Wismar (23. Juni)
Hallo,
habe einen französischen Pilger getroffen, kommt auus Krakau und geht ohne Karte:
Heureux d'avoir fait la connaissance de votre papa. Tout va bien. Vivd jakoba, ulteia... Toujours plus loin.
www.pelerinage.compostelle-2010.fr
Jean-Pierre
Stadtallendorf (20. Juni), Marburg (21./22. Juni)
Ja, Ihr Lieben,
den Weg von Stadtallendorf nach Marburg habe ich noch nicht beschrieben, und es wäre schade, wenn ich davon was vergessen würde.
Das Hotel, der "Klosterhof", hat ja seinen eigenen Reiz. Schon das Einchecken am Vorabend, arrangiert durch die beiden lustigen Mädchen, die mich beim Weißbier auf das Zimmer bzw. auf die Zusage, ob ich ein Zimmer bekommen könnte, mit lustigen Sprüchen warten ließen, hatte einen schon exotischen Reiz.
Beim Frühstück stellte sich dann heraus, dass außer mir nur noch ein Gast im Hause war. Wir unterhielten uns. Er stellt Industrieroboter ein, Stadtallendorf ist ja der Sitz großer Industriebetriebe. Und das kommt daher, dass im letzten Krieg hier zwei Sprengstoffwerke gegründet worden sind, vermutlich die größten in Europa, und wegen der dadurch entstandene Infrastruktur auch nach dem Krieg viele Industriebetriebe hier ansiedelten, vorwiegend Autozulieferindustrie. Allendorf wuchs von 1500 Einwohnern vor dem Krieg auf 24000 Einwohnern jetzt und wurde Stadtallendorf. Also, mein Mitfrühstücker richtet Industrieroboter ein, die Teile von Gussmaschienen sind, mit denen zum Beispiel Getriebeblöcke hergestellt werden.
Da ich in der Zwischenzeit ja auch was von Robotern verstehe (ich bin allerdings mehr auf Melkroboter spezialisiert), hatten wir viel fachzusimpeln. Er gab übrigens zu, dass Melkroboter besonders anspruchsvoll seien, weil das Tier sich ja bewege. Er brachte auch einen Gesichtspunkt vor, den ich noch gar nicht bedacht hatte: Die verschiedene Eutergröße und sonstige individuelle Eigenschaften jedes einzelnen Tieres. Er meinte, jedes Tier müsse als Individuum vom Roboter erkannt werden. Und da erinnerte ich mich, ja das tut er, und jedes Tier hat in diesem Stall sogar einen Namen!
Jedes Frühstück geht einmal zu Ende und bei mir ein wenig später. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass wenn ich gehen würde, niemand mehr im Haus sei. Ich solle den Schlüssel stecken lassen und den Seitenausgang benutzen. Das ist Vertrauen!
Nun gings wieder weiter über Langenstein, einem Ort, der seinen Namen von einem riesigen, früher noch größeren Menhir hat. Er stammt aus der Zeit der Megalithkultur, ist also in Urzeiten aufgerichtet worden und markierte vermutlich eine Gerichtsstätte. Einer Sage nach soll hier der heilige Bonifatius einst eine Kapelle errichtet haben.
Der heilige Bonifatius ist mir auch noch auf Amöneburg begegnet. Diese nur noch in Ruinenfragmenten erhaltene Burg liegt auf einem weithin sichtbaren Berg, ich hatte ihn schon weit vor Stadtallendorf gesehen, es ist ein Basaltkegel.
Der Jakobsweg lässt generell so Sachen nicht aus, auch wenn damit große Umwege verbunden sind. Es war sehr verlockend, Amöneburg auszulassen und ein paar Kilometer rauf bzw. Runter zu sparen. Aber nachdem ich im Führer gelesen hatte, dass hier Bonifatius ein Kloster gegründet hatte und von hier aus sein Missionswerk, die Bekehrung der Germanen zum christlichen Glauben begonnen hatte (sonst wärt Ihr jetzt alle möglicherweise noch Heiden), wollte ich diesen Ort doch besuchen.
