15
August
2008

Bekanntschaften in Vézélay (7. August)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Hallo Ihr alle,

Vézélay ist ein kleiner Ort, den man schnell durchlaufen hat, die Hauptstrasse runter und wieder rauf, wobei diese sehr eng und steil ist, und man hat alles gesehen. Ein kleiner Supermarkt, ein Bäcker und relativ viele Künstler, die Bilder und Plastiken anbieten, auch Wein und Honig werden von einem Winzer und Imker angeboten. Soger eine echte Post ist da, und die nette Dame am Schalter hat mir meine Plastiktüte mit all dem Papierzeug, Karten usw. das ich nicht mehr brauche und deshalb heimschicke, in das passende Paket gepackt. Einen Friseur, der meinen zünftigen Pilgerkopf mal wieder zivilisieren hätte können, sah ich aber nicht. Ich seh mich schon mit einem 5cm langen Bart bei der Monika!

Das Zentrum, der Mittelpunkt des Dorfes, allerdings nicht in der Mitte, sondern oben am Ende der Strasse des sich an einer Seite des Berges hochziehenden Ortes gelegen, ist die Basilika. Und die wird dann entsprechend oft besucht. Sie wird mir sicher auch lange, nicht nur als Bau- und Kunstwerk sondern vor allem als ein Raum in dem ich viel Andacht, Besinnung und gelebten Glauben erleben durfte, in Erinnerung bleiben.

Vézélay wird mir aber auch deshalb in Erinnerung bleiben, weil ich dort mit vielen Menschen in kurzer Zeit recht innigen Kontakt bekam.

Aber zunächst noch was Geschichtliches, damit ihr merkt, dass auch ich dazu lerne und ihr dann aber auch was davon haben könnt.
Bernhard von Clairvaux, Ihr erinnert Euch, hat nicht in Clairvaux gepredigt, sondern 1146 in Vézélay seine berühmte Predigt zum 2. Kreuzzug gehalten. 1946 sind dann zum 800. Jahrestag dieses Aufrufes zum Kreuzzug, 14 große Holzkreuze aus den verschiedenen Provinzen Frankreichs nach Vézélay getragen worden (diese stehen heute als die 14 Kreuzwegstationen an den Kirchenwänden). Deutsche Kriegsgefangene hatten gebeten, auch ein Kreuz mittragen zu dürfen und zimmerten in aller Eile ein fünfzehntes, das heute in einer kleinen Seitenkapelle bei der Statue Bernhards von Clairvaux steht.

Philippe, den ich auf dem Weg von Nitry nach Vézélay kennengelernt hatte, hat mir inzwischen Infomationen über den "camino del norte" geschickt.
Albert, den Holländer mit dem Fahrrad auf dem Jakobsweg, kennt Ihr auch. Ihn habe ich noch ein paar Mal in Vézélay getroffen und wir haben uns gut verstanden. Auch wir wollen mit Emails in Kontakt bleiben.
Marian war in der Herberge und saß auf ihrem Bett als ich eintraf. Wir kamen ins Gespräch und ich hatte wieder eine Gesprächspartnerin, mit der ich deutsch sprechen konnte. Sie ist auch Holländerin und ist einige Wochen allein zu Fuß nach Vézélay gegangen. Sie wurde am nächsten Tag von ihrem Mann, der nicht so gerne zu Fuß geht, mit dem Caravan abgeholt und die beiden zusammen machen dann noch ein paar Wochen Urlaub. Marian hat einen Sohn, der auch den Jakobsweg gegangen ist. Er hat dabei seine Frau, eine Deutsche gefunden und die beiden erwarten jetzt ihr "Pilgerbaby".
David kennt Ihr auch schon ein bißchen. Er ist Steinmetz, etwa so alt wie meine Töchter, war schon zu Fuß in Santiago und macht jedes Jahr einen anderen Abschnitt der verschiedenen Wege. Dieses Jahr eben so weit er in vier Wochen kommt den Weg von Vézélay Richtung Roncevalles. Er fotographiert dabei sehr viele Kirchen und die Steindekore aber auch die Kreuze an den Wegen.
Greg saß im Aufenthaltsraum, als ich mit Milch, Croissant, Baguette, Pâté campagnard, Käse, Wein und allem was man so zum Essen braucht, kam, um mir – sozusagen als Nachmittagskaffee – einen Kakao zu machen, und kaute an einem Croissant. Da er nichts zu trinken hatte und im Gegensatz zu David sehr schmächtig, um nicht zu sagen dürr, aussah, bot ich ihm an mitzutrinken. Er nahm erfreut an und wir setzten uns zusammen, um bei einer heißen Schokolade englisch-französisch zu plaudern.
Er kommt aus Südengland und spricht halt ganz anders Englisch als ich, irgendwie hört sich das ziemlich hochgestochen an und nicht so schön bayrisch wie mein Englisch. Er hat eine Zwillingsschwester und wir einigten uns darauf, dass sie gleich alt ist wie er: 18 Jahre. Er will Schauspieler werden und hat seine Ausbildung schon fest geplant. Nächstes Jahr wird er auf die Schauspielschule in London gehen, etliche weitere Schulen bzw. Studios wo er Zusagen hat, hat er mir genannt. Und er meint, in etwa fünf bis sieben Jahren würden wir sicher was von und mit ihm sehen. Natürlich habe ich ihn nach München eingeladen, damit er Geiselgasteig kennen lernt. Das ist in London offenbar nicht sonderlich bekannt. Er wohnt für ein Vierteljahr in Vézélay, um sich von seiner Familie abzunabeln. Er meint, früher sei er dicker gewesen. Hier arbeitet er ein wenig, um Geld zu verdienen, schult seine Sprache in einem Kurs und lernt, selbständig zu werden.

