Eisenach (2) (8. Juni)
Hallo,
Ich sitze hier in Eisenach vor dem Theater auf einem Bankerl in der Sonne. Habe gerade an der Kasse gefragt, ob sie noch für die Abendvorstelluung eine Karte hätten, und ob ich in meinem Zustand ins Theater rein käme. Schaue ja doch schon ein bisschen anders aus, als ein üblicher Thaterbesucher: Schlappen, leichte, aber dunkle Wanderhose, grünes Trikot, dazu hinkend und steif gehend und unrasiert, wobei dies schon wieder langsam Stil bekommt.
Ich hatte gedacht, es würde heute Abend Margarete gegeben, von Gounot, aber das war gestern, heute gäbs "die Fledermaus" um 15.00h und dazu habe ich keine Lust, also stellt sich die Kleiderfrage nicht!
Anschließend ging ich als guter Christ und – manchmal – frommer Pilgersmann in die Kirche und musste mir zehn Minuten Verkündigungen anhören. Die Predigt handelte vom sozialen Verhalten Andersartigen (Gleichnis vom Zöllner) gegenüber.
Als der Pfarrer nach der Kirche rauskam, bat ich ihn, mir einen Stempel zu geben. Er tat zunächst etwas befremdet wegen des Ansinnens, fragte dann aber, ob Stempel oder Siegel und bemerkte, dafür müsse er ins Pfarrhaus gehen. Dass er Stempel und Stempelkissen in der Hosentasche bei sich hätte, hatte ich auch nicht angenommen.
Dann stellte er sich zu seinen Schäfchen und unterhielt sich.
Ich stand in der Armensünderecke mit meinem Pilgerausweis in der Hand auf meinen schmerzenden Füßen und wartete. Ein Mann machte seine Frau auf mich aufmerksam, weil er den Pilgerausweis bemerkt hatte, und sie schaute mich verschämt an.
So stand ich gute zehn Minuten, dann packte ich meinen Ausweis wieder ein und ging zu einem schattigen Bankerl vor einem kleinen Brunnen auf einem ganz kleinen Platz, und eine große schwarze Katze umschmeichelte mich tröstend, kauerte sich wohlig neben mich auf die Bank und zog dann, nachdem sie sich noch Abschied nehmend kurz an meinen Rücken gedrückt hatte, von dannen.
Meine "ernste Hessin", die in Berlin wohnt, ist den Weg von Görlitz bis hierher gegangen und ist, nach dem gemeinsamen Frühstück schon wieder fort. Sie geht jetzt weiter Richtung Süd-West, in ihren Geburtsort, ich gehe weiter Richtung Marburg.
Nun sitz ich auf einer anderen Bank im alten Friedhof. Irgendein auch lädierter Mensch hat zwei Bänke gegeneinander so aufgestellt, dass die Beine bequem hoch gelegt werden können. Und da sitz ich nun, genieße den Sonntag, die Ruhe, nur ab und zu kommen ein paar Leute vorbei.
Am Marktplatz vor dem Rathaus ist ein Bikertreffen, und vor der Information informierte ein Mann mit rotem Regenschirm seine Gruppe lautstark über den Standort des Örtchens, und dass es auch ein "Pachtklo" gäbe, dort könne man länger.
Ich werde weder Bach-Haus noch Wartburg besichtigen. Meine "Hessin" hatte mir geraten, einen Esel zu nehmen. Das aber soll alles noch warten, ich erlebe sowieso so viel, dass ich jetzt schon nicht mehr weiß was vor drei Tagen war!
Noch was: Meine "Hessin" war beeindruckt von meiner Schilderung des Benehmens der Fliegen in Mechterstädt. Die fühlten sich dort besonders wohl und erinnerten mich an die Fliegen in Winterbach. Sie putzten mit den Vorderbeinen ihre Rüssel, nicht langsam wie die Stadtfliegen, sondern schnell, fast agressiv, dann rannten sie umher, ihre Flügel aufreizend halbhoch stellend, flogen kurz hoch, um gleich wieder zu landen.
So und jetzt gehe ich zum "Schwanenturm" und trink Kaffee und hoffe, ich bekomme einen guten Kuchen dazu. Das Mittagessen habe ich, wie jeden Tag, ausfallen lassen, um nicht aus dem Rhythmus zu kommen.
Euer
Siegfried
Eisenach (7. Juni)
Liebe Leute,
das war heute wieder ein Tag! Aber morgen genehmige ich mir den zweiten Ruhetag, ist ja eigentlich schon überfällig!