Es geht natürlich wieder lange hinauf, aber oben gibt's im Stadtzentrum dafür erst einmal Kuchen und eine Tasse Kaffee. Viel ist aus der Zeit von Bonifatius nicht mehr zu sehen, selbst das, was von weitem so eine beeindruckende Silhuette gebildet hat, stammt aus jüngerer oder der Jetztzeit. Es gibt noch alte Mauerreste und eine gewaltige Ringmauer, die Befestigung in gotischer Zeit, vor der man vorüberzieht, wenn man weitergeht. Trotzdem war es ein Erlebnis an so einem Ort gewesen zu sein. Leicht ist nachzuvollziehen, wie vor uralter Zeit sich hier die Menschen trafen, weil, inmitten von Urwäldern, dies der einzige markante Punkt war.
Nun sehe ich von weitem schon die Lahnberge. Ich weiß, dahinter liegt Marburg. Also muss ich auch da noch drüber. Am Fuß der Lahnberge gibt es einen Brunnen, den Elisabethbrunnen, und der Jakobspfad führt daran natürch vorbei. Es ist eine tempelartige Fassade aus Sandstein vor der Felswand errichtet und in einer Nische plätschert die Quelle.
Da im Führer steht, dass auch heute dem Wasser noch besondere Heilkraft nachgesagt wird, wollte ich mich auch bedienen. Aber! Es ist kein Trinkwasser. Der Sage nach hat die hl. Elisabeth hier einst ja auch nur ihre Wäsche gewaschen und sie an den Sonnenstrahlen zumTrocknen aufgehängt!
Weiter geht's hoch auf die Lahnbergehöhe. Hier steht ein Hinweisschild: Zur "Heiligen Eiche" und zur "Elisabethtrappe".
Die Eiche habe ich gesehen: eine riesige Baumruine, teiweise skuril ausgehöhlt, der Durchmesser sicher mehr als zwei Meter. Bei der Eiche gibt es auch zwei (2!) Wegweiser zur Elisabethtrappe. Es soll ein Baum sein in den sich die Fußabdrücke der hl. Elisabeth eingedrückten, als sie sich und ihr Hündchen vor einem gefährlichen Wolf auf den Baum rettete. Ich ging, obwohl es schon spät war und ich noch kein Quartier hatte, den angezeigten Weg hinein. Eine Wegkreuzung, vier Wege führen weiter – welcher ist der richtige? Und natürlich weit und breit keine Markierung. Ich gab's auf und begann schleunigst den Abstieg nach Marburg.
Übrigens, die Koordinaten der Elisabethtrappe habe ich auf einer Hinweistafel in der Nähe einer Bushaltestelle gesehen, ist doch logisch, dass man da keinen Wegweiser mehr braucht.
Müde!
Siegfried
Marburg / Lollar (22. Juni)
Ihr Lieben,
jetzt, heute am Sonntag, bin ich genau 4 Wochen unterwegs und da ich den Ruhetag gestern am Samstag in Marburg genoss, war ich heute auch wirklich unterwegs.
Aber vorher, da war ich noch im Bett, fiel mir noch was wichtiges ein. Ein "Pilger" braucht einen Stempel! Ich weiß nicht, ist das den Deutschen eingefallen oder den Spaniern? Jedenfalls fällt mir das am Sonntag früh um 6.00h im Bett ein. Hm, wie komme ich zu einem Stempel?
Es ist Sonntag, da könnte man ja in die Kirche gehen, obwohl gefühlsmäßig für mich der gestrige Samstag ein Sonntag war und ich mich auch recht innig mit der hl. Elisabeth und Gott auseinandergesetzt habe.
Aber ein "Pilger" bezieht auch die Vorsehung in sein Denken mit ein und so meine ich, der noch fehlende Stempel könnte vielleicht mit dem Wunsch der hl. Elisabeth zusammenhängen mich nochmals sehen zu wollen. Auf dem Weg zu ihr, käme ich auch in der Nähe der modernen kath. Kirche vorbei. Einen Besuch dort schloß ich aber aus, weil ein Gottesdienst zu dieser Zeit, es war vor 9.00h noch nicht gefeiert würde, und mit Stempeln hatte ich mit kath. Priestern ja schon meine Erfahrungen.
Also machte ich mich reisefertig, lies aber den Rucksack im Zimmer, weil der weitere Weg lahnabwärts ja genau am Haus vorbei ging. Ich raste also los. Da ich den anstrengenden Weg durch die Altstadt – bergauf und bergab – kannte und meine Kräfte lieber für die Wanderung schonen wollte, ging ich die Pilgrimsteinstraße (ist ja vielleicht auch ein alter Pilgerweg – über die Altstadt geht dagegen der Barfüßerweg). Ich versuche mir vorzustellen, mit wieviel Leid und Schmerzen in den vergangenen Zeiten Menschen aller Schichten voll Hoffnung an das Grab der hl. Elisabeth gepilgert sind.
