Ziegenhain / Schwalmstadt (18. Juni)
Der Pilger ist mal wieder kein Pilger, sondern sitzt in einem etwas abgehobenen Biergarten in Nordhessen. Aber das muss auch sein, sonst meint er am Ende hier gibt's gar nichts zum Essen.
Also nach meinem gestrigen Hamburger Fischmarkt-Essen war ich ja noch fast bis halb elf Uhr am Marktplatz gesessen – auf den Stühlen des Hamburgers. Nichts gegen die Hamburger! Sind ja lieb – aber in Homberg?
Um neun Uhr bin ich wieder abmarschiert heute früh, nachdem ich ein Pfund türkischen Joghurt mit dem Rest meines Müslis gegessen habe. Dazu gab's Magnesiumtrunk aus der Apotheke. Bei der Bundeswehr wurde gesagt: Gelobt sei, was hart macht.
Im Hinterstübchen hatte ich schon erwogen, die geplante Tagestour bis Frielendorf (16 km) eventuell zu verlängern, und unterwegs entschloss ich mich dazu (so waren's dann 24 km). Nachdem ich in Frielendorf an einer Kurve praktisch mit der Nase auf eine Gastwirtschaft mit Metzgerei gestoßen wurde, musste ich da, da ich das wirklich als Fingerzeig Gottes verstand, einkehren.
Die Wirtin war sehr lieb, war aber partout nicht einverstanden, mir zu den gerösteten Klopsen ein Schnitzel zu servieren. "Wir müssen da mal was klären..." Also die Klopse sind keine Semmelknödel, sondern Hackfleischknödel. Wir einigten uns dann auf Klopse mit Kartoffelsalat, und es war wirklich gut. Und es war meiner Erinnerung nach das erste Mittagessen während der Wanderschaft.
So gestärkt gab es keinen Zweifel, es geht bis Ziegenhain! Und da bin ich nun und sitze im "Hotel Landgraf", bei Weißbier, Espresso, aber gesättigt mit einem "Schwalmer Sack", einer Spezialität des Hauses, Schweineschnitzel gefüllt mit Waldpilzen, Schinken und Zwiebeln.
Ob's den beiden Damen auch so gut geht, die mich heute am Spiesturm, gerade als ich meine Unterwäsche von der Leine (am Rucksack) nahm, einholten? Es sind zwei jüngere Damen aus Minden in Westfahlen, die eine Woche wandern, aber riesen Rucksäcke haben. Sie waren in Homburg auch im Evangelischen Jugendgästehaus, aber wir haben uns nicht gesehen. Und im Hamburger Fischmarkt haben sie auch gesessen, aber da haben wir uns noch nicht gekannt.
Eine der beiden ist vor einem Jahr den Spanischen Jakobsweg gegangen.
Auch sie haben schon schöne Erlebnisse gehabt. Die eine verliert gerne ihre Wasserflasche, was besonders dramatisch ist, weil sie von der Tochter geliehen ist, und die gerne diesbezüglich Theater macht. Und da war es wieder mal passiert. Ein Mann kommt dazu und sieht die in Auflösung begriffene Frau und sagt, er wird auch schauen. Sie läuft zurück, die andere wartet. Da kommt ein Auto: der Mann – und er hat die Flasche, aber jetzt ist die Frau weg. Nun fährt er die Strecke zurück, findet die Frau, und nun sind Frau, Flasche und Partnerin wieder vereint.
Nach dem kleinen Ratsch am Spiesturm (er war übrigens ein Teil der Grenzbefestigung zu Zeiten Ludwigs I (nicht des Bayern)), gingen wir wieder los, und da ich "Mann" und mit Klopsen im Magen, verabschiedete ich mich: Ich hätte ein anderes Tempo, was beide verstanden.
Ich zog los, rasant, Stöcke energisch in den Boden rammend. Nach zwei Kilometern hörte ich lockere Gespräche zweier Frauen hinter mir: Meine zwei neuen Bekanntschaften kamen, leger plaudernd an mir atemlosen Gewaltbolzen vorbei. Wir wünschten uns viel Erfolg bei der Nachtquartiersuche, und dass wir uns vieleicht bis Marburg wiedertreffen würden, und vorbei waren sie und auch bald außer Sichtweite. Das zum Wollen und nicht Können (meinerseits)!
Heute habe ich mich gegen Ende des Tages in einer Schaufensterscheibe gespiegelt gesehen. War mir ziemlich fremd, hatte aber auch keine Kraft mehr diese Figur zu fotografieren. Vielleicht ein ander Mal. Trotzdem nächste Woche geht's zum Friseur!
Euer
Siegfried im Zustand der Rekonvaleszenz bem Weißbier
PS: Weintrinken heb ich mir jetzt konsequent bis in die Weingebiete Lahn, Rhein, Mosel, Frakreich auf: man braucht ZIELE!
PPS: Jetzt spielt der Wirt Quetsche und zieht im Garten umher!
