Najera (27. September)
Alle sind schon weg. Ich bin ziemlich als letzter aufgebrochen, wollte auch noch in die Kirche in Najera schauen.
Eine ältere Señorita wies mir den Camino. Ich fragte sie – auf spanisch natürlich – nach der Kirche. Und sie erklärte mir, gleich sei Gottesdienst. Und so war ich auch noch in der Sonntagsmesse. Als einziger Pilger.
Zum gemeinsamen Frühstück kam ich als letzter und alles war für mich schon bereit. Christiane, mit der ich gestern Geschichten erzählend den Weg nach Najera ging, meinte, ich sei der Hahn im Korb. Aber jetzt muß ich weiterziehen. Es ist kalt, ich bin erkältet, hab mir heute meinen speziellen café con leche gemacht, heiße Milch mit Nescafe und Honig. Die Nasentröpfchen fallen!
Siegfried
Nach dem Schreiben der letzten Email hab ich festgestellt, dass ich wieder vom rechten Weg abgekommen war. Bin erst ein paar hundert Meter zurück gelaufen, dann hab ich mich an meine französischen Freunde erinnert und die Nationalstrasse genommen zwengs der Vitesse.
Jetzt bin ich wieder auf dem rechten Weg, denn grade sind zwei deutsche Pilgerinnen vorbeigekommen: "... jetzt kommt so eine Stelle, die sind aber normalerweise angebunden also nicht erschrecken... ". Was deutsche Pilger so alles sprechen.
Alex aus der Steiermark, der mich gestern begleitete, hat Pfefferspray dabei. Ich Wein. Zum Wohl!
Siegfried
Logrono (26. September)
In Logroño sind wir heute schon früh aus der Herberge aufgebrochen.
Es war die dichtest belegte Herberge bis jetzt. Die Gänge zwischen den Doppelstockbetten waren so eng, dass, wenn noch Rucksäcke an den Betten standen, kaum noch Platz zum Durchkommen war. Nicole hatte, da sie eher dagewesen war, den Platz belegt gehabt. Als ich einzog und mein Bett belegte, beschäftigte sich gerade eine Frau mit den Füßen ihres Mannes, der am oberen Bettrand saß. Ich fragte sie, ob ich auch mal dran käme. Aber davon wollte sie nichts wissen.
Demnächst mehr, Licht ist aus!
Siegfried
Auf dem Weg von Estella nach Los Arcos (25. September)
Das erste Mal dass ich von unterwegs schreibe. Bin schon in Irache durch, wo es den bekannten Weinbrunnen gibt. Hab mein Wasser ausgelehrt und meine Flasche zur Weinflasche gemacht. Nach ein Paar Schluck (Anfangsbuchstaben von "P"aar beachten!), Rotwein gehe ich weiter und sitze nun auf einem Betonstein am Weg, der hier auf einer Anhöhe mit wunderbarer Aussicht neben der Autobahn verläuft.
Ich möchte Euch ein bißchen was von dem Glück mitteilen, das ich empfinde. Ich bin mir sicher, dass Gott uns nur erschaffen hat um glücklich zu sein und um einen Funken seines Glückes empfinden zu können.
Er hat dem Affen (Lehm) seinen Geist (Seele) eingehaucht damit er sein Glück uns mittei en kann. Ich habe das Glück, das jetzt zu spüren. Unglücklichen Menschen wird es versprochen, das ist das Schöne an unserem Glauben. Wer das in Abrede stellt, versagt vielen Menschen und sich selbst die Hoffnung auf Glück. Es gibt hier viele Menschen denen der Weg sichtlich schwer fällt. Eine Frau, die traurig schaut und schwer an ihrem Rucksack trägt, ein Mann, der beim Gehen Probleme hat, die kleine, freundliche Ungarin mit dem Rucksack, der größer zu sein scheint als sie, der junge blonde Norweger Ole, der schnell ist aber gestern Abend gesagt hat, 20km seien genug. Alle erwarten was von dem Weg und ich wünsche ihnen ein bißchen was von dem Glück das ich empfinde, und Euch natürlich auch!