Nun gehe ich also, komme an der Info vorbei, am unteren Teil des Rathauses, vor dem ich ja gestern hoch oben in der Altstadt gemütlich abend gegessen habe. Sehe auch die Talstation des Altstadtaufzuges, man kann also da sein Auto parken und dann landet man oben, ohne Anstrengung und kann sich gleich in ein Cafe setzen. Es gibt auch einen Sexshop und gegenüber eine halbverfallene Fabrikruine. Auch das ist nun ein Weg zur Elisabethkirche.
Welcher Weg ist nun der bessere Pilgerweg, welcher würde dem Geist der hl Elisabeth mehr entsprechen?
Der Weg über die Altstadt, wunderschön, anstrengend, an mondänen Geschäften vorbei, an Cafes, Bistros, Eisdielen, Restaurants, Bierstuben vorbei, alle mit einladenden Tischen unter Sonnenschirmen vor ihren Häusern?
Oder der triste Weg unten, an ungepflegten Häuserfassaden und an einer Ruine vorbei.
Oder der Weg aus der Garage in den Aufzug und von dort nur bergab zur Kirche.
Schließlich, nach zwanzig Minuten erreiche ich die Elisabethkirche, schon ein bisschen angeschwitzt, es ist kurz nach neun Uhr. Ich sehe keine Leute, nur einen "Penner" an der Treppe zum Vorplatz hinunter. Er hat eine Decke auf dem Pflaster ausgebreitet für seinen Hund, den ich dann auch sehe und seine frischen Markierungen an fast jedem Pfeiler der Kirche.
Die Kirche aber ist geschlossen!
Es steht groß da "offene Kirche" und auch auf den Anschlägen hatte ich gelesen, ab neun Uhr offen. Ich sehe einen Mann, der mir nach Auftreten und Kleidung ein Aufsichtsmann zu sein scheint und spreche ihn an. Nein er suche auch einen Eingang. Es sei doch Sonntag und er wolle gerne an einem Gottesdienst teilnehmen. Er ist Ausländer.
Zunächst ging ich nun davon aus, dass der Küster verschlafen habe (es war ja erst 9:15 Uhr), denn die nochmalige Nachsicht am Anschlag bestätigte: offen ab neun Uhr, und ich beschloß zu warten und vertrieb mir die Zeit die diversen Anschläge auf dem Kirchenvorplatz zu studieren.
Liebe Leute, eigentlich brannte mir das Feuer ganz unchristlich unter den Füßen, hatte ich doch noch eine Wanderstrecke von mehr als 20km vor mir, und nun stand ich verschwitzt vor der verschlossenen Kirche.
Ja, und was sehe ich da: Sonntags wird die Elisabethirche erst um 11.15 Uhr geöffnet! Ich informiere meinen Partner auf Zeit, und es bleibt uns nichts anderes übrig als abzuziehen. Ich rate ihm, einen Einheimischen nach einer offenen Kirche zu fragen, ich sei damit überfordert, und so trennen sich unsere Wege wieder.
Ich hab halt keinen Stempel von einem wichtigen Zwischenziel meiner Reise, aber ein Stempel war ja gewiss nicht eigentlich mein Anliegen. Nun eile ich durch die erwachende Altstadt zurück, es wird zusammengekehrt, Stühle und Tische rausgestellt und sonst ist kaum jemand auf der Straße. Vor einer kleinen Broncefigur an einer Strassengabelung sind über Nacht Farben flaggenartig auf die Strasse gesprüht worden. Für mich unerklärlicher Übermut nach einem Fußballspiel.
Ich komme nun wieder an meiner Pension vorbei, es ist fast zehn Uhr, warmgelaufen, eigentlich schon ein wenig verschwitzt, schultere meinen Rucksack, und auf geht's zum Lahnradweg Richtung Wetzlar, heutiges Ziel Lollar, so ca. 24km entfernt.
Die Sonne scheint, es ist ein schönes Wandern auf einem Teerweg und oft im Schatten. Heute bin ich allerdings nicht allein unterwegs, es kommen Radler von vorne und Radler von hinten, ich muß schön rechts gehen, damit ich nicht angefahren werde.