Dagobertshausen (16. Juni) Homberg / Elze (17. Juni)
Guten Morgen,
heute sitze ich frisch geduscht und angezogen in einem Zimmer mit schönen alten Möbeln, wie ich sie aus aus Opas Zeiten kenne (ich hab das ja noch in Winterbach erlebt), in einem top-modernen Haus am Ortsrand von Dagobertshausen! Vor mir ein Puppenwagen aus Peddigrohr mit einer liebevoll eingebetteten Puppe mit langen Zöpfen darin. Ein Doppelbett mit hohen, profilierten Kopf- und Fußteilen, dazu passendem Schrank, Schubladenkommode mit Spiegelaufsatz und Carrara-Abdeckplatte – früher der Platz, an dem man sich an der Schüssel wusch – und auch zwei Nachtkästchen.
Und wie kam ich denn dahin?
Es war wieder ein Tag mit allen Höhen und Tiefen einer "Pilgerfahrt" (jetzt spreche ich und denke ich manchmal tatsächlich auch schon von "Pilger-") gewesen.
Morgens war ich in Spangenberg aufgebrochen, nachdem ich mich mit meinen Resten des Großeinkaufs vom Samstag verköstigt hatte – jetzt habe ich nur noch ein Stück Ciabatta und den Romadur zum Mitnehmen.
Erst gehe ich aber zum Frühstücken mit den Eltern meiner Herbergs-"eltern". So, gefrühstückt habe ich unterhaltsam und gut und weitergewandert bin ich auch schon wieder.
Und so sitze ich hier um 20 Uhr am ausgestorbenen Marktplatz von Homberg/Elze. Ein wunderschönes Städtchen mit einer imposanten, die Stadt beherrschenden Kirche in der Philipp der Großmütige, Landgraf von Hessen, am 21. und 22.Oktober 1526 die Synode gehalten hat, durch welche Hessen evangelisch geworden ist.
Ich bin um kurz nach drei Uhr in die Stadt gekommen, und in der Information haben sie mich an das Evangelische Jugendgästehaus verwiesen, wo ich alter Jahrgang unproblematisch, aber zu etwas ungünstigeren Konditionen als die Jungen aufgenommen wurde. Da habe ich nun ein Zimmer mit Bett, in dem ich allerdings im eigenen Schlafsack schlafen werde, habe geduscht und Wäsche gewaschen.
Hab einen Spaziergang gemacht durch gepflegte Gassen zwischen Fachwerkhäusern, und alle Leute sind noch begeistert vom "Hessentag", der vorgestern zu Ende gegangen ist, und von dem sie sogar in Dagobertshausen geschwärmt haben. Vom Leben an diesem Tag merkt man nichts mehr: Leider, wie gesagt, alles ausgestorben, nur Reste der verschiedenen Aufbauten stehen noch, und wie ich gekommen bin, waren sie noch sehr mit Abbauen beschäftigt.
Wie gesagt, ich sitze im Freien vor dem Hamburger Fischmarkt, es ist das einzige "Lokal", wo noch Leute sitzen. Etwas entfernt ein türkischer Pizzabäcker, aber da sitzt niemand davor. Weiter hinten eine Italienische Eisdiele, da hab ich heut Tartuffo, vorzüglich, gegessen, die hat naturgemäß zu. An der Stirnseite groß angekündigt: Ristorante, Pizzeria, da wollt ich eigentlich hingehen, aber da gibt's bloß noch selbst gebrautes Bier!
Gegenüber ist der Pizza-Walter. Der Pizzabäcker schaut immer zu uns rüber, denn niemand ist bei ihm! Vor mir schräg unter dem Tisch sitzt der lokaleigene, langhaarige Hund und schaut mich immer noch vorwurfsvoll an, weil ich ihm vorhin vom Fisch nichts gegeben habe.
So, jetzt könnt Ihr Euch in etwa ein Bild vom Nachtleben in Homberg/Elze machen. Sollte es doch noch verlockende Lokale geben (schräg gegenüber ist der älteste Gasthof Hessens) so treten sie nicht in Erscheinung. Im Gasthof kann ich nicht einmal ein Licht erkennen.
Wie traurig ist das alles! Bin gespannt, wie das in den Weingegenden sein wird, an der Lahn, am Rhein, an der Mosel. Und ich freue mich ganz unpilgergemäß auf das Essen in Frankreich und hoffe, dass ich nicht auch enttäuscht werde.
Unterwegs ist mir heute auch wieder was Nettes passiert. Wie ich im Ort wieder meine Markierungen suche, mit Hilfe von Anwohnern und systematisches Umkreisen der Kirche, hält ein roter BMW neben mir, mit tätowiertem Fahrer. Ob ich über Bad Wildungen Bescheid wisse, sein GPS führe ihn immer hier im Ort umher, aber er komme nicht ans Ziel. Ja wir waren halt in Mosheim. Dieses Rätsels Lösung blieb mir verschlossen, meinen Weg fand ich wieder.
Über den Kehrenberg 363 Meter hoch, einen zweiten Berg bin ich auch fast bis auf den Gipfel, den Mosenberg 405 Meter hoch gestiegen. Ja der Pilgerführer und seine Wegeplanung haben's in sich. Da liest man "Homberg 8 km" auf dem Wegweiser für Autos, selber lauft man aber 12! Dafür aber über Berge, bei denen sich die Autos schwer täten. Aber es sind meist sehr schöne Wege. Und die ersten Schwammerl hab ich dabei heut in einem romantischen Mischwald auch gesehen!
