Braunfels (24. Juni)
Hallo meine Lieben,
die Ihr daheim hockt und vor lauter Tagebuch lesen die Europameisterschaft vergesst!
Heut war wieder ein anstrengender Tag, obwohl ich bei der Planung gedacht habe, das Tagesprogramm wäre mit links zu schaffen.
Nach einer ruhigen Nacht im "Hotel garni" in Kleinlinden (wohlgemerkt ohne Abendessen, dafür hatte ich am Mittag vorher ja mit Jean-Pierre in Gießen vornehm beim Griechen diniert) zog ich, nach einem, wer mich kennt, ausgiebigen Frühstück, auf der Landstraße Richtung Duttenhofen/Weimar los.
Landstraße! Links gehen, viel Verkehr, aber es geht rasch vorwärts.
Kurz vor Wetzlar geh ich einen Weg in den Wald rein, weil ich aus meiner Karte lese, dass da ein Fußweg direkt nach Wetzlar führen soll. Geschätzt sollte er von dem Weg, den ich nun gehe, nach spätestens 200m links wegehen, geht aber nicht. Ich gehe wieder mal davon aus, dass die Karte nicht stimmt. Aber es wird eher so sein, dass die Karte stimmt, nur ich wieder falsch gelaufen bin. Zurück geht's natürlich wieder ständig aufwärts, hatte gar nicht gemerkt, dass ich ständig bergab gelaufen war. Der nächste Weg in den Wald war auch nicht richtig! In meiner alten Karte war das Gewerbegebiet, das den Zugang zur Stadt versperrte, einfach noch nicht eingezeichnet.
Also zurück auf die Landstrasse und nun nach dem Gewerbegebiet in die Stadt abbiegen. Es geht ständig bergabwärts, Wetzlar liegt im Lahntal. Und plötzlich ist der Dom zwischen Häuserlücken sichtbar. Der unvollendete Turm hat oben einen lustigen schiefergedeckten Spitz. Beim Näherkommen sieht man den Sockel des angefangenen zweiten Turms. Den Wetzlarern war seinerzeit, also so vor 500 Jahren, einfach das Geld ausgegangen. So deckten sie den schon höher gezogenen Turm notdürftig ein und den anderen hörten sie einfach auf weiterzubauen. Was mir noch aufgefallen ist: Auch das Kirchenschiff sollte um einiges länger sein, bis hin zu den zwei Türmen, auch dieser Teil steht bis heute ohne Dach da.
Wie ich aus dem Führer las, hatte Wetzlar halt oft Pech in seiner Geschichte. Manchmal gings hoffnungsvoll aufwärts: Zum Beispiel als die "alte" Lahnbrücke vor vielen hundert Jahren gebaut worden war, und der ganze Verkehr sich an der Brücke bündelte. Dann wieder ging es steil bergab. (Wer's genauer wissen will, muss halt ein wenig recherchieren, ich schreib nur das, was in meinem Hirn beim Vorübergehen hängenbleibt.)
Wetzlar: Stadt der LEIKA! Ja, dadurch ist Wetzlar bekannt. Aber wisst Ihr auch, dass Goethe hier aussichtslos in eine "Lotte" verliebt war? Sie hatte ihn abgewiesen und er ist von dannen gezogen, OHNE ABSCHIED, wie es im Führer heißt. Dafür gibt's jetzt hier das "Lottehaus". Zunächst wusste ich Banause natürlich nicht, was das ist. Aber jetzt weiß ich's – und Ihr auch. Und! Ich bin wieder auf eine Frau(!) gestoßen (nach meiner geliebten UTE, die enttäuschenderweise zur bösen Königin in Disneys "Schneewittchen" mutiert war, und der verehrten ELISABETH, deren Spuren ich bis Marburg gefolgt bin), nun auf eine Frau, die dem großen Goethe einen Korb gegeben hat!
Frauen, was habt Ihr alle für bewudernswerte und geheimnisvolle Eigenschaften!
Der Wetzlarer Dom hat wunderbare Portale, wobei nur das Seitenportal genutzt werden kann, das Hauptportal zwischen den beiden Türmen führt in einen Raum ohne Dach.