Und ich sehe in viele Gesichter. Vielleicht ist auch das eine Folge des "Pilgerns": Ich bin hellwach! Meine zwei Füße und meine zwei Stöcke finden ihren Weg, weichen Löchern, Schlamm, Käfern, Schnecken und Raupen aus, ohne dass ich mich besonders darauf konzentriere. Und so habe ich eben Muße, den Entgegenkommenden ins Gesicht zu sehen.
Da gibt es fröhliche Gesichter, denen man ansieht, dass es deren Trägern Freude macht, unterwegs zu sein, da gibt es verklärte Gesichter, manchmal in den dazugehörigen Ohren mit Ohrhörern eines "wie sagt man wieder?"
Stadtallendorf (20. Juni), Marburg (21. Juni)
Grüße aus Marburg, das ich gestern um sechs Uhr erreicht habe.
Jetzt ist es schon wieder gegen ein Uhr, und gerade habe ich mich vor ein Café gesetzt (Wasser, Cappuccino und Kuchen vor mir) und denke an das zurück, was ich heute hier und gestern unterwegs erlebt habe. Und wie immer fällt es mir schwer, all das, was ich gesehen und erlebt, manchmal auch "erlitten" habe, mir wieder vor Augen zu führen.
Allein aus dem Grund, mir meine Erlebnisse zu erhalten, mögen sie noch so klein und unbedeutend sein, wird dieses Tagebuch geschrieben – und dass Ihr es mitlesen könnt, ist ein kleiner Nebeneffekt, damit spare ich mir manches Kartenschreiben und ich zwinge mich, tatsächlich auch zu schreiben, damit ich mich nicht vor Euch blamiere. Denn ich habe mich schon dabei entdeckt, dem Wunsch der Bequemlichkeit nachzugeben und nicht zu schreiben.
Gestern Abend war so ein Fall: Kurz nach sechs Uhr war ich an der Info, um sechs Uhr macht sie zu. Im Führer hätte ich schon eventuell eine Pilgerunterkunft recherchieren können, aber ich wollte ja meinen Ruhetag machen und auch was anschauen und deshalb möglichst im Stadtzentrum unterkommen.
Aber immerhin, die bei der Info sind schlau: Sie haben eine Liste im Schaufenster, aus der man Übernachtungsmöglichkeiten, Preise und Entfernung vom Bahnhof(?) ersehen konnte. Das beste Haus am Platze schloss ich mal aus. Nicht nur wegen der Preise – über 100 € fürs Einzelzimmer – sondern auch wegen der für mich unerreichbar scheinenden Höhe über meinem jetzigen Platz: Das Schlosshotel.
Schnell hatte ich einen Faforiten gefunden, dessen Lage ich sogar in meinem Kleinen Pilgerführer lokalisieren konnte: Gästehaus Tuskulum. Übernachtung 38 €.
Ich ruf an, es wird nicht abgehoben. Ich suche weiter. Alles was erschwinglich ist, kann ich auf meiner Karte nicht lokalisieren, ist also für mich nicht erreichbar, zumindest psychisch, physisch hätte ich's vielleicht geschafft.
Aber kurz eine Episode aus meiner Caféumgebung: An Nachbartischen sitzt eine vierköpfige Familie. Die Straße ist leicht abfallend. Ich sitze etwas höher. Links an einem Tisch sitzt Mama, schräg ihrem Mann zugewandt, der am mittleren Tisch sitzt, schräg rechts zu ihm aber gegenüber sitzt die unter zwanzigjährige Tochter am dritten Tisch, ihr wieder dazu versetzt der vermutliche Onkel. Die Tochter und somit die ganze Familie ist mir durch einen energisch ausgesprochenen Satz: "DEIN Computer ist der Computer der FAMILIE!" aufgefallen. Nachher gings dann um die Fußballspiele.
Ich bin aber immer noch an der Info.
Es wäre natürlich ein schöner Zug der Info, auch eine Karte auszuhängen, aus der man die Lage der anbotenen Unterkünfte ersehen könnte – spielt ja selbst für Autofahrer keine so kleine Rolle. Irgendwie mit Gottvertrauen gesegnet und der sprichwörtlichen Pilgerruhe, die meine Pilgergenossin in Eckardswerda, den "Kobold" sogar durch das große Unwetter begleitet hat, wie ich später von ihr erfahren habe, rief ich bei einsetzendem Regen nochmal bei Tuskulum an und siehe da, sie haben noch ein Zimmer!