Zum Tag vorher: Der Weg nach Dagobertshausen. Das Wetter war gemischt, zweimal hab ich von Spangenberg bis hierher Regenausrüstung angelegt und wieder ausgezogen. Einen falschen Weg hab ich auch wieder mal genommen, aber dadurch war ich in den Genuss gekommen, ein Stück durchs Fuldatal zu wandern. Die Fulda überschritt ich dann bei Malsfeld.
Dagobertshausen! Ein eindrucksvoller und irgendwie bekannter Name! Nur hat er mit dem Dagobert, an den Ihr alle denkt, nichts zu tun, sondern mit dem Merowingerkönig Dagobert, der im siebenten Jahrhundert gelebt hat, und der den Ort und noch einen anderen gleichen Namens gegründet hat.
Hier hatte ich mich das erste Mal per Email bei einer Privatunterkunft angemeldet, aber keine Antwort erhalten. Ich rief vor dem Ort nochmal an, aber Anrufbeantworter. Macht nichts, denk ich mir, die haben ja einen Gasthof, der steht im Führer mit Übernachtungsangebot. Also optimistisch und abgeschlafft hinein in die gute Stube. Eine Dame, die mit mehreren Leuten an einem Tisch sitzt, sagt: Alles besetzt! Ich meine erst, das sei ein Witz, aber es war ernst, es sei alles belegt mit Monteuren. "Ja, wenn Sie gestern gekommen wären!"
In unheiligem Zorn (da sieht man, wie wichtig das Pilgern ist und wie weit ich noch gehen muss – wird der Weg nach Santiago da ausreichen?), verlies ich die Gaststätte und setzte mich auf eine Bank, die Gott sei Dank da stand, und telefonierte mit dem zweiten Privatquartier, das im Führer angegeben ist: Wir sind besetzt, Bekannte sind da. Dann mit dem Evangelischen Jugendwerk, Anrufbeantworter.
Nun geh ich zur Beruhigung, und um den Himmel einzuschalten, in die Kirche mit dem gewaltigen Wehrturm. Erst find ich schon gar nicht hin. Da passt schon wieder alles. Lauter Häuser drum herum. Dann find ich eine Lücke und komm in die Kirche.
Und welche Überraschung! Da gibt's an der linken Seite einen Tisch mit Stuhl und auf dem Tisch liegt ein aufgeschlagenes Buch und stehen ein paar Flaschen Orangensaft und Wasser und Becher. Und ein Schild: "Liebe Pilger, wir grüßen Euch, stärkt Euch, stempelt euren Pilgerpass und tragt Euch, wenn ihr wollt, ins Gästebuch ein!" (Text jetzt frei aus meinem lückenhaften Gedächtnis interpretiert). Ich hab nicht getrunken, ich hab nichts ins Gästebuch geschrieben – dafür war ich zu unchristlich zornig –, aber ich hab gestempelt: Man ist ja schließlich Deutscher. Und ich fasste wieder Hoffnung. Wenn man in der Kirche so begrüßt wird!
Vor dem Kircheneingang steht eine Glocke von 1918 und ein Stein davor. Hier ließ ich mich nieder, Rucksack abgeschnallt. Und telefonierte. Das evangelische Jugendwerk sagte nun ab: Die Räume seien voll belegt durch eine Jugendgruppe. Das Privatquartier hatte nicht zurück gerufen. Das Pfarramt war noch anzurufen, hier wird man an ein anderes Pfarramt verwiesen, also auch Pleite. Jetzt bleibt nur noch der Ortsvorsteher.
Eine nette Frauenstimme meldet sich und sagt, sie hätte mich auf dem Bankerl gesehen, und ich könne zunächst zu Erdbeerkuchen und Kaffee vorbeikommen, sie könne schon was arrangieren.
Und so aß ich einen der besten Erdbeerkuchen meines Lebens, auch einen selbst gebackenen Amerikaner, besichtigte einen top-modernen Rinder/Kuhstall und beobachtete Kühe im Melkroboter, lernte, dass Kühe, die noch nicht gekalbt haben, Rinder sind, hörte von den Problemen der Landwirte und besonders von den aktuellen Problemen des Milchpreises und sah Sauen mit ihren ganz kleinen Ferkeln.
Und dann wurde ich in das Zimmer mit dem Puppenwagen geführt, das mein Schlafzimmer für eine Nacht sein sollte, und ich war zuhause. Und nach einem deftigen Abendessen mit den Eltern der Gastgeber (dabei gab's auch selbst gemachte Wurst!), sah ich noch im Familienkreis das Länderspiel Deutschland gegen Österreich!
Liebe Leute, manchmal glaube ich doch, dass ich einen mir wohlgesinnten Begleiter habe! Wie habe ich das verdient?
Euer
Siegfried
Spangenberg (15. Juni)
Hallo alle Ihr Lieben,
ich sitze hier vorm Fenster, vor mir die Fassade eines Fachwerkhauses und ein offenes Fenster, an dem eine junge Katze sitzt und sich putzt. Die Familie hinter dem Fenster kenne ich schon recht gut, obwohl ich noch niemanden gesehen habe. Vor allem die vielleicht sechs- bis achtjährige jährige Tochter, die es ob ihrer Stimmgewaltigkeit, die sie in regelmäßigen Abständen eifrig trainiert, sicher einmal zur Opernsängerin bringt. Vormittags hatte sie sich offenbar angestoßen was zu Carmen-gerechten längeren Passagen führte zu denen die Mutter im leisen Alt-Parlando den Widerpart spielte. Der Vater tritt nur in Nebenrollen auf und hat dann nur kurze, prägnante Schlüsselwörter im Repertoire, die aber die dramatische Handlung nicht weiter beeinflussen.
