6
Juni
2008

Gotha (5. Juni)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Hola, Ihr Daheimgebliebenen!

Ich schreite mit Riesenschritten nach Westen! Heute von Frienstedt, wo ich übernachtet hatte, erst mal 20 Minuten zum Fürstenhof, wo ich früstückte. Dies ist eine Gaststätte an der B.. nach Gotha.

Ich fragte ihn, wieso sie "Fürstenhof" hieße: Das kommt daher, dass einmal ein Fürst hier vorbeigekommen ist, der sich was zugezogen hatte. Er wurde hier gesund gepflegt. Der Fürst erlaubte daraufhin der Gaststätte, die vorher "Zur fetten Gans" geheißen hatte, sich forthin "Fürstenhof" zu nennen. Es ist nicht überliefert, aber ich gehe fest davon aus, der Fürst hat sich dafür "freie Kost und Logis" ausbedungen.

Auf meine Avancen bezüglich der Bezahlung des Frühstückes alternativ den Hausnahmen "Siegfrieds wahrer Kräftequell" zu erhalten, ging er nicht ein. Aber er erzählte mir noch was. Der Kaiser Wilhelm (II) war auch mal da. Die Jahreszahlen schwankten zwischen 1806 (ich tippte auf ein Treffen mit Napoleon) und 19... Beim ersten Termin sind Kanonen abgeschossen worden, beim zweiten wurde was übergeben.

Beim Weiterwandern kam ich an dem Gedenkstein vorbei. Da steht (ich hoffe, ich zitiere richtig): Wilhelm II 1891 1919. Vermutlich gab es 1891 ein größeres Manöver zu Ehren des Kaisers, und 1919 war ja der Erste Weltkrieg schon zu Ende. Hier könnten Spezialisten wie der Schubert Hans(i) mal ein klärendes Wort schreiben.

Beim Weiterwandern kam ich bald an ein steinernes Kreuz am Wegrand, und da stand auch eine Geschichte drauf. Es gibt zwei solcher "Kleinrettenbacher Kreuze" eines südlich und eines nördlich des Ortes. Die Kreuze wurden nach dem 30-jährigen Krieg von den Gemeindemitgliedern als dank dafür aufgestellt, dass: Ja, da standen sich zwei feindliche Heere gegenüber: Eines südlich des Ortes und eines nördlich, und als sie gegeneinander zogen, um sich und nebenbei auch den Ort zu vernichten, brach ein so dichter Nebel herein, dass sich die beiden Heere verfehlten und kampflos aneinander vorüberzogen.

Eigentlich hätten die Soldaten auch noch Dankeskreuze aufstellen müssen. Aber vielleicht habens sie's ja getan.

Weiter geht's Richtung Gotha, das ich gegen 14 Uhr erreiche. Ich habe mich in einer "Pilgerpension" angemeldet, aber auf der Suche danach verfranse ich mich total. Erst bin ich wieder auf dem Weg zurück, bis mich ein netter, juger Herr aufklärt, dann bin ich im falschen Stadtteil, weil ich aus der Skizze im Führer falsche Schlüsse zog. Ein nochmaliger Anruf in der Pension und ich fand sie bald links hinter dem Schloss. Dabei erfuhr ich auch gleich, dass es einen "Brühl" gibt, die vornehme Meile von Gotha und ein rotes(!) Rathaus (Außenanstrich).

Beim ausgiebigen Duschen habe ich festgestellt, dass ich an der Rückseite der Beine, über den Stiefeln unter den gekürzten Hosenbeinen, eine Art Sonnenbrand habe. Muss mich offenbar um solche Körperteile kümmern. Werd's schon noch lernen – hoff' es wenigstens.

Beim Runtergehen von der Pension zum Brühl hab ich mich gleich wieder verlaufen. Die Fürsten haben Gotha offenbar so angelegt, dass feindliche Truppen und damische Wanderer verwirrt werden. Ich hoffe, ich finde nach zwei Weißbier, einem Insalata italiana, Tagliatelle con Fungi, einem Espresso und einem Vino von Montalcino noch heim. Etwas irritiert mich: Das Italienisch hier hört sich eher wie Russisch an! Das wäre was für Mami gewesen.

Nasdrawi Siegfried

6
Juni
2008

Fiersheim nach Erfurt (4. Juni)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Hallo,

nach der gestrigen, eher gehobenen Kategorie einer Übernachtungsstätte, habe ich heute wieder eine Herberge bezogen.