Und in zehn Minuten bin ich dort und zieh meine Feierabendkleider an und gehe raus, um ein schönes Abendessen zu genießen. Und komme an einem ansprechenden Biosupermarkt vorbei und lass mich reinlocken und beschließe, für ein Abendessen und zwei Frühstücke einzukaufen. Und kaufe halt (man darf hungrig nicht einkaufen!) zu viel ein, vermute ich. Gehe auf mein Zimmer: Es gibt Brötchen mit Leberwurst und Camembert aus Neufchatel (ideal weich), Joghurt mit Müsli und Honig! Fruchtsaft und anschließend Merlot, aus der Flasche getrunken, als Dessert eine Handvoll Datteln.
Der Wein stieg mir zu Kopfe, die Glieder waren ohnehin schon schlaff. Ich war ja an die 25 Kilometer gegangen und hatte in der Nacht nur fünf Stunden geschlafen, weil ich nach dem Fußballspiel in Stadtallendorf noch fast bis zwei Uhr nachts Tagebuch geschrieben hatte. Es wurde nichts mehr geschrieben, nur noch mit Müh und Not geduscht und ins Bett gegangen. Ja so leicht lass ich mich von Vorsätzen, hier Tagebuch zu schreiben, abbringen!
Aber heute, nach einem opulenten Frühstück aus meinen gestern eingekaufte Vorräten ging ich gleich mal zum Friseur "Essielle", der gleich gegenüber in der Straße ist, und kam gleich dran und siehe da, ich schaue wirklich wieder ziemlich zivilisiert aus.
Gestern hat mich so ein Hobbyspaziergänger aus dem nahe gelegenen Krankenhaus angesprochen mit: "Sie sehen ja aus, als kämen Sie direkt aus dem australischen Outback!"
Nach dem Friseur flanierte ich in die erwachende Innenstadt, erklomm, da ich mich beim Hinweisschilder deuten vertan hatte, erstmal die Burg, wobei mich eine Frau in meinem Alter mit Rucksack energischen Schrittes überholte und mir schon wieder entgegen kam, wie ich noch gar nicht ganz oben war.
Der Grund wurde mir oben klar. Ich war auf dem Festplatz!
Es gab einen schönen Brunnen mit einer ausführlichen Hinweistafel auf die historische Wasserleitung zur Burg. Ich umrundete den Platz. Es gibt noch was Turmartiges, aber weder eine Mögchkeit auf die Stadt runterzuschauen – überall Bäume – noch eine Sicht oder einen Hinweis auf die Burg. Das einzige Hinweisschild: WC, ist ja auch was. Trotzdem ging ich weiter, etwas unterhalb der WCs und siehe da: Gleich hinter den WCs kam die Burg in Sicht. Die eilige Wanderin hätte nur ein paar Schritte in eine Richtung machen müssen, die sie mit "Burg" nicht in Verbindung gebracht hatte.
Vorschlag an die Schilderverantwortlichen dieser und anderer Städte und an die bewundernswerten Idealisten, die die Pilgerwege markieren: Lasst mal einen Fremden vor Euch hergehen und Eure Schilder deuten, Ihr würdet Euch amüsieren, mit wieviel Phantasie Eure Schilder den fremden, manchmal müden Wanderer zu ganz anderen Orten führen als Ihr sie Euch ausgedacht habt...
Stadtallendorf (19. Juni)
Salute, der Gestresste grüßt Euch,
denn heute war wieder ein Tag, bei dem alles geboten war.
Nach dem gestrigen gemütlichen Abend im Biergarten meines Hotels bekam ich heute früh auch noch ein opulentes Frühstück, wie sich's gehört, so dass ich (wie immer Rucksack auf dem Buckel) ziemlich genau um neun Uhr auf der Straße war. Der Wirt trug mir noch Grüße an seinen alten Spezl im Hotel zur Burgruine in Marburg auf. Dann ging ich auf den gleich neben dem Hotel liegenden Paradeplatz vor dem Schloss und besuchte auch die Schlosskirche, wo ich mit Orgelspiel – übenderweise – begrüßt wurde. Auch das sehr schöne Gebäude des Museums sah ich mir, natürlich nur von außen, an.
Das Schloss ist sinnigerweise heute Gefängnis und hat vergitterte Fenster! Was für eine Nutzungsänderung!