Heute war ich im evangelischen Gottesdienst, die Stadtkirche ist ja gleich um die Ecke. Eine katholische Kirche gibt es hier offenbar nicht.
Die sehr schöne und gepflegte gotische Kirche mit einem Steinaltar und der Kanzel am linken Pfeiler zur Apsis, von der der Pfarrer dann wirklich predigte – das erlebt man ja heute nicht mehr so oft – füllte sich etwa halb. Da zogen bei Orgelklang ein paar junge Leute mit einem Baby ein, der Pfarrer voraus. Alle setzten sich und waren zunächst still, sogar die Orgel. Dann stand der Pfarrer auf und sagte, dass heute Konrad getauft werden würde, und alle hätten ihn ja schon gesehen, weil ihn die Mutter beim Herreintragen stolz hochgehoben hätte, damit ihn alle sähen, sie solle es doch nochmal tun. Vielleicht war das jetzt für mich, ich hatte nämlich beim Einziehen vor lauter Schauen vom Baby nichts mitbekommen. Und die Mutter stand mit ihrem Kind im Arm auf, ging in den Mittelgang und hob stolz das Kind in die Höhe. Das war so eine einfache Handlung und doch so wunderschön.
Nach der Taufe segnete der Pfarrer mit einem eigenen Gebet auch die Mutter und legte ihr die Hand auf.
Es waren drei junge Leute, zwei waren offenbar die Taufpaten.
Trotzdem war es schön und tröstlich zu erleben, wie ein neugeborenes Kind in eine Gemeinschaft von Menschen feierlich aufgenommen wird, und wie diese Gemeinschaft dieses junge Geschöpf mit der Taufe unserem Schöpfer anvertraut, in dem uralten Wissen, dass es mit unserer Kraft allein nicht funktioniert.
Die Predigt handelte dann nach Markus soundso von "mein ist die Rache". Davon, dass man Hass mit Liebe vergelten solle, dass man auch dem Feind helfen solle und Gutes tun, denn jede gute Tat streue dem Feind "glühende Kohlen auf sein Haupt". Wenn man nur unter dem Gesichtspunkt Gutes tut, dass Gott dem Feind einst glühende Kohlen aufs Haupt streuen wird für die guten Taten, die ich ihm jetzt tue, wären die guten Taten auch nicht viel wert, aber die Welt wäre sicher friedlicher. Aber wir wissen ja, und der Pfarrer gab's selbst zu: Es fällt ihm und uns und seinem Pfarrgemeinderat sehr schwer....
Nach einem Spaziergang mit Besichtigung vieler Fachwerkfassaden mit reichem Schnitzwerk, Fassaden teils aus der Zeit der Renaissance, teils der Gotik, auf den Informtionstäfelchen zu lesen, den lesbaren Jahreszahlen auf dem Schnitzwerk nach, so um dem 30jährigen Krieg erbaut.
Ich habe beschlossen mir heute mit all den schönen Dingen, die ich gestern in einer Art Torschlußpanik eingekauft habe, selbst ein Mittagsmahl zu bereiten und so gibt's: Ciabatta mit Thüringer Sülzwurst, als zweiten Gang Romadur an Ciabatta, als Getränk zur Vorspeise Wasser vom Liebenbachquell (das heißt: aus der Leitung). Zum Hauptgang Orangensaft aus Konzentrat. Zum Nachtisch: Yoghurt mit Maracuja und Pfirsichstückchen, garniert mit Bio-Müsli mit Beeren.
Übrigens, Spangenberg hat einen Beinahmen: Liebenbachstadt.
Und das deswegen: Vor langer Zeit liebte ein armer Küferssohn des Spangeberger Bürgermeisters Töchterchen, und sie ihn natürlich auch. Aber der Bürgermeister war sauer: Er hatte sich was anderes für sein Töchterlein vorgestellt. Und da er zur selben Zeit auch politisch sehr unter Druck stand (die Gemeinde forderte eine Wasserleitung vom weit entfernten Bach in die Stadt), fiel ihm – typisch Politiker – eine preisgünstige und für ihn möglicherweise auch noch vorteilhafte Lösung ein: Er versprach dem Küfer sein Töchterchen, wenn er eine Wasserleitung von besagtem Bach in die Stadt legen würde und zwar in hundert Tagen.
Der Küfer fing gleich an und des Bürgermeisters Töchterlein half in wahrer Liebe mit. Und tatsächlich, sie schafften es! Nach hundert Tagen floss das gute Wasser des Baches in die Stadt. Die zwei Verliebten fielen sich in die Arme, weil sie ja wussten, sie würden jetzt Mann und Frau – und starben vor Erschöpfung.
Ein Brunnen vor dem Rathaus zeigt die beiden Liebenden in Bronze.
Nachmittags war ich noch auf Schloss Spangenberg und hörte wie ein Vater seinem Töchterchen beim Hinabsehen in den tiefen Burggraben erklärte: Schau, da sind Schafe drin, früher waren da Wildsäue drin.
War eigentlich ganz sinnvoll. Die Wildsäue waren sicher gute Verteidiger ihres Refugiums, des Burggrabens, andererseits schmecken sie recht gut.