Siegfried
Da ich diese Email nicht abschicken konnte, hier bin ich anscheinend wieder in einem totalen Funkloch, kann ich gleich weiterschreiben.
Nachdem ich Euch das alles geschrieben hatte, ging ich weiter und landete direkt in einer Autobahnauffahrt. Ich hatte mich wieder verlaufen. Ich ging also auf der Landstrasse weiter zum nächsten Ort, wo ich wieder auf den Weg stieß. Es gehört schon viel dazu von einem Weg, auf dem so viele Leute laufen, abzukommen. Aber der Wein... Und die Gedanken, und dann seh ich ringsum nichts mehr.
Die Landschaft ändert sich, es wird wieder flacher, aber bleibt hügelig. Olivenbäume, Weingärten, in der Ferne hohe, felsige Berge.
Nicole hat mich angerufen und gesagt sie hätte einen Platz in der Albergo Casa Mari reserviert, ich habe überhört, dass das nicht im Ort unseres Tageszieles ist, sondern im nächsten, 8km weiteren Ort. Zunächst suche ich also in Los Arcos.
Die Herberge soll auf einem Berg sein, ich sehe keine höhere Erhebung in Stadtnähe. Ich frage eine Frau, die sich gleich fürsorglich um mich kümmert, obwohl weder sie noch ich miteinander ein gemeinsames Wort finden. Sie führt mich zur städtischen Herberge, hier wird mit vielen spanischen worten beratschlagt wo diese Casa Mari sein könnte. Schließlich führt sie mich zu einem Restaurant das Mavi heißt und Fremdenzimmer anbietet. Ich habe große Mühe auszuspanischen, dass ich eine Nicole suche. Wir trennen uns schließlich, es tut ihr sichtlich leid mir nicht helfen zu können und ein bißchen schaut sie mich als hoffnungslosen Fall an - habe ich den Eindruck.
Dann kommt ein Franzose vorbei, den ich flüchtig kenne, irgendwie kommt einem Frazösisch nicht so spanisch vor wie Spanisch und dann funktioniert die Unterhaltung ganz gut. Er fragt zwei Rentner an einer Busshaltestelle, die wissen gleich zwei Casa Mari, in entgegen gesetzten Richtungen aber keine auf einem Berg. Ich sende Nicole eine SMS, sie ist telefonisch nicht erreichbar.
Setz mich vor eine Bar am Kirchplatz und trink meinen café con leche und genehmige mir ein Sandwich mit was undefinierbaren drin und frage, ob das eine Spezialität sei. Der Mann an der Bar weiß es selber nicht, ich hab aber den Eindruck er glaubt eher nicht. Ich schließlich auch nicht. Es ist blos eine grüne Pepperonischale auf einem Schinken. Aber in der düsteren Bar, wars geheimnisvoll.
Vor der Bar setzen sich Torsten und Holger aus Krefeld dazu und dann auch noch Ole aus Norwegen. Ich höre, dass Nicole doch weiter gegangen sei. Bald darauf ruft sie an. Sie hat tatsächlich reserviert, im nächsten Ort. Als einsamer Pilger gehe ich nach Westen aus der Stadt in die langsam untergehende Sonne.
Eine kleine Herberge. In unserem Zimmer gibt es drei Doppelstockbetten. Vier Spanier, die wir vom Sehen auch schon kennen, haben sich schon einquartiert. Ich habe diesmal ein Bett oben, es gibt keine feste Leiter aber einen kleinen Klappschemel. Abendessen, das Pilgermenü für 10 Euro, für zwei eine
Estella (24. September)
Bevor ich weggeh, über diese schöne Brücke habe ich noch ein paar Karten geschrieben.