Innen ein schmuckloser Raum mit hohen Sandsteinsäulen, die ein Kreuzgewölbe stützen, würdevoll, zur Besinnung auffordernd. Vom Gewölbe herunter hängt ein Lüster mit einer Madonna in der Mitte, umgeben von Engeln, davor ein Kreuz mit Korpus.
Es gibt zwei Altäre. Im Kirchenschiff einen und dahinter in der Apsis noch einen, auch vor dem sind Kirchenbänke, und bei dem brennt ein rotes Licht. Ich lese im Führer, schon seit hunderten Jahren gäbe es in dieser Kirche einen evangelischen und einen katholischen Teil, und es funktioniert!
Nach einer Latte Macchiato aus der besonderen Goethemischung, die das Café vorm Dom anbietet, und zwei Stück Kuchen, die ich auf Anraten des Cafetiers beim Bäcker nebenan holte (im Café gab's wirklich NUR Caffè, aber verschiedenster Sorten), verlies ich Wetzlar, nachdem ich noch eine Ehrenrunde über die neue Lahnbrücke gedreht hatte, um die alte Brücke mit dem Dom im Hintergrund bewundern zu können, Richtung Braunfels.
Auf Anraten eines jungen Mannes und meiner Neigung nach, mir's einfacher zu machen, nicht auf der Route des Jakobsweges. Es war deswegen ein Radweg neben der Straße und weder schön noch ruhig!
In einem Ort vor Solms, hatte ich aus der Karte herausgelesen, müsse es einen Fußweg nach Braunfels geben, der kürzer und vor allem ruhiger sein müsste. Mit Hilfe von zwei Mädchen und dann einem Mann, der mir die Wegführung aufskizzierte, fand und lief ich den Weg und sah plötzlich mitten im Wald wieder die Markierung mit der Jakobsmuschel. Als ich aus dem Wald herauskam, sah ich von weitem das Schloss Braunfels. Aber es dauerte noch eine Stunde, und um kurz nach sechs Uhr war ich, wirklich geschafft, am Ziel.
Ich war froh, diesmal das Zimmer telefonisch vorbestellt zu haben. Der Wirt sagte: "Ja, wenn Ihnen die Dame das zugesagt hat, muss ich es Ihnen wohl geben". Wenn man ohne Atem – es ging ja die letzten Kilometer nur bergauf –, verschwitzt und durstig an der Theke steht, findet man das gar nicht so lustig.
Aber nun logiere ich in einem Biker-Hotel relativ preisgünstig direkt unter der Burg. Und sitze bei einem Glas Hex (Wein) und schreibe Euch. Und bis jetzt denke ich noch nicht an morgen.
Am Tisch saß gerade ein Ehepaar, er trank Radler, sie ein gesäuertes Bier: scheinbar hessische Spezialität – wie Radler, aber statt Limo kommt Mineralwasser rein. Vom Essen haben sie sich die Hälfte einpacken lassen. DA LOB ICH MIR MEINEN APPETIT! Und ständig redeten sie über Probleme im Umfeld ihres Hauses und über die stattgefundenen Verhandlungen mit der Firma, die nun die Arbeiten ausführt.
Beim Weggehen haben wir uns noch ein wenig unterhalten. Die Frau sagte: Ich bewundere Sie – da meinte sie MICH! – der Mann schaute indigniert weg.
Euer bewunderter Siegfried,
der sicher bald wieder was auf den Deckel bekommt, damit er nicht eingebildet wird.
Kleinlinden bei Gießen (23. Juni)
Heute war wieder ein Tag! Ein rechter Jakobspilger sagt dazu nur: typisch!
Bei der ersten Radwege-Kreuzung heute morgen (es gibt ja hier keine Jakobswege- oder Elisabethpfad-Markierungen mehr, hier ist kein Jakobsweg), höre ich plötzlich ein fröhliches "Hallo!" hinter mir. Ein original Jakobspilger steht da! Ein Franzose aus Toulouse, wie er sich vorstellt: Jean-Pierre.