Morgen geht's wieder weiter
Siegfried
Spangenberg (14. Juni)
Hallo,
Jetzt sitz ich hier beim Italiener vor einem Glas rotem Chianti und warte auf Tagliatelle DOC. Ein nettes kleines echtes Ristorante mit einer echten Italienerin!!!
Aber unter meinem Tisch steht wieder meine Landstreichertüte mit Saft, Wurst, Limburger, Müsli und einem großen Joghurt und – weil morgen Sonntag ist – einer Ciabatta.
Aber das hat eine Vorgeschichte!
Ich bin heute von Burghofen hierhergelaufen in der Absicht und mit der festen Erwartung, hier ein lebendiges, schönes Städtchen zu erleben.
Das Städtchen ist wunderschön, die Kirche ist alt und interessant: Der Chorraum ist seitlich erweitert um Seitenschiffbreite, mit einer Säule, wo sonst die südliche Wand steht. Schaut alles irgendwie original spätgotisch aus, aber das wäre noch zu klären.
Erst musste ich natürlich klären, wo ich unterkomme. Scheint alles kein Problem zu sein. Ich steh am Marktplatz, rundum ein Bild von Fachwerkstadt! Am Marktplatz ein Restaurant/Hotel (das ich mir aus Kostengründen nur im Notfall leisten wollte) und ein Ratskeller!
Und eine Information, die allerdings geschlossen hat: Es ist ja Samstag 16 Uhr. Nun telefoniere ich mit Gasthöfen, die aufgeführt sind. Das Hotel auf der Burg schließe ich aus. Irgendwo muss man ja schließlich zu sparen anfangen (Einzelzimmer ab 65 €).
Der erste Gasthof: Nicht abgehoben.
Der zweite Gasthof: Die Nummer ist uns nicht bekannt.
Die erste Privatunterkunft in Stadtzentrumnähe: Es wird nicht abgehoben.
Die zweite Privatunterkunft in Stadtzentrumnähe: Der Anschluss ist uns nicht bekannt.
Nun ging ich auf den Marktplatz, um doch im Hotel am Platz einzuchecken, und stellte fest, dass es das Hotel nicht mehr gab – Fassade und alles Drum und Dran waren allerdings noch da.
In dem Unterkunftsverzeichnis war eine Adresse Markt 4, da hatte aber die Telefonnummer nicht gestimmt. Also suchte ich das Haus. Ein altes Gebäude, schieferverkleidet, mit einer mindestens zehnstufigen Freitreppe. Eine Herausforderung, wenn man schon mehr als 17km auf Bitumen, auf Feldwegen, im Wald über Baumzweigenreste und einmal kriechend unter einem gefällten Baum sich fortbewegt hat, zweimal Regenzeug über sich und den Rucksack gestülpt hat, dafür aber erst einen Apfel und ein paar Schluck Wasser seit dem (allerdings recht üppigen) Frühstück genossen hat.
Die Treppe war geschafft, und was seh ich da? Pilger willkommen! Großes Aufatmen. Ein junger Mann öffnet und sagt mir, ich solle im Haus schräg gegenüber klingeln, da wohne die Besitzerin. Dort telefonierte der junge Mann gleich mit seiner Mutter und postwendend hatte ich den Schlüssel für ein nostalgisches Zimmer Am Markt 4! Mit Gemeinschaftsklo und Gemeinschaftsbad und einer Waschschüssel mit Krug auf der Kommode.
In einem kleinen Schreiben klärt der Hausherr auf: Dies ist das Haus meiner Eltern und Tanten, haltet es in Ehren! Das kostet 20 € incl. Frühstück, das man in der benachbarten Bäckerei bekommen soll.
Nun wird erst einmal die Wäsche gewaschen, die war nämlich schon überfällig, sonst hab ich nichts mehr zum Wechseln. Ja Leute, das Leben der Wanderer ist schwer: Hab ja nur drei U-Hosen dabei! Dann raus zum Abendessen!
Ratskeller geschlossen – für immer! Restaurant gegenüber (das kennen wir schon) gibt's auch nicht mehr.
Ich gehe die schöne Hauptstraße hinunter. Eine Pizzaria – man beachte das "a" in der Mitte – nicht besonders verlockend. Eine italienische Eisdiele: verlockend, aber ohne Gäste, aber wird in meinem Hinterstübchen vorgemerkt für ein eisförmiges Abenddiner. Ein Bistro ohne Gäste. Ein Döner, an der Fassade grell-farbig markiert: Da könnte ich mir einen Döner reinschieben, hab aber keine Lust dazu. Beim Weitergehen komme ich in einen kleinen hübschen Stadtpark und werde am Ufer der Pfiefe, an der ich ja heute entlang gewandert war, über Fischleitern aufgeklärt.
Auch an einen großen Parkplatz komme ich und einen Edeka-Markt, der bis acht Uhr auf hat, und da versorge ich mich für heute und morgen, meinem erholsamen Ruhesonntag!
Und all das steht jetzt in einem italienischem Restaurant unter meinem Tisch und ich überlege nun wie ich alter optischer Penner mit der Tatsache zurechtkomme, einerseits von der Existenz eines guten italienischen Restaurants zu wissen, andererseits von der Existenz einer gefüllten Edekatüte, die ich am Montag kaum mittragen werden kann. Aber Herausforderungen sind dazu da, gelöst zu werden.