Ich hatte mich, wie empfohlen, schon am Morgen telefonisch angemeldet, und so konnte ich unbeschwert den Tag in Erfurt genießen.

Von Kerspleben bis Erfurt Mitte waren natürlich erst Mal eineinhalb Stunden zu wandern, und das Wetter schaute so zweifelhaft aus, dass ich überlegte, den Regenschutz über den Rucksack zu ziehen.

Um 10 Uhr hatte ich das Zentrum erreicht und da ich nicht wußte "wohin", ging ich erst mal in die Kauf-(leute/manns/fahrt...-hab den Namen schon wieder vergessen, aber dafür gibt's ja Internet)-Kirche. Und ich hatte gleich wieder einen Volltreffer gelandet: Hier sind die Eltern von J. S. Bach getraut worden, hier wurden die ersten EVANGELISCHEN Predigten gehalten, hier predigte Luther um 1521. So, das war Geschichte.

Nun ging ich zum Augustinerkloster, das im Führer u. a. als Stempel- und Übernachtungsstelle eingetragen ist, und deponierte meinen Rucksack.

Leicht aber nicht leichfüßig begann ich, Erfurt zu erkunden. Überall gibt es wunderschöne Häuser aus allen Epochen unserer Geschichte, und alles passt malerisch zusammen: Alte windschiefe Fachwerkhäuser neben edlen Putzfassaden mit farbigem Zierwerk. Man wandert durch verwinkelte Gassen mit altem Granitpflaster und kommt sogar über einen rauschenden Mühlbach.

Plötzlich ein riesiger Platz, über dem zwei gewaltige Bauwerke thronen: der Dom und die evangelische Kirche " ". Der Dom schießt förmlich in die Höhe mit seinen schlanken Pfeilern und Fenstern, er erinnert an die Kathedralen der französischen Hochgotik mit ihrer feingliedrigen, vertkalen Struktur, und dies hier überhöht, weil hoch oben über dem Platz stehend.

Man muss eine sehr hohe, sehr breite Freitreppe hochsteigen, erst von dieser Terrasse aus sind beide Kirchen betretbar. Ich war nur im Dom, ein nicht all zu großer, aber sehr hoher Raum mit schlanken Pfeilern, schlanken hohen Fenstern.

Die vorderen Fenster – im Alterraum – haben sehr feine, detailreiche Bleiverglasung. Diese Fenster wirken aus der Ferne wie funkelnde Kristalle, aus der Nähe wie Bilderbücher, wie Comics.

Ich setze mich und versuche den Raum auf mich wirken zu lassen, da kommen zwei Mädchen mit Papierblock und interviewen mich über Fremdenfeindlichkeit. Ist anscheinend eine Schulaufgabe.

Langsam geht's wieder über große und kleine malerische und geschäftige Plätze zurück zum Platz vor dem Hauptpostamt, wo ein schöner moderner Brunnen plätschert und eine berühmte Lutherfigur hoch oben auf einem Sockel predigt.

Ich muß bald ans weiterwandern denken und genehmige mir noch mein Weißbier mit Kaffee und Kuchen. Ich will noch Frienstedt erreichen. Es wird noch eine dreistündige Wanderung mit ein paar kleinen Verirrungen. Schließlich, kurz nach sechs bin ich da. Ein Fachwerkhaus, ehemals wohl eine Scheune, wird mein Quartier. Der Raum, in dem ich jetzt auf einer Ledercouch sitze, ist über 30 Quadratmeter groß und mit weiteren Couchs unterschiedlichster Art bestückt. Es gibt auch eine Schrankwand. Es ist offenbar so ein Senioren- oder Jugendtreff, für den alle ausgemusterten Möbel des Ortes zusammen getragen wurden.

Nun lerne ich auch meine Mitbewohnerin kennen, eine Frau in mittleren Jahren. Sie ist aus Hessen und ist den Weg von Görlitz her gegangen, wobei sie einmal geschwindelt hat und mit dem Zug gefahren ist. Ein bisschen ungewöhnlich ist die Situation, dass der Zugang zu WC und Dusche gerade vor ihrer Türe ist, und dass sowohl ihre Türe als auch die Türe zum WC nur Faltschiebetüren sind. Habe angekündigt, dass ich nachts evt. vorbei komme, sie solle sich nichts dabei denken. Wir sind halt "Pilger".