Dann ging ich (weil's im Führer hieß: Zurückgehen bis zur Landgraf-Philipp-Straße) dahin zurück, wo ich gestern hergekommen war, weil ich meinte, dies wäre irgendeine Straße, die da abzweigen müßte. Gott sei Dank gab's da nach 500 Metern aber einen Stadtplan, auf dem ich sah, dass die Hauptstraße die besagte Straße war. Ich war also wieder mal – und das gleich am Morgen – eine Ehrenrunde gelaufen.
Nun hatte ich die Richtung, und auf einem Damm des Hochwasserrückhaltebeckens ging's Richtung Treysa weiter. Dies ist praktisch auch ein Stadtteil von Schwalmstadt wie Ziegenhain und andere nah bei einander liegende Orte.
Gut gelaunt und weit vor der von mir berechneten Zeit traf ich in Treysa ein und suchte ungeduldig den ersten Anlaufpunkt, das Stadion. Ein auskunftsfreudiger Herr klärte mich auf, dass ich einen Ort zu früh von meiner Route abgebogen war. Ich war doch nicht so schnell gewesen, wie ich's in der Morgeneuphorie gedacht hatte! Das war also die zweite Ehrenrunde gewesen.
Schließlich war ich in Treysa und nach einem echt pilgermäßigem Einzug auf einem schmalen Steg unter einer niedrigen Auto-, dann hohen Eisenbahnbrücke kam ich auch an die alte "Totenkirche". Diese ist heute eine malerische Ruine aus noch intaktem Turm und den Seitenwänden der Kirche. Totenkirche heißt sie deswegen, weil sie, nachdem eine neue Stadtkirche da war, nur noch bei Beerdigungen genutzt wurde.
Aber es gibt eine schöne Geschichte. Während der Belagerung der Stadt im Siebenjährigen Krieg strichen die Treysaer ihren Turm mit Buttermilchfarbe, eine damals gängige Art des Anstrichs (gibt's heute übrigens auch noch). Daraufhin zogen die Belagerer ab, weil sie annahmen: Wenn die noch so viel Milch haben, dass sie ihren Turm damit streichen können, dann hat das Belagern keinen Sinn. Seitdem heißt der Turm: Buttermilchturm!
Ich zog weiter. Ich hatte mir ja auch heute eine Streck von mehr als 20 Kilometer vorgenommen. Und nun ging's los: Feldwege, nicht gemäht. Stöcke können nicht eingesetzt werden, weil das Gras zu viel Widerstand bietet. Dann ein Waldweg: Blockiert von vom Sturm umgerissenen Bäumen. Ich umgehe sie weiträumig, immer auf der Hut, den Weg nicht zu verlieren.
Ein Bauer auf einem Traktor gibt mir den Tip, am Waldrand zu gehen, weil's auch wegen möglicherweise noch in den Bäumen hängender Astteile, die noch herunterfallen können (wir haben auch einen böigen Wind) gefährlich ist. Am Waldrand siehts besser aus, die meisten Bäume sind in Richtung Wald gefallen, warum aber einige wenige genau umgekehrt gefallen sind, bleibt mir ein Rätsel. Deswegen sind Umwege in die Weizenfelder zu machen.
Da ich zur Zeit – um ein wenig luftiger unterwegs zu sein – die Hose kürzer trage, bekomme ich von den Unterschenkeln ständig Meldungen über die bodennahen Eigenschaften des gerade durchwanderten Gebietes: kratzige Fichtenzweige, elastische, weiche Buchenzweige, Himmbeergestrüpp, Weizen, hohes Gras, Brennesseln.
Zum Teil geht's durch hohes Gras und ich suche Spuren von vor mir gegangenen Wanderern. Manchmal glaube ich, was zu erkennen, dann sind Halme in meiner Gehrichtung geknickt, manchmal nicht. Ich denke an die beiden jungen Frauen aus Minden, die ich gestern kennengelernt habe, aber nicht mehr traf. Eine ging in Sandalen, weil ihr Fuß so geschwollen war, dass sie nicht mehr in den Wanderschuh hinein kam. Für sie wäre das eine Tortur! Aber die beiden hätten sicher eine Lösung gefunden.
Heute hatte ich vergessen, Wasser mit zu nehmen – das erste Mal. Und so hatte ich nur ein paar Schluck zu trinken, Obst hatte ich auch nicht. Und gerade heute kam ich an eine gefasste Quelle! "Klauseborn" in der Nähe von Momberg. Da konnte ich biblische Sprüche und Verse von Dichtern zum Thema Wasser lesen, während ich ausgiebig das kühle, gute Nass genoss.