Das Restaurant zeigte mir der Gelateriste, den ich nach einem guten Essen fragte. Das Ristorante liegt seiner Gelateria direkt gegenüber, ich hatte es einfach übersehen. So kam ich doch noch zu einer stimmungsvollen Umgebung zum E-Mailschreiben. Denn die E-Mails schreiben sich besser beim Wein und in gemütlicher Umgebung.
Nach einem opulenten Frühstück im Hotel heute früh wurde ich freundlich verabschiedet und ich bekam auch einen schönen großen Hotelstempel in meinen Pass. Und ich versprach, aus Santiago eine Karte zu schicken und mir wurde der Ehrenplatz dieser "Karte in spe" an der Wand im Restaurant gezeigt. Siegfried, Du kannst nicht mehr zurück!
Die Wanderung heute bot alles was eine Wanderung bieten kann: geteerte Wege, gepflasterte Wege, Sandwege, Fahrwege, begraste Wege, Fortwege auf denen Langholz verzogen worden war, Forstwege die mit Kleinholz und Zweigen übersäht waren, Wege, die von gefällten Bäumen überbrückt waren, Sonne, Regenschauer, Sturm. Auch verlaufen hatte ich mich, merkte es allerdings nach ein paar hundert Metern und nachdem ich Landschaft, Strasse, Bachlauf verglichen hatte, war ich zunächst der Meinung, meine Karte stimme nicht!
Ein paar Buben klärten mich auf: Nun musste ich feststellen, die Karte stimmte doch! Irgendwie beruhigend. Beunruhigend ist allerdings, wie schnell und gern man animmt, andere hätten Fehler gemacht, von der Fehlerfreiheit des eigenen Handelns allerdings voll überzeugt ist! Wie im richtigen Leben. Nur dass man das beim Wandern – hoffentlich – schneller merkt, und wenn nicht, wirklich selber ausbaden muss.
Ein bisschen hat sich das linke Bein wieder gemeldet, war doch ein bisschen anstrengend, aber insgesamt bin ich fast schmerzfrei! Manches Mal geht mir richtig ab, dass ich von den Fußsohlen nichts mehr merke!
Da kommt man sich schon fast wie ein Vergnügungsreisender vor. Vor allem wenn man sieht und hört, wie verbissene Auto- und Motorradfahrer ihre Motoren hochjagen, um ja möglichst schnell ans Ziel zu kommen. Das kann ich dann kilometerweit hörend mitverfolgen.
Ich hoffe, dass meine Anstrengungen nur in allernächster Nähe und da von niemandem gehört werden!
Da segt's, was ich für Sorgen habe!
Euer Siegfried, der seine schmerzlosen Fersen geniest
Hoheneiche (12. Juni), Berghofen (13. Juni)
Hi, Ihr Lieben,
ich bin natürlich schon wieder einen Tag zu spät dran, aber heute läßt's sich gut an: Ich sitze jetzt in einem Hotel (HOTEL!) in Berghofen. Noch nie gehört? Ich auch nicht, aber der Ort hat das Hotel, und das steht als "Gasthof zum Stern" im Pilgerführer und gibt "Pilgern" Pilgerrabatt. Das ist das Richtige nach der echten Pilgertour durch den Ringgau.
Hatte mich zwei Tage nur katzenartig am Waschbecken und nur mit kaltem Wasser und ohne Waschlappen (nicht dabei wegen Gewichtsersparnis), gestern nur knieend in einer Badewanne unterm Dachjuhe gewaschen, wobei trotzdem das ganze Bad auch so mit nass wurde, dass die Handtücher schon feucht waren bevor ich sie benutzte.
Heute war ich schon nach einer leichten (so schien es mir) Wanderung so gegen 14 Uhr im Hotel. Ich hatte mich vorher angemeldet. Und auf meine Frage nach Kaffee, sagte die nette Dame an der Rezeption: Ja, haben sie, aber ich solle doch erst meine Füße ein wenig hoch legen.
Nun bezog ich mein Zimmer, machte die Türe zu und fühlte mich wie zuhause. Nach den Herren beim Bier in meinem Schlafzimmer in Creuzburg, der Jugendheimstimmung in meinem Schlafzimmer in Netra, dem Schlafen auf Klappbett oder Matratzen im Schlafsack, dann dem allerdings schon recht schönen Zimmer mit echtem Bett und Bettwäsche in Hoheneichen, aber mit dem Schräguntermdachohneduschvorhangdafürmitschiebetürbadwc.
Und dann wird mir liebevoll gesagt, ich solle die Füße hochlegen! Ich aß im Zimmer, irgendwie war ich nun auch hungrig. Ich packte meine beiden, vorgestern abend frustriert in Netra gekauften Brötchen, die ich nicht mehr auf dem Anger-Bankerl essen konnte, weil ich ja beim Ortsvorsteher und seiner Frau zu abend dinieren durfte, aus, dann meine vorgestern Abend in Hoheneiche gekaufte Quarkkäsezubereitung mit Kräutern und genaß, bei einem Schluck aus meiner Wanderpulle mit Wasser aus Hoheneiche das Leben.