Wir waren heute Nacht in einer kleinen Herberge mit etwa 20 Betten (Herberge der Pfarrei) und einem sehr besorgten Herbergsvater, der nur spanisch spricht. Und Spanisch klingt, wenn einer auf dich einredet, so als wenn er dir gleich das Messer in die Brust rammen will!
Möchte wissen, wie das klingt, wenn ein Liebespaar miteinander turtelt.
Muß weiter, bis abends, buon camino, hola
Siegfried
NACHTRAG: Honta, Roncevalles (20. September)
Hallo Ihr Lieben,
nach drei Tagen Warten auf die ersehnte Post, allerdings mit wunderbarer Aussicht von einer Ferme in den Pyrenäen auf 500m Höhe hinunter in die Täler und auf die Hügel. Ich habe das genossen!
Aber lange hätte ich es nicht mehr ausgehalten. Erst ist Corinne weggegangen und wir beiden waren sehr traurig. Sie hatte einmal gesagt, ich wäre der einzige, der ihr auf dem ganzen Weg geblieben sei.
Dann ging Kolbeinn, ein junger Isländer, der sich uns angeschlossen hatte, wieder ins Tal zurück, er hat entzündete Achillessehnen und muß zum Arzt.
Die Ferme Ithiurbia ist ein ursprünglich einsamer Bauernhof auf dem Berg. Jetzt ist es eine Herberge mit einem großen Raum, in dem ca. 30 Betten stehen, in kleine Kabinen zu je drei Betten verteilt, die jeweils mit einem Vorhang verschlossen werden können. Dazu gibt es zwei Duschen und ein Klo und natürlich auch Waschbecken. Weiter vorne im Haus sind noch kleinere Zimmer mit je zwei Betten, die sind für die Edelpilger, es gibt auch einen Gemeinschaftsraum mit Küchenzeile.
Drei Tage hatte ich ein gutes Hausmacher-Abendessen genossen, auf baskische Art, immer eine kräftige Suppe am Anfang, nein, erst gabs einen Aperitiv, Porto oder Muskateller, die Hauptspeise war Fleisch mit Gemüse oder einmal auch eine Art Omelette, Nachspeise Apfelkuchen, sehr saftig oder Creme (Pudding).
Als Abschluß gabs manchmal noch einen Tee. Um 10h geht's ins Bett.
Das Paket kam endlich Freitag abend. Nochmal Diner, nochmal schlafen, nochmal Frühstück und endlich bin ich auf dem Weg nach Roncevalles.
Es geht steil bergauf, Wiesen, Kühe, Schafe, Pferde auf den nicht eingezäunten Weiden, manchmal auch auf dem Weg.
Etwa vier Stunden steigen, es wird ein schöner Tag. Manchmal bin ich auf der Seite, wo mich ein warmer Sonnenstrahl der aufgehenden Sonne trifft, manchmal verschwindet die Landschaft in Wolkenfetzen.
Vor und hinter mir werden immer wieder Pilger sichtbar, die den gleichen Weg gehen. Dann "La Fontaine de Roland", hier überschritt vor 800 Jahren Roland mit seinen Getreuen den Pass als Nachhut von Karl dem Großen, wurde von den Mauren attakiert und alle starben schließlich im heldenreichen Kampfe (Rolandslied kennt Ihr sicher).
Grenze – mein Gerät meldet beim Versenden der ersten SMS: Willkommen in Spanien!
Die Hänge in Spanien sind überraschenderweise bewaldet, erst niedrige, dann, je weiter man nach unten kommt immer höher werdende Buchen und Eichen.
Um etwa drei Uhr komme ich in Roncevalles an. Die Tour war wunderschön, das Steigen, es ging von 500m auf 1400m, jetzt in Roncevalles sind wir auf 1000m, strengte mich kaum an.
Corinne hatte mir eine Email geschreben: "Merci la prochaine etape n'est pas facile pyrene tu es fort je sais"
Siegfried