Er ist von Krakau aus unterwegs.
Da auch er Richtung Wetzlar will, gehen wir gemeinsam weiter. Und da er, ein echter Pilger halt, wenig Sprachen mehr als Französisch und ein bißchen Englisch spricht, geht's nun französisch weiter.
Wer mein Naturtalent in Sprachen kennt (Ausspruch eines meiner seinerzeitigen Lehrer: Ein blindes Huhn (mit dem Huhn bin ich gemeint!) findet auch einmal ein Korn!), wird sich ausmalen können, wie radebrechend und gestikulierend die Unterhaltung verlief. Wir liefen nebeneinander, und Jean-Pierre erzählte und erzählte.
Er stammt aus der Gegend von Toulouse, er ist seit Mitte April von Krakau in Polen aus unterwegs, seine ganze Heimatgemeinde hat ihn feierlich verabschiedet. Er hat nur eine Europakarte auf der die Jakobswege eingezeichnet sind und die wichtigsten Städte, ansonsten geht er nach seiner Nase. Er war Lehrer.
In Polen ist er erst Richtung Ostsee gegangen und hat für sich wichtige Orte, Wallfahrtsorte, Geburtsort des Papstes Johannes, aber auch Orte in denen Schreckliches geschah, zum Beispiel Aussig, besucht.
Er hat viel Herzlichkeit in Polen erlebt, ist überall, wie nun auch in Deutschland, freundlich und hilfsbereit aufgenommen worden. Er will nun, wie ich, die Lahn abwärts wandern, aber dann anders als ich, über Luxemburg den nördlichen Französischen Jakobsweg, den über Paris, gehen.
Er ist schon im Vorjahr den Weg von Brindisi nach Santiago gegangen und will nächstes Jahr den isländischen (!) Jakobsweg (ja, den gibt's auch) gehen.
Um die Mittagszeit wollten wir wo einkehren, er brauche seine "Vitamine", er hatte offenbar noch kaum gegessen, wogegen ich, ich kam mir ja fast schon als Edelpilger vor, schon opulent gefrühstückt hatte. Leider gab's natürlich keine Wirtschaft, die offen hatte, und so besorgten wir uns gut gekühltes Bier im Getränkemarkt und schnell war eine Stunde vorüber.
Nun ging's weiter, und da ich natürlich mit dem besseren Kartenmaterial ausgerüstet bin, außerdem die Landessprache beherrsche, vertraute er sich meiner Führung an – und wir liefen prompt falsch, zweimal einen schönen Berg hinauf. Dann gab ich die Führung an Jean-Pierre ab, und recht bald waren wir dank seiner "nez" wieder auf dem richtigen Radweg.
Dazu muss ich zu meiner Ehrenrettung sagen, ich verlies mich auf Superabkürzungs- und persönliche Geheimwege-Versprechen der Leute, die gut gemeint, aber bei der kleinsten Fehlinterpretation an einer Stelle unweigerlich in die Irre führen. Heute hatte ich diesbezüglich einen ganz besonderen Tag, auch nach der Trennung von meinem Franzosen verlief ich mich nochmal aus dem gleichen Grund. Die Gegend um Gießen ist aber auch hervorragend zum Verlaufen geeignet!
Jean-Pierre dagegen ging an den Ausgangspunkt zurück, wo noch alles klar war und von da orientierte er sich. Werd ich hoffentlich auch noch lernen und kapieren!
Er führt auch ein Tagebuch auf eng, in einer gestochen schönen Schrift beschriebenen Seiten eines dicken Heftes. Er hat auch ein exaktes System, seine Photoaufnahmen zu beschreiben und außerdem ein kleines Heftchen in dem all die Leute aufgeschrieben sind, derer er in Santiago gedenken will ‐ seit heute auch ich, Geneviève und Chantal. (Merci beaucoup! Rem. de la réd.)
Er trägt auch Dinge mit sich (sein Rucksack wiegt um die vierzehn Kilogramm), die ihm Leute nach Santiago mitgegeben haben. Am interessantesten ist dabei ein kleines Medizinfläschchen mit dem "Wasser" eines Babys, das er in der Kathedrale von Santiago verspritzen soll.