Wir sind noch ein Stündchen auf dem Balkon gesessen und haben geratscht. Sie muß Montag wieder arbeiten. Morgen will sie schon um sieben weiter: nach Gotha, wo auch ich hingehen werde. Vielleicht sehen wir uns ja wieder.

Gute Nacht, es ist fast 12 Uhr
Siegfried

PS: Hab zu Abend im Fürstenhof hier am Ort gegessen. Thüringer Kartoffelknödel, mit rohen Kartoffeln gemacht, so gut wie früher zuhause, und einen gefüllten Schweinerücken, dazu feines Blaukraut. Neben mir saßen zwei weise Männer, die sich erst über Schopenhauer, Marcuse und andere weise Männer ausliesen, dann einen Probepoker versuchten, wobei der Herr mit der größeren Schnauze nicht zurecht kam, weil der Wirt nur deutsche Karten hatte, er aber nur französische gewohnt ist.

Ach ja, heute fragte mich ein kleiner Bub: "Bist du ein Wanderer?"

Und am Morgen, als ich nach Erfurt rein kam, begegnete mir eine echte Pilgersfrau in jungen Jahren mit einem gewaltigen Haselnuss-Pilgerstab und wünschte mir fröhlich "gut Weg!". Schade, dass sie nicht in meine Richtung ging, wir hätten sicher gut pilgermäßig fachsimpeln können.

6
Juni
2008

Erfurt (4. Juni)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Liebe Leute, Freunde und Geliebte!

Bin heute zu Fuß um 10 Uhr aus Kerspleben hier eingetroffen. Und da ich nach einem kleinen Stadtrundgang (den Rucksack habe ich im Augustinerkloster abgegeben), dem Dombesuch und dem Ende eines Gottesdienstes in der Kirche des Ursulinenklostes nun bei Donnergrollen vor einem Weissbier sitze, habe ich Zeit und Muße Euch zu schreiben. Denken tue ich sowieso immer an Euch!

Ich bin überrascht von Erfurt! Früher habe ich immer gedacht, München sei der Nabel der Welt! Jetzt laufe ich zu Fuß von einem Nabel zum anderen!

Zeitz, Naumburg, Weimar, jetzt Erfurt, morgen Gotha und bald Eisenach!

Ich grüß Euch herzlich und begleitet mich weiterhin
Siegfried

4
Juni
2008

Kerspleben / Erfurt (3. Juni)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Hallo,

Einerseits habe ich es fast bis Erfurt geschafft, andererseits aber nur fast. Aber ich fange lieber heute Morgen an, sonst komme ich wieder durcheinander.

Nun fuhr ich mit dem Bus wieder zurück zum gestrigen Ausgangspunkt. Der Ausflug nach Weimar war wunderschön und ich habe ihn nicht bereut. Nun stand ich allerdings nicht oben im Lager, wo ich gestern abgefahren war, sondern wieder am Fuße des Etterberges. Und so ging ich wieder querfeldein den Berg hinauf und kam schließlich an den Anfang des Gedenkweges für die Buchenwald-Bahn, die '43 von den Häftlingen innerhalb drei Monaten gebaut werden musste.

Und nun lief ich diesen alten Bahndamm hinauf. Schienen gibt's nicht mehr, aber der Schotter und ab und zu alte Streckenkennzeichen. Auf dieser Strecke wurden die Häftlinge in offenen Viehwaggons angefahren, zu den Außenlagern forttransportiert und schließlich auch zum Vernichtungslager Ausschwitz gebracht. Auf angehefteten Zetteln las ich, dass immer noch Leute nach ihren – damaligen – Kindern suchen. Sie mussten für den Transport nach Ausschwitz – dem Ort ihrer Venichtung – selbst noch zwei Pfennige pro Kilometer bezahlen.

Es hielten zwei Autos mit holländischem Kennzeichen. Ein wenig schämte ich mich, einem Volk anzugehören, das zu solchen Taten fähig war, und das jetzt einzelne große Männer und Frauen adoptiert und zu Aushängeschildern macht: Goethe, Schiller, Bach.... Das waren alles Einzelpersonen! Die Nazis und die, die mitgemacht haben, waren viel mehr. Mit welchem Recht schmücken wir uns mit den Verdiensten dieser Männer, die sich, so hoffe ich, von diesen Vorkommnissen distanziert hätten.