Anschließend gab's Joghurt mit Müsli von "Ja". War alles fürs gestrige Abendessen vorgesehen, aber da war ich ja bei meiner Hauswirtin im Regen in der Laube bei Grillwürstchen und Kartoffelsalat zum Fernsehen eingeladen! Deutschland gegen Kroatien!
Der Grill stand etwa 20 Meter entfernt im Regen und qualmte, und sie davor mit Regenschirm. Wir, ihr Mann, eine junge mollige Frau, die ihr sechswöchiges Kind stillte, ein kleiner Junge (für Bayern: Bub) und der dazu gehörige Vater.
Die Polin und ihr Mann haben keine Kinder und schließen offenbar dafür ganze junge Familien in ihr Herz. Ich hatte mit der Polin kurz darüber gesprochen.
Sie rannte nun immer vom Grill weg zu uns unters Dach zum Fernseher und regte sich lautstark auf über das Spiel der Deutschen auf, gab den einzelnen Spielern Anweisungen (sie hatte ja schließlich die Laube "schwarzrotgold" beflaggt) und kommentierte lautstark, während die Männer mehr oder weniger unbeteiligt bei ihrem Bier saßen. Und sie erkannte schon frühzeitig, dass die "Ärsche" heute verlieren würden.
So verging der Abend stimmungsvoll, etwas kühl, mit Grillwürsten und Bier, dann Wein, den ich gestiftet hatte, aber nur der Hausherr mittrank und einer saueren Hausherrin mit viel Temperament, die auf die deutsche Mannschaft "sauer" war, aber ihre herzhafte "kracherte Art" trotzdem nicht verloren hatte.
Sie war vor 30 Jahren nach Deutschland gekommen, wegen ihres Mannes, und noch heute verabschieden sie sich nach dem Früstück mit einem hörbaren Kuss! (Allein das war mein Frühstück um halb sieben Uhr wert!)
Heute früh, nach dem frühen Frühstück und einem herzhaften Abschied (ohne Kuss!) ging's für mich dann um acht Uhr weiter.
Das Ziel – das hiesige Hotel – hatte ich schon frühzeitig in meinen Plänen vorgesehen.
Zunächst hatte ich, wegen der Kälte, unter mein Trikot ein Unterhemd angezogen aber bald merkte ich, dass mir trotzdem nicht warm wurde. So zog ich nun zum ersten Mal meine dritte Schicht, die Regenjacke, an.
In Bischofen, eigentlich ein ganz kleiner Ort, war ich überrascht über die reichen und sehr gut restaurierten Fachwerkhäuser. Darunter fiel mir besonders ein Haus mit herausgezogenen Ecken auf.
Das müsst Ihr Euch so vorstellen: Den Hausherr haben immer gerade die Dinge vor seinem Haus am meisten interessiert, die genau übereck vor seinem Haus passierten. Und da hat er am meisten rausgeschaut und hat sich an die Wand gelehnt und da ist das Eck immer mehr nach aussen gewandert, so dass die Ecken nun ganz ausgebuchet sind nach außen. Und weil das die einfachen Leute natürlich nicht so gemacht haben, sondern nur die "besseren" ist das das Junkerhaus.
Es könnte natürlich sein, dass er nur nach einer Seite so intensiv rausgeschaut hat, und um die Richtung zu vertuschen die anderen Seiten.....
Das sind so Gedanken, wenn man vorüberzieht.
Da in der Kirche Festbeleuchtug zu erkennen war, ging ich hinein. Die Küsterin staubsaugte, und ich unterhielt mich gut mit ihr und trug etwas Weises ins Gästebuch ein, in der Hoffnung, dass das nur Gott, der mich – hoffentlich – liebt, liest und sonst keiner.
Die Wolken zogen sich immer mehr zusammen und ein Unterstand mit Tisch und Bänken kam in Sicht: für Biker las ich an einer Informationstafel, und da standen auch Übernachtungsmöglichkeiten im hinter mir gelassenen Ort drauf. Sind Biker noch besser organisiert als die Walkers, wie ich einer bin?
Ich entschloss mich, das erste Mal die "mittlere Regenausrüstung" anzulegen, also zur Regenjacke auch noch die Regenhülle für den Rucksack. Beim um die Ecke gehen, was ja auch mal sein muß, sah ich eine große Ansammlung von wohlgenährten Weinbergschnecken am Wegrand. Da läuft einem glatt das Wasser im Munde zusammen. Aber da muss ich wohl erst noch ein paar hundert Kilometer laufen, damit diese Vision Wahrheit wird. So in Knoblauchöl zu frischen, knusprigen Baguettes...
Regenausrüstung perfekt, ich bin fertig zum Weitergehen. Was seh ich da? Über mir blauer Himmel! Aber kurz darauf fing's an – und zwar heftig. Und meine Hose natürlich gleich pitschnass! Ich hatte ja, um noch eine Steigerung zu haben, meine Regenhose nicht angezogen.
Kapuze auf dem Kopf, Kopf tief gebeugt gegen den Gegenwind und die großen Tropfen (manchmal kamen sie mir wie Hagel vor) kämpfend, an den Kobold von Eckardsberga denkend, der einsam gegen abend in so ein Gewitter geraten war und von dem ich seit ein paar Stunden wusste, dass er das Unwetter heil und angstfrei überstanden hatte. Sie hatte das auf ihre Erfahrungen beim Alleine-Gehen auf dem ökumenischen Pilgerweg zurückgeführt. Wie sollte da ich – Mann – jammern können?