Obwohl wir eigentlich direkt nach Wetzlar wollten, landeten wir in Gießen, wie gesagt, das Wegesystem... Aber wir hatten Glück! Wir fanden einen Griechen der für uns um 14.00h noch aufkochte. Ich hatte Jean-Pierre eingeladen, und er verriet mir dann, dass er schon seit zwei Monaten nicht mehr richtig gegessen habe, daheim sei er ein begeisterter Hobbykoch.
Frisch gestärkt aber müde in den Beinen ging's nun weiter Richtung Wetzlar. Nun lud mich Jean-Pierre zum Eis ein, und wir unterhielten uns mit einer Gruppe von Leuten am Nachbartisch. Ein junger, bärtiger Mann gesellte sich auch noch dazu und gab mir die neuesten Tips zum Weg nach Wetzlar, Jean Pierre palaverte nebenbei mit einer Frau, die ihr Schulfranzösisch auffrischte und bewunderte immer wieder charmant die vorbeiflanierenden Schönheiten von Gießen. Ein richtiger Franzose halt!
Aber alles geht einmal zu Ende. Ich eröffnete Jean Pierre, dass ich doch nicht im Freien übernachten würde, wie ich's vorgehabt hatte. Wär ja ein guter Einstieg mit einem Partner gewesen und sicher ganz interessant und lehrreich, aber irgendwie war ich geschafft, auch verschwitzt, und das Wetter schien auch nicht ganz stabil.
So trennten wir uns, als ich die erste Pension sah, gelobten uns gegenseitig einander in Santiago zu gedenken, und ganz modern e-mailend in Verbindung zu bleiben.
Die Pension war belegt, das nächste Gasthaus auch, das mir empfohlene Gästehaus auch. Hätte ich doch mit Jean Pierre im Freien schlafen sollen?
Ein Hotel in Kleinlinden hatte noch ein Zimmer. Aber es war noch ein Weg von einer Stunde, der eher von meiner weiterführenden Route wegführte.
Und da sitze ich nun, bei einem Glas Bier auf dem Zimmer, es ist ein Hotel garni, heute ohne Abendessen, das hatte ich ja schon mittags, und denke an Euch alle und schreibe und schreibe...
Euer Siegfried
Wismar (23. Juni)
Hallo,
habe einen französischen Pilger getroffen, kommt auus Krakau und geht ohne Karte:
Heureux d'avoir fait la connaissance de votre papa. Tout va bien. Vivd jakoba, ulteia... Toujours plus loin.
www.pelerinage.compostelle-2010.fr
Jean-Pierre
Stadtallendorf (20. Juni), Marburg (21./22. Juni)
Ja, Ihr Lieben,
den Weg von Stadtallendorf nach Marburg habe ich noch nicht beschrieben, und es wäre schade, wenn ich davon was vergessen würde.
Das Hotel, der "Klosterhof", hat ja seinen eigenen Reiz. Schon das Einchecken am Vorabend, arrangiert durch die beiden lustigen Mädchen, die mich beim Weißbier auf das Zimmer bzw. auf die Zusage, ob ich ein Zimmer bekommen könnte, mit lustigen Sprüchen warten ließen, hatte einen schon exotischen Reiz.
Beim Frühstück stellte sich dann heraus, dass außer mir nur noch ein Gast im Hause war. Wir unterhielten uns. Er stellt Industrieroboter ein, Stadtallendorf ist ja der Sitz großer Industriebetriebe. Und das kommt daher, dass im letzten Krieg hier zwei Sprengstoffwerke gegründet worden sind, vermutlich die größten in Europa, und wegen der dadurch entstandene Infrastruktur auch nach dem Krieg viele Industriebetriebe hier ansiedelten, vorwiegend Autozulieferindustrie. Allendorf wuchs von 1500 Einwohnern vor dem Krieg auf 24000 Einwohnern jetzt und wurde Stadtallendorf. Also, mein Mitfrühstücker richtet Industrieroboter ein, die Teile von Gussmaschienen sind, mit denen zum Beispiel Getriebeblöcke hergestellt werden.