Ich sitze hier in Eisenach im Garten des Gasthofes "Am Storchenturm". Habe grade in der Speisekarte gelesen, dass dies eines der ältesten Bauwerke Eisenachs sein soll. Es war eine Kemenate. Weitere historische Ergüsse erlese ich mir aus der Speisekarte bei der nächsten Bestellung.
Also wir – die "ernste Hessin" aus Berlin und ich – waren in Mechtelstädt noch fürstlIch mit einem Frühstück bewirtet worden und genossen das natürlich bei einem aus dem Fundus der Bodelschwingschen Anstalten stammenden, selbst gebrühten Kaffee.
Als wir nach Bezahlung fragten, wurde uns von der netten Sekretäfin gesagt, das koste nichts! Es gibt also wirklich noch PILGERHERBERGEN!
Gut wir schliefen in den eigenen Schlafsäcken – aber auf bequemen Betten, was für einen Senior wie mich schon ein Luxus ist. Das Aufstehen von einer Matratze, die am Boden liegt, ist für mich schon recht umständlich. Wir konnten ausgiebig duschen, und jeder hatte ein riesiges Zimmer für sich: Aufenthaltsräume o.Ä.
Frisch gestärkt und unternehmungslustig machten wir uns wieder auf die Wanderschaft, vor uns die Höselberge, die wir, wie wir aus dem Führer wussten, der Länge nach zu durchwandern hatten.
Bald kreuzte unseren so schön mit der Jakobusmuchel gekennzeichneten Weg eine große Strassenbaustelle. Meine "ernste Hessin", die übrigens auch lächeln konnte, und der der von mir gebrühte Kaffee sehr gut geschmeckt hat (hat sie jedenfalls gesagt – ich erzählte ihr natürlich von den Kaffeeorgien bei Lars und Chantal) war zu der Zeit schon wieder 200 Meter vor mir auf einer Umgehungsstrasse.
Sie kam auf meinen Zuruf zurück, wir einigten uns, die Baustelle zu durchqueren und schafften es. Ist übrigens nicht so leicht, wie Ihr Nichtwanderer, oder Sonntagswanderer annehmt. Aber wir schafften es und fanden wieder unsere Muschelmarkierung.
Und nun gings langsam aber stetig bergauf. Zunächst nach Hastrungsfeld, dort steht das Haus von Frau Holle, und ein nicht zu übersehender Briefkasten davor. Hier hatten wir den zweiten Photoshooting-Termin, der erste war gleich zu Beginn des Weges. Jetzt könnt Ihr meine Begleiterin auch mal bewundern! Sie ist seit über drei Wochen(!) von Görlitz her unterwegs, allein, und schaut trotzdem doch noch recht zivilisiert aus. A Hessin halt!
Morgen trennen sich unsere Wege, sie zieht nach Norden in ihre Geburtsstadt, ich Richtung Marburg, weiter.
Und jetzt grad wie ich das schreibe, mein zweites Weissbier bestellt habe, die "Suppe nach Lust der Köchin" (heute war's eine Zwiebelsuppe) genossen habe, darauf noch eine Kachelwurst auf Eisenacher Art, mit Bratkartoffeln, tritt jemand an meinen Tisch – und: es ist meine "Hessin"!
Aber das ist jetzt das Ende des Tages!
Nach unserem Photoshooting-Termin vor dem Frau-Holle-Haus sind wir erstmal Richtung Großer Hörselberg aufgestiegen. Sie natürlich weit voraus und bald außer Sichtweite. Ich – gedenk meiner bayerischen Abstammung...??! Gemütlich.
Ich erreiche aber auch den großen Hörselberg und die dazugehörige Wirtschaft. Eine wunderschöne Aussicht, aber keine Hessin da. Die hat sicher schon ihren Spezi getrunken und ist weiter, oder hat in ihrem Geschwindigkeitswahn gleich auf den Spezi verzichtet. Ich nippe also an meiner Trinkflaschenration, um gleich weiter zu gehen, da ist sie da, sie hat einen anderen – muschelmarkierten – Weg genommen, und der war halt länger.
Jetzt machen wir doch eine kleine Pause im Gasthof, aber dann geht's weiter: Richtung "Kleiner Höselberg".
Kurze Anmerkung dazwischen: In diesem Höselberg haust VENUS, die Thannhäuser bezirzt hat!
Wir sind wieder auf einer Betonpiste.
Die "Ernste Hessin" eilt wieder vorraus und ist bald aus meinen Augen verschwunden Ein kleiner Pfad biegt links ab, er ist mit der Muschel gekennzeichnet. Ich bin mir nicht sicher, ob das meine "Hessin" bemerkt hat. Ich rufe in den Urwald hinein – keine Reaktion – ich habe keine Chance sie einzuholen.