Der Regen war auch gleich wieder vorbei, die Hose trocknete wieder, dann regnete es wieder und die Hose wurde wieder nass. So kam ich schließlich nach Waldkappel, lief durch den Ort und besuchte die Kirche und auch einen Superkleinensupermarkt und fragte nach einem Löffel. Ein Mann mit Bart, einem Rucksack und einer nassen Hose.
Leider hatten sie keinen einzelnen Löffel in Metall, wie ich mir das vorstellte, sondern nur 20er-Packungen, die größeren zu 1,19 €. Die Dame meinte, die wären wohl für mich die geeigneteren, weil ich ja vielleicht auch Suppe essen wolle... Ich nahm dann doch die kleineren, weil ich ja noch einen Joghurt im Rucksack hatte, ja und wegen der Gewichtsersparnis. 20 Löffel wollen ja auch getragen werden!
Auf meine Frage nach Papiertaschentüchern kam der Geschäftsinhaber zur Beratung. Er stellte fest, dass sie nur diese Riesenpackung Tempos haben. Was soll ich mit der Packung in meinem Rucksack, und da ich zur Zeit recht wenig schneuze, dauert das ja ewig!
"Kommen Sie mit", sagte er, und gab mir eine Einzelpackung, "die schenke ich Ihnen". Ich sagte, das sei wieder zu wenig, er solle mir ein paar mehr geben, ich würde sie gerne zahlen. Da gab er mir eine zweite Packung: "Ich schenk Ihnen beide!"
Das war Waldkappel. Als ich aus dem Ort rauskam, lief ich in der Nähe des Campingplatzes vorbei, und da war ein Treffen von Pferdeliebhabern: also Reitern, Kutschern usw. mit allem Drum und Dran...
Da dachte ich mir, was doch die Leute so alles brauchen, um glücklich zu sein: Ein dickes Auto mit Hänger fürs Pferd und auch noch für die Kutsche, ein Motorrad oder einen Smart für die kleinen Strecken zum Bäcker und so, wenn das große Auto wo steht, ein opulentes Zelt, eine fesche Reiterausrüstung usw.
Aber es ist gut so. Wie langweilig wäre es, wenn alle bloß so rumlaufen würden wie ich und Schnecken betrachten, die die Radwege kreuzen. Muss dann immer aufpassen, dass ich keine erwische und zertrete oder aufspieße, bin ja schließlich 4-füßig unterwegs. Am Morgen laufen die Schnecken besonders gern über die Radwege – wenn ich komme auch Pilgerpfade genannt.
Unklar ist mir, warum die einen von Nord nach Süd, die anderen aber genau umgekehrt laufen. Aus den Schulbüchern (mein ich jedenfalls), weiß ich, dass sie nur von Ost nach West laufen. Und dann gibt es noch ganz schlaue: Die laufen tatsächlich nach Westen, so wie ich, aber die Straße verläuft nach Westen und ist wohl für eine Schnecke fast unendlich, es sei denn, es kommt eine Kurve.
Es gibt auch Schnecken, denen Essen über alles geht, und die tun sich dann gütlich an den Kadavern ihrer bei einer Kollision mit einem Fahrrad oder einem Pilger unterlegenen Artgenossen. Nicht bedenkend, hierbei das Schicksal geradezu herauszufordern.
Heute habe ich das erste Mal seit meiner Jugendzeit wieder ein Getreidefeld gesehen, "verunkrautet" mit Korn- und Mohnblumen! Ich bin stehengeblieben und habe mich einfach glücklich und froh gefühlt.
Gestern auf der Wanderung von Netra her sah ich von weitem eine Person, die vom Boden aufstand und sich mit etwas beschäftigte, was noch am Boden lag, das war blau. Aha, dachte ich mir, jetzt triffst du auf einen Wanderer. Es war nicht zu erkennen, ob Frau oder Mann. Schließlich war das, was am Boden war, aufgehoben, und ich sah, auch das war ein Mensch. Beide kamen mir entgegen: Ein Mädchen mit vielleicht 15 Jahren, mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht, freundlich grüßend, und ein zweites Mädchen, etwas jünger, die Zunge bis unters Kinn unbeweglich herausgestreckt, mit stierem Blick mich ansehend, aber auf meinen Gruß auch mit einem Laut reagierend. Was gibt es alles für Glück und Unglück in der Welt, und wie wenig ist Glück mit dem verbunden, was wir Haben und Erfolg nennen.
So glückliche Augen habe ich bei kaum einem Menschen gesehen, dem ich die letzten Tage begegnet bin. Am wenigsten bei denen, die hochtechnisiert durch die Welt autofahren oder radeln und verbissen ein Ziel ansteuern, das sie auch nicht glücklicher macht. Oder bei jenen, die durch die schönsten und würdigsten, jahrhundertealten Kirchen gehen und demonstrativ, die Hände in den Taschen, gelangweilt, eventuell auch eifrig fotografierend oder diskutierend, ihr Desinteresse am Sinn des Ganzen dokumentieren. Wie selbstsicher oder dumm müssen Menschen sein, wenn sie den Glauben, die Weisheit, das Wissen, die Erfahrung all unserer vorangegangen Generationen nur noch als Episode abtun.
Manchmal auch nachdenklich
Euer Siegfried