Da ich in der Zwischenzeit ja auch was von Robotern verstehe (ich bin allerdings mehr auf Melkroboter spezialisiert), hatten wir viel fachzusimpeln. Er gab übrigens zu, dass Melkroboter besonders anspruchsvoll seien, weil das Tier sich ja bewege. Er brachte auch einen Gesichtspunkt vor, den ich noch gar nicht bedacht hatte: Die verschiedene Eutergröße und sonstige individuelle Eigenschaften jedes einzelnen Tieres. Er meinte, jedes Tier müsse als Individuum vom Roboter erkannt werden. Und da erinnerte ich mich, ja das tut er, und jedes Tier hat in diesem Stall sogar einen Namen!
Jedes Frühstück geht einmal zu Ende und bei mir ein wenig später. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass wenn ich gehen würde, niemand mehr im Haus sei. Ich solle den Schlüssel stecken lassen und den Seitenausgang benutzen. Das ist Vertrauen!
Nun gings wieder weiter über Langenstein, einem Ort, der seinen Namen von einem riesigen, früher noch größeren Menhir hat. Er stammt aus der Zeit der Megalithkultur, ist also in Urzeiten aufgerichtet worden und markierte vermutlich eine Gerichtsstätte. Einer Sage nach soll hier der heilige Bonifatius einst eine Kapelle errichtet haben.
Der heilige Bonifatius ist mir auch noch auf Amöneburg begegnet. Diese nur noch in Ruinenfragmenten erhaltene Burg liegt auf einem weithin sichtbaren Berg, ich hatte ihn schon weit vor Stadtallendorf gesehen, es ist ein Basaltkegel.
Der Jakobsweg lässt generell so Sachen nicht aus, auch wenn damit große Umwege verbunden sind. Es war sehr verlockend, Amöneburg auszulassen und ein paar Kilometer rauf bzw. Runter zu sparen. Aber nachdem ich im Führer gelesen hatte, dass hier Bonifatius ein Kloster gegründet hatte und von hier aus sein Missionswerk, die Bekehrung der Germanen zum christlichen Glauben begonnen hatte (sonst wärt Ihr jetzt alle möglicherweise noch Heiden), wollte ich diesen Ort doch besuchen.
Es geht natürlich wieder lange hinauf, aber oben gibt's im Stadtzentrum dafür erst einmal Kuchen und eine Tasse Kaffee. Viel ist aus der Zeit von Bonifatius nicht mehr zu sehen, selbst das, was von weitem so eine beeindruckende Silhuette gebildet hat, stammt aus jüngerer oder der Jetztzeit. Es gibt noch alte Mauerreste und eine gewaltige Ringmauer, die Befestigung in gotischer Zeit, vor der man vorüberzieht, wenn man weitergeht. Trotzdem war es ein Erlebnis an so einem Ort gewesen zu sein. Leicht ist nachzuvollziehen, wie vor uralter Zeit sich hier die Menschen trafen, weil, inmitten von Urwäldern, dies der einzige markante Punkt war.
Nun sehe ich von weitem schon die Lahnberge. Ich weiß, dahinter liegt Marburg. Also muss ich auch da noch drüber. Am Fuß der Lahnberge gibt es einen Brunnen, den Elisabethbrunnen, und der Jakobspfad führt daran natürch vorbei. Es ist eine tempelartige Fassade aus Sandstein vor der Felswand errichtet und in einer Nische plätschert die Quelle.
Da im Führer steht, dass auch heute dem Wasser noch besondere Heilkraft nachgesagt wird, wollte ich mich auch bedienen. Aber! Es ist kein Trinkwasser. Der Sage nach hat die hl. Elisabeth hier einst ja auch nur ihre Wäsche gewaschen und sie an den Sonnenstrahlen zumTrocknen aufgehängt!
Weiter geht's hoch auf die Lahnbergehöhe. Hier steht ein Hinweisschild: Zur "Heiligen Eiche" und zur "Elisabethtrappe".