Ich ging wieder am Lager vorbei und den Pfad der Wachmannschaften östlich Richtung Hottelstett weiter und versäumte tatsächlich die Abzweigung nach B.. vorm Walde.

So ging ich im Bewusstsein,mal wieder einen Umweg zu machen – was ist schon ein Umweg von ein paar Kilometern, wenn man 3000 vor sich hat! Ihr merkt schon ich bin ein wenig weggetreten was Entfernungen betrifft, es wird wirklich alles relativ, was Zeit und Entfernungen betrifft, und ich fühle mich wohl dabei.

Leichtfüßig wandere ich an der Grenze zwischen einem Roggenfeld und einer Wiese einen Kilometer weit um wieder annähernd in die richtige Richtung zu kommen. In Hottelstedt, das ich eigentlich entfernungssparend umgehen wollte, sagten mir Leute, dass sie mich schon Mal gesehen hätten. Wir klären das: irgedwo im Bereich Buchenwald.

Schließlich (nicht so schnell wie es Euch hier scheint) kam ich hier gegen sechs in Kerbsleben an. Die Füße schmerzen, ich gebe auf, es hat keinen Sinn mehr weiterzuwandern.

Erfurt werde ich morgen beim Durchwandern erleben. Jetzt (es ist 21 Uhr) sitze ich im "Hohenzollern" nach Weizenbier und hervorragendem "in Köstritzer Bier Geschnetzeltem", nach einem knackigem Salat und einem heißen Pfirsichragout, bei Donnergrollen und Regen, der mich nichts angeht und denke an Euch und schreibe Euch!!!

Euer Wanderer
Siegfried

PS: Die Wirtin hat mich beim Einchecken gefragt,ob ich Pilger sei. Ich bin ein Wanderer auf den Spuren der Pilger. Ich fühle mich nicht als Pilger, dafür erlebe ich zu viel Schönes! Aber ich denke oft an Euch, an jeden Einzelnen, und ich hoffe, ich kann ein wenig von Euren Ängsten, Sorgen, Wünschen mitnehmen dorthin, wohin ich wünsche zu kommen.

PS 2: Heiko habe ich offenbar verloren, Auch er wollte ja nach Buchenwald. Nachdem er erfahren hat, dass es da keine Übernachtungsmöglichkeit gibt, ist er sicher Richtung Huttelstedt und Ollendorf weiter gewandert und dort untergekommen.

4
Juni
2008

Weimar (2. Juni)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Liebe Leute,

ich kenn' mich nicht mehr aus! Die Ereignisse überrollen mich!

Ich sitze jetzt vor dem Gadthaus "zum schwarze Bären", das das älteste(!) Gasthaus Weimars sein soll. Vor mir das Rathaus, dessen Uhr verlässlich alle Viertelstunde den Winchester-Schlag tut, deren Zeiger – seit ich da bin – aber immer auf halb 12 stehen. Der Platz ist der "Markt".

Wie komme ich jetzt plötzlich hierher?

Ja, liebe Leute, ich hab den Eindruck, es meint doch jemand sehr gut mit mir. Und Eure guten Wünsche und Gedanken spielen da sicher auch eine gewaltige Rolle.

Ich bin also nach meinem besinnlichen Stündchen am kleinen Weiher im Buchenwald unter der gewaltigen Eiche weitergegangen, so nach Gefühl, Sonnenstand und bergaufwärts.

Ein netter junger Mann, der seinen Hund im Weiher baden lies, hatte mir vorher versichert, man könne sich eigentlich nicht verlaufen. Auf halber Strecke hatte ich – nach Vergleich von Sonnenstand und Karte mit den Gegebenheiten vor Ort – den Eindruck, dass hier der im Pilgerweg eingezeichnete Weg zu mir gestoßen ist. Ich war beruhigt, obwohl ich vorher eigentlich nicht beunruhigt war.

Schließlich kam ich an ein Zauntor, es war offen. Und da sah ich Die Edelstahlstelen lm Wald. Rundrohre mit ca. 12 cm Durchmesser und ca. 3 Meter hoch, die lotrecht im Wald stehen, verstreut zwischen den Bäumen. Eimal dichter, dann wieder weniger dicht. Ich war sehr berührt, da ich weiss, dass diese Stelen Massengräber kennzeichnen. Es fällt auch sofort auf, dass der Wald hier viel jünger ist als der Buchenwald unten, und dass hier vorwiegend schnell wachsende Ahorn stehen.