Da ich auch ein Problem mit dem rechten Bein habe, nehme ich die Stöcke und gehe über einen schmalen, malerischen Pfad mit wunderbarer Aussicht über das Wörseltal weiter und schließlich runter, unter der lauten Bundesstrasse durch und lange eineinhalb Stunden nach Eisenach. Leider nur am Bahndamm entlang und durch wenig attraktive Vorstadtregionen.
Aber schließlich bin ich doch in der Altstadt, gehe durch die Karlstraße zum Markt und telefoniere vor der Informatonstafel die Pensionen und Hotels ab und lande schließlich hier im Puppenstubenhotel.
Nach Duschen und bißchen Ausruhen geht's zum Abendessen hierher, und was sehe ich, wie ich so gemütlich, gesättigt und zufrieden im Biergarten sitze und die Leute betrachte, na? Meine "Hessin"!
Sie war tatsächlich den falschen Weg gelaufen – das erste Mal seit der Wanderung von Görlitz her – hat's im nächsten Ort gemerkt, und ließ sich mit dem Taxi nach Eisenach fahren und ist im gleichen "Puppenstubenhotel" untergekommen wie ich.
Wir feiern Wiedersehen, und haben uns viel zu erzählen, und der Wein schmeckt in der lauen Sommerluft besonders gut.
Und so komme ich auch noch zu meiner Mobilat-Creme für meinen lädierten "Haxen".
Euer Siegfried
PS: Heute hat mir eine junge Radlerin vom Fahrrad aus zugerufen: buon camino! (oder so ähnlich) Schau i denn scho so aus?
Mechterstädt (6. Juni)
Hallo, Ihr Lieben!
Jetzt bin ich also in Mechterstädt, einem Ort ca. 15 Kilometer vor Eisenach.
Gerade sind wir – die "ernste Hessin" und ich – vom "Stern" zurückgekommen. Dort haben wir uns niedergelassen, nachdem uns der Wirt (oder dessen junger Adlatus) der näher gelegenen Wirtschaft "....." ein wenig überfordert ob unseres Ansinnens, ein Abendessen verspeisen zu wollen, dorthin geschickt hat.
Ich habe dort eine vorzügliche "Kachelwurst mit Sauerkraut und Bratkartoffeln" genossen, dazu zwei Hefeweißbier. Nachdem mir meine liebe, "ernste Hessin" das DU angeboten hatte, unterhielten wir uns noch bei einem Schoppen Wein über Gott und die Welt, über die Jugend, die Autobahn und die Venusgrotte, die wir – insbesondere ICH – morgen passieren müssten. Der Wirt gab uns gute Ratschläge.
Jetzt sitze ich aufm Bankerl vor dem Haus der Bodelschwingschen Anstalten in dem ich heute nächtigen werde.
Es war ein anstrengender Weg von Gotha hierher, obwohl er sehr schön auf einer Anhöhe verläuft und schöne Ausblicke nach Süden bietet. Aber es war eine Betonpiste, ehemals wohl eine Zufahrt zu einem Truppenübungsplatz.
Um von Gotha raus zu kommen, von der Herberge aus, die hinter dem Schloss liegt, musste ich wieder durchs Schloss gehen, einen Blick zurück seht Ihr! Aber was seh ich da, wie ich zur Stadtseite aus dem Tor gehe. Das Schloss ist nicht ausgerichtet auf die Hauptachse der Stadt, das (rote) Rathaus, sodern verschoben um ca. 100m. Das wäre ja auch nicht so besoders. Aber genau in der Schlossachse steht eine übermannsgroße Statue eines Fürsten und schaut zur Stadt. Nur da wo er hinschaut ist nur der Hinterhof eines untergeordneten Gebäudes. Ist das nun gelebte Demokratie oder das was ich empfand: Die Stadt sagte dem Fürsten "l.m.a.A.".
Ich ging nochmal über den Brühl, die Innenstadtmeile und genoss das Erwachen der Stadt, dann gings Richtung Westen immer bergauf zum "Kriegberg" und fast bis Mechterstädt auf der Anhöhe mit immer einem weiten Blick nach Süden.
Mir war unterwegs noch so viel eingefallen, was ich Euch schreiben wollte, aber jetzt ist leider alles weg!
Dann bis zum nächsten Mal!
Siegfried
Gotha (2) (5. Juni)
Hallo,
das ist das Bild zu der Geschichte die ich erzählt habe. (Bilder gehen noch nicht, Anm. d. Red.)