Die Eiche habe ich gesehen: eine riesige Baumruine, teiweise skuril ausgehöhlt, der Durchmesser sicher mehr als zwei Meter. Bei der Eiche gibt es auch zwei (2!) Wegweiser zur Elisabethtrappe. Es soll ein Baum sein in den sich die Fußabdrücke der hl. Elisabeth eingedrückten, als sie sich und ihr Hündchen vor einem gefährlichen Wolf auf den Baum rettete. Ich ging, obwohl es schon spät war und ich noch kein Quartier hatte, den angezeigten Weg hinein. Eine Wegkreuzung, vier Wege führen weiter – welcher ist der richtige? Und natürlich weit und breit keine Markierung. Ich gab's auf und begann schleunigst den Abstieg nach Marburg.
Übrigens, die Koordinaten der Elisabethtrappe habe ich auf einer Hinweistafel in der Nähe einer Bushaltestelle gesehen, ist doch logisch, dass man da keinen Wegweiser mehr braucht.
Müde!
Siegfried
Marburg / Lollar (22. Juni)
Ihr Lieben,
jetzt, heute am Sonntag, bin ich genau 4 Wochen unterwegs und da ich den Ruhetag gestern am Samstag in Marburg genoss, war ich heute auch wirklich unterwegs.
Aber vorher, da war ich noch im Bett, fiel mir noch was wichtiges ein. Ein "Pilger" braucht einen Stempel! Ich weiß nicht, ist das den Deutschen eingefallen oder den Spaniern? Jedenfalls fällt mir das am Sonntag früh um 6.00h im Bett ein. Hm, wie komme ich zu einem Stempel?
Es ist Sonntag, da könnte man ja in die Kirche gehen, obwohl gefühlsmäßig für mich der gestrige Samstag ein Sonntag war und ich mich auch recht innig mit der hl. Elisabeth und Gott auseinandergesetzt habe.
Aber ein "Pilger" bezieht auch die Vorsehung in sein Denken mit ein und so meine ich, der noch fehlende Stempel könnte vielleicht mit dem Wunsch der hl. Elisabeth zusammenhängen mich nochmals sehen zu wollen. Auf dem Weg zu ihr, käme ich auch in der Nähe der modernen kath. Kirche vorbei. Einen Besuch dort schloß ich aber aus, weil ein Gottesdienst zu dieser Zeit, es war vor 9.00h noch nicht gefeiert würde, und mit Stempeln hatte ich mit kath. Priestern ja schon meine Erfahrungen.
Also machte ich mich reisefertig, lies aber den Rucksack im Zimmer, weil der weitere Weg lahnabwärts ja genau am Haus vorbei ging. Ich raste also los. Da ich den anstrengenden Weg durch die Altstadt – bergauf und bergab – kannte und meine Kräfte lieber für die Wanderung schonen wollte, ging ich die Pilgrimsteinstraße (ist ja vielleicht auch ein alter Pilgerweg – über die Altstadt geht dagegen der Barfüßerweg). Ich versuche mir vorzustellen, mit wieviel Leid und Schmerzen in den vergangenen Zeiten Menschen aller Schichten voll Hoffnung an das Grab der hl. Elisabeth gepilgert sind.
Nun gehe ich also, komme an der Info vorbei, am unteren Teil des Rathauses, vor dem ich ja gestern hoch oben in der Altstadt gemütlich abend gegessen habe. Sehe auch die Talstation des Altstadtaufzuges, man kann also da sein Auto parken und dann landet man oben, ohne Anstrengung und kann sich gleich in ein Cafe setzen. Es gibt auch einen Sexshop und gegenüber eine halbverfallene Fabrikruine. Auch das ist nun ein Weg zur Elisabethkirche.
Welcher Weg ist nun der bessere Pilgerweg, welcher würde dem Geist der hl Elisabeth mehr entsprechen?
Der Weg über die Altstadt, wunderschön, anstrengend, an mondänen Geschäften vorbei, an Cafes, Bistros, Eisdielen, Restaurants, Bierstuben vorbei, alle mit einladenden Tischen unter Sonnenschirmen vor ihren Häusern?