Eine junge Französin, an deren Tisch im Restaurant ich mich setzte obwohl noch fast alle anderen Tische unbesetzt waren. Sie hatte mich als ich reinkam so nett angelächelt, dass es mir sonderbar vorgekommen wäre mich nicht zu ihr zu setzen. Sie hätte vielleicht gedacht, hat der was gegen mich. Ich kam natürch gleich mit meiner Standardfrage: Sprechen Sie deutsch? Es hätte ja auch eine Holländerin sein können. War aber eine Französin. Und dann saßen wir da, schweigsam, sie Pizza essend, ich Löcher in die Luft starrend bis die Kellnerin kam und sie fragte "tout bien?" – Alles in Ordnung? so ungefähr. Es hätte ja sein können, dass ich alter Esel hätte anbandeln wollen. Ich durfte am Tisch sitzen bleiben und schließlich auch schweigend meine Pizza essen und meinen Wein trinken.
Da kam Marian vorbei, wir sassen ja auf der Terrasse an der Strasse, vollbepackt mit ihrer Wanderausrüstung, sie ging zum Campingplatz runter, wo ihr Mann in einigen Stunden mit dem Caravan eintreffen wollte. Wir unterhielten uns eine Weile, dann zog sie weiter.
Nun wurde plötzlich auch die Französin gesprächig und wir unterhielten uns, soweit das mit meinen Sprachkenntnissen möglich ist, über ihre Reiseziele als Touristin und meins als Pilger. So gut unterhielten wir uns, dass sie sogar noch einen Café bestellte, als sie schon bezahlt hatte. Und am nächsten Tag in der Basilika sprach sie mich an und gab mir noch ein paar Prospekte über ihre Reiseziele.

Corinna und ihren Mann sah ich das erste Mal beim Gottesdienst in der Basilika um 8.00h früh von hinten. Sie hatte Shorts an und braune Beine. Da wußte ich natürlich noch nicht wer das war. In der Mitte des Gottesdienstes stand sie auf und verschwand seitwärts im Seitenschiff hinter den Säulen. Ich dachte, wieder eine, der der Gottesdienst zu lang wurde. Aber nein, sie hatte nun lange Hosen an. Und am Ende des Gottesdienst empfing sie mit David zusammen den Pilgersegen.
Ich wünschte David und Corinna "bon courage" und dachte, ich würde sie nicht wiedersehen.
Dann ging ich in die Herberge frühstückte ein letztes Mal in Vézélay, packte meinen Rucksack und machte nochmals eine große besinnliche Runde durch die Basilika, bevor ich, voraussichtlich das letzte Mal in meinem Leben, die Dorfstraße in Vézélay hinunterging, um meinen Weg nach Westen fort zu setzen.

Auch bei diesem Abschied habe ich an Euch gedacht!

Euer Siegfried

12
August
2008

Vézélay (7. August)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Um diese Email zu schreiben sitze ich jetzt, um 10 Uhr in der Basilika Ste Marie-Madeleine.

Als ich vorgestern um 7 Uhr abends hier verschwitzt, müde, aber sehr glücklich angekommen war, war mein erster Weg, ohne dass ich vorher etwas anderes vom Ort gesehen hätte, in die Basilika gewesen. Das war eigentlich auch ganz normal, weil der Fußweg, der am Ende steil von Asquins hier heraufführt, direkt an der Nordseite der Kirche endet.

Glockengeläut, es war 7 Uhr abends, Gesang aus der Kirche.

Ich komme erst in einen großen, quadratischen, sehr hoch wirkenden Vorraum, mit einem mittleren höheren Gewölbe, gestützt von vier Säulen und zwei niedrigeren seitlichen Gewölben.
Später hat mir Albert erzählt, dass er erlebt hat, wie in diesem Vorraum das Osterfeuer entzündet wurde.
Zwei riesige Holztüren zeigen im Vorraum wohin der Weg zur Kirche geht. Sie sind aber verschlossen. In die Kirche kommt man durch eine der beiden kleineren Türen, die in eines der beiden Seitenschiffe führt.
Das Raum ist lang, relativ nieder und durch die Stützen und Gewölbe reich gegliedert. Aber alles einfarbig in hellem, warmtönigem Naturstein.

Ich gehe in das Mittelschiff, aus dem der Gesang kommt.
Ein hoher Raum mit Gewölbe.
Die Apsis genauso hoch wie das Kirchenschiff. Säulen führen herum, in der Mitte, zwischen zwei Säulen eine lebensgroße Muttergottesfigur auch in hellem Naturstein.
In der Apsis, beidseits vor dem schlichten warmweißen Altar, etwa 20 Gestalten, in weiße lange Gewänder gekleidet, mit dem Rücken zu den Gläubigen, kniend und sitzend auf niedrigen Schemeln, die sie