Das Weitergehen fällt schwer im Bewusstsein, dass hier so viele Leben so schrecklich beendet worden sind. Für was, für wen soll man da beten? Sollte ich als Wanderer (ich möchte mich nicht Pilger nennen, wie es auf dem Weg vielen all zu leicht von der Zunge kommt) durch die Wanderschaft, die mir so viel Freude bereitet, einen Verdienst erwerben, so steht es mir nicht zu, um irgendetwas zu bitten! Ich hoffe nur, dass allen, die mich im Geiste begleiten, ein bisschen von der Freude, die ich nun erleben darf, und dem Glück, das mir im Leben gegönnt war, teilhaftg werden.

Ich ging weiter hoch, durchschritt wieder einen "Gartenzaun" und stand auf der breiten Querstrasse vor der ehemaligen Einzäunung des Lagers. Es sind nur noch die Stahlbetonpfosten, verrottet, aber teils noch mit den Isolatoren der Hochspannungsleitungen zu sehen. Später las ich, der Weg war der Weg der SS-Wachpatrouille.

Am Weg war dann auch ein Kreuz und ein Hinweis auf das Speziallager der Russen, das hier von '45 bis '50 existierte. Die Stelen markierten offenbar Massengräber aus dieser Zeit. Zu DDR-Zeiten war offenbar die Tatsache unterdrückt worden, dass zu dieser Zeit nochmal 7000 Menschen starben.

Am Weg weiter komme ich am Krematorium vorbei, einem unscheinbaren Gebäude mit hohem Schornstein. Hier ist auch die alte Einzäunung wieder renoviert worden.

Wie vielen glücklichen Menschen wurde hier ein unwürdiges, schreckliches Ende bereitet. Über welche Kleinigkeiten regen wir uns dagegen heute auf. Was würden wir denn sagen, wenn Vater, Mutter, Kinder diesen Berg hinauf getrieben würden? Keiner könnte für den anderen was tun und sähe doch die Not des anderen!

Schließlich komme ich, nachdem ich einen Wachmann um Rat gebeten habe, oben auf dem großen Parkplatz an, an dem auch die beiden Jugendgästehäuser stehen, in denen ich hoffe und sicher bin, Quartier zu bekommen.

Aber NEIN! Es sei alles besetzt, sagt mir eine etwas extrovertierte Dame an der Rezeption. Ich, verschwitzt aber durchaus kampfbereit, frage ob es an meinem fortgeschrittenem Alter läge. Darauf geht sie weiter nicht ein. Auch auf meine Argumentation, dass vielleicht öfters Leute kämen, um diesen Berg der Leiden zu Fuß zu erleben, und die dann auch den Willen und die Absicht haben könnten (so wie ich), eine Nacht dort oben zu verbringen, um mit Ruhe die Orte und die Dokumentationen zu besichtigen und zu studieren, hatte sie keine Antwort.

Ich fragte sie nach der nächsten Übernachtungsmöglichkeit. Weimar! Das war nicht auf meiner Route und nicht geplant und zu Fuß wohl erreichbar aber genau in der entgegengesetzten Richtung.

Ich war stocksauer. An diesem Ort und nach den vielen vorhergegangenen Gedanken eigentlich unverständlich, aber so ist der Mensch. Ich sitze auf einer Begrenzungsmauer des großen Parkplatzes, weiter links ist eine Bushaltestelle. Studiere meine Karten, meinen Zustand: Ich habe nur eine Semmel und einen Apfel bis jetzt gegessen, es ist schon nach drei Uhr, der Himmel bewölkt sich. Der nächste Ort – Huttelstedt – klingt nicht gerade nach Unterkunft...

Da kommt der Bus und hält an der Haltestelle, ca. 50 Meter von mir. Zum hinrennen zu weit. Der Bus fährt wieder los, um den Parkplatz herum, und ich denke mir, vielleicht hat er noch eine Haltestelle bei den Häusern drüben. Wenn – dann! Und tatsächlich: Der Bus hält, der Motor wird ausgeschaltet.

Ich packe meinen Hausstand auf den Rücken und bereite mich zur Busfahrt nach Weimar vor. Der Busfahrer steht an einem Fenster des benachbarten Hauses und hält ein Schwätzchen mit einer Dame. Er sieht meinen entschlossenen Willen, den Bus zu besteigen und verweist mich an die Haltestelle, wo er mich aufnehmen würde! Ach, Du konsquentes Deutschland!

