und denke an Euch und sinne noch über die schönen Sprüche nach, die mir Hedi und Erika mitgegeben haben.
Herzlich
Euer Siegfried