Jetzt bin ich gerade zur Herberge zurückgekommen. Mit der derzeitigen Mitpilgerin aus Nordhessen/Berlin. Ja die, die ich in Fiernstedt kennengelernt habe. Wir haben uns beim Italiener wiedergetroffen und noch ein Viertelchen miteinander getrunken und geratscht. Sie hat sich heute unterwegs den Fuß verknackst und läuft auch nicht mehr so elegant wie ehedem. Hat Sorge wegen der Wanderung über die Hörselberge, die auf dem Weg nach Eisenach noch zu überwinden sind. Aber sie wird's schaffen!
Siegfried
Gotha (5. Juni)
Hola, Ihr Daheimgebliebenen!
Ich schreite mit Riesenschritten nach Westen! Heute von Frienstedt, wo ich übernachtet hatte, erst mal 20 Minuten zum Fürstenhof, wo ich früstückte. Dies ist eine Gaststätte an der B.. nach Gotha.
Ich fragte ihn, wieso sie "Fürstenhof" hieße: Das kommt daher, dass einmal ein Fürst hier vorbeigekommen ist, der sich was zugezogen hatte. Er wurde hier gesund gepflegt. Der Fürst erlaubte daraufhin der Gaststätte, die vorher "Zur fetten Gans" geheißen hatte, sich forthin "Fürstenhof" zu nennen. Es ist nicht überliefert, aber ich gehe fest davon aus, der Fürst hat sich dafür "freie Kost und Logis" ausbedungen.
Auf meine Avancen bezüglich der Bezahlung des Frühstückes alternativ den Hausnahmen "Siegfrieds wahrer Kräftequell" zu erhalten, ging er nicht ein. Aber er erzählte mir noch was. Der Kaiser Wilhelm (II) war auch mal da. Die Jahreszahlen schwankten zwischen 1806 (ich tippte auf ein Treffen mit Napoleon) und 19... Beim ersten Termin sind Kanonen abgeschossen worden, beim zweiten wurde was übergeben.
Beim Weiterwandern kam ich an dem Gedenkstein vorbei. Da steht (ich hoffe, ich zitiere richtig): Wilhelm II 1891 1919. Vermutlich gab es 1891 ein größeres Manöver zu Ehren des Kaisers, und 1919 war ja der Erste Weltkrieg schon zu Ende. Hier könnten Spezialisten wie der Schubert Hans(i) mal ein klärendes Wort schreiben.
Beim Weiterwandern kam ich bald an ein steinernes Kreuz am Wegrand, und da stand auch eine Geschichte drauf. Es gibt zwei solcher "Kleinrettenbacher Kreuze" eines südlich und eines nördlich des Ortes. Die Kreuze wurden nach dem 30-jährigen Krieg von den Gemeindemitgliedern als dank dafür aufgestellt, dass: Ja, da standen sich zwei feindliche Heere gegenüber: Eines südlich des Ortes und eines nördlich, und als sie gegeneinander zogen, um sich und nebenbei auch den Ort zu vernichten, brach ein so dichter Nebel herein, dass sich die beiden Heere verfehlten und kampflos aneinander vorüberzogen.
Eigentlich hätten die Soldaten auch noch Dankeskreuze aufstellen müssen. Aber vielleicht habens sie's ja getan.
Weiter geht's Richtung Gotha, das ich gegen 14 Uhr erreiche. Ich habe mich in einer "Pilgerpension" angemeldet, aber auf der Suche danach verfranse ich mich total. Erst bin ich wieder auf dem Weg zurück, bis mich ein netter, juger Herr aufklärt, dann bin ich im falschen Stadtteil, weil ich aus der Skizze im Führer falsche Schlüsse zog. Ein nochmaliger Anruf in der Pension und ich fand sie bald links hinter dem Schloss. Dabei erfuhr ich auch gleich, dass es einen "Brühl" gibt, die vornehme Meile von Gotha und ein rotes(!) Rathaus (Außenanstrich).
Beim ausgiebigen Duschen habe ich festgestellt, dass ich an der Rückseite der Beine, über den Stiefeln unter den gekürzten Hosenbeinen, eine Art Sonnenbrand habe. Muss mich offenbar um solche Körperteile kümmern. Werd's schon noch lernen – hoff' es wenigstens.
Beim Runtergehen von der Pension zum Brühl hab ich mich gleich wieder verlaufen. Die Fürsten haben Gotha offenbar so angelegt, dass feindliche Truppen und damische Wanderer verwirrt werden. Ich hoffe, ich finde nach zwei Weißbier, einem Insalata italiana, Tagliatelle con Fungi, einem Espresso und einem Vino von Montalcino noch heim. Etwas irritiert mich: Das Italienisch hier hört sich eher wie Russisch an! Das wäre was für Mami gewesen.
Nasdrawi Siegfried