Nun sitze ich an der Haltestelle wieder auf besagtem Mäuerchen. Es kommt eine braun gebrannte ältere Dame und setzt sich neben mich. Sie fragt mich, ob hier der Bus abfahre oder drüben, wo er stehe. Ich – als inzwischen Buskundiger – kann ihr fundiert Auskunft geben.

Sie studiert daraufhin ein Informationsblatt des Lagers – auf französisch! Seit ich Wanderer bin, verlieren sich meine Hemmungen. Ich frage sie, ob sie Französin sei, nein Schweizerin! Sie erklärt und zeigt mir dann in dem Blatt die Orte, die sie im Lager besucht hat und die sie besonders berührt haben. Es sind das: das Gebäude, wo die medizinischen Versuche an Menschen gemacht wurden und das daneben liegende Lager für besodere (ich weiß die richtige Bezeichnung nicht mehr) Häftlinge (politische, Intelektuelle, Künstler usw.).

Wir reden auch im Bus weiter, und ich mache der Schweiz das Kompliment, dass alles was hier besonders schön ist, mit dem Beinamen "Schweiz-" bezeichnet wird. Sie sagt mir ein paar schweizerische Begriffe, in denen "schweiz" mit etwas Negativem verbunden ist. Schließlich verriet sie mir, dass sie mit ihrem Mann mit dem Fahrrad unterwegs sei, und der Mann das NORDKAPP(!) zum Ziel gesetzt habe. Morgen gehe es nach Dresden. Beim Aussteigen wünschten wir uns alles Gute für unsere Pläne. Ihr Händedruck war fest, sie wird es schaffen!

Nach dem Aussteigen sprach mich noch ein älteres Paar an. Ich hatte schon im Bus gemerkt, dass sie uns interessiert zuhörten. Auch sie sind mit dem Fahrrad unterwegs. Wir erzählten uns von unseren Plänen und wünschten uns gute Reise.

Nun bin ich, völlig ungewollt, aber nicht unglücklich, am Goetheplatz in Weimar. Wohin? Wolken haben sich zusammengezogen, manchmal tröpfelt es. Ich gehe dorthin wo ich die meisten Leute sehe und komme zum Theaterplatz. Und wie ich den Platz betrete, beginnt eine Blaskapelle Bach's "Wohl mir, dass ich Jesum habe..." zu spielen. Wenn das kein Empfang ist! Dazu muss man wissen, dass dies die Münchner Chorbuben bei unserer Hochzeit im St.-Anna-Kircherl gesungen haben.

Ich ging erst weiter als das Stück, das die "Neva Brass" aus St. Petersburg intonierten, zu Ende war. Und bald hatte ich um die Ecke eine Pension, hatte geduscht, war wieder runter gegangen, hatte gelesen, die Pension sei am Goethehaus, hatte auch mitbekommen: Ich logiere am Frauenplan, hatte mich vor lauter Glück in ein italienisches Straßencafe gleich vor der Pension gesetzt und Caffè und Wein getrunken und durch beobachten der Besucherführungen, die erfurchtsvoll vor einem Gebäude am Platz Halt machten, mitgekrigt, welches Gebäude das Gebäude ist, in dem Goethe gestorben ist.

Beseelt von dem Gedanken, dass vielleich Goethe die Idee gehabt haben könnte, mich nach Weimar zu rufen, um mich zu küssen.... Liebe Freunde, nur Ihr könnt ermessen, ob Goethes eventueller Kuss bei mir gewirkt hat.

Nach einem ausgedehnten Spaziergang durch das Zentrum (wobei ich insbesondere die hübsch und besonders chic gekleideten Frauen Weimars beachtet habe, die mir auch dadurch auffielen, dass sie meist mit einem möglichst großen Musikinstrument auf dem Fahrrad durch die Fußgängerzone eilen – aber auch einen Vater auf dem Fahrrad, der seinem ihm folgendem Sohn "ein Männlein steht im Walde" vorsang) sitz ich eben immer noch hier beim Schreiben dieser Email. Und inzwischen beim zweiten Glas Dornfelder vom Kloster Pforten, an dem ich vor ein paar Tagen vorrüber gewandert bin.

Ich hab noch vieles von den vorangegangenen Tagen zu schreiben. Falls ich's noch schaffe!

Siegfried