Oder der triste Weg unten, an ungepflegten Häuserfassaden und an einer Ruine vorbei.
Oder der Weg aus der Garage in den Aufzug und von dort nur bergab zur Kirche.
Schließlich, nach zwanzig Minuten erreiche ich die Elisabethkirche, schon ein bisschen angeschwitzt, es ist kurz nach neun Uhr. Ich sehe keine Leute, nur einen "Penner" an der Treppe zum Vorplatz hinunter. Er hat eine Decke auf dem Pflaster ausgebreitet für seinen Hund, den ich dann auch sehe und seine frischen Markierungen an fast jedem Pfeiler der Kirche.
Die Kirche aber ist geschlossen!
Es steht groß da "offene Kirche" und auch auf den Anschlägen hatte ich gelesen, ab neun Uhr offen. Ich sehe einen Mann, der mir nach Auftreten und Kleidung ein Aufsichtsmann zu sein scheint und spreche ihn an. Nein er suche auch einen Eingang. Es sei doch Sonntag und er wolle gerne an einem Gottesdienst teilnehmen. Er ist Ausländer.
Zunächst ging ich nun davon aus, dass der Küster verschlafen habe (es war ja erst 9:15 Uhr), denn die nochmalige Nachsicht am Anschlag bestätigte: offen ab neun Uhr, und ich beschloß zu warten und vertrieb mir die Zeit die diversen Anschläge auf dem Kirchenvorplatz zu studieren.
Liebe Leute, eigentlich brannte mir das Feuer ganz unchristlich unter den Füßen, hatte ich doch noch eine Wanderstrecke von mehr als 20km vor mir, und nun stand ich verschwitzt vor der verschlossenen Kirche.
Ja, und was sehe ich da: Sonntags wird die Elisabethirche erst um 11.15 Uhr geöffnet! Ich informiere meinen Partner auf Zeit, und es bleibt uns nichts anderes übrig als abzuziehen. Ich rate ihm, einen Einheimischen nach einer offenen Kirche zu fragen, ich sei damit überfordert, und so trennen sich unsere Wege wieder.
Ich hab halt keinen Stempel von einem wichtigen Zwischenziel meiner Reise, aber ein Stempel war ja gewiss nicht eigentlich mein Anliegen. Nun eile ich durch die erwachende Altstadt zurück, es wird zusammengekehrt, Stühle und Tische rausgestellt und sonst ist kaum jemand auf der Straße. Vor einer kleinen Broncefigur an einer Strassengabelung sind über Nacht Farben flaggenartig auf die Strasse gesprüht worden. Für mich unerklärlicher Übermut nach einem Fußballspiel.
Ich komme nun wieder an meiner Pension vorbei, es ist fast zehn Uhr, warmgelaufen, eigentlich schon ein wenig verschwitzt, schultere meinen Rucksack, und auf geht's zum Lahnradweg Richtung Wetzlar, heutiges Ziel Lollar, so ca. 24km entfernt.
Die Sonne scheint, es ist ein schönes Wandern auf einem Teerweg und oft im Schatten. Heute bin ich allerdings nicht allein unterwegs, es kommen Radler von vorne und Radler von hinten, ich muß schön rechts gehen, damit ich nicht angefahren werde.
Und ich sehe in viele Gesichter. Vielleicht ist auch das eine Folge des "Pilgerns": Ich bin hellwach! Meine zwei Füße und meine zwei Stöcke finden ihren Weg, weichen Löchern, Schlamm, Käfern, Schnecken und Raupen aus, ohne dass ich mich besonders darauf konzentriere. Und so habe ich eben Muße, den Entgegenkommenden ins Gesicht zu sehen.
Da gibt es fröhliche Gesichter, denen man ansieht, dass es deren Trägern Freude macht, unterwegs zu sein, da gibt es verklärte Gesichter, manchmal in den dazugehörigen Ohren mit Ohrhörern eines "wie sagt man wieder?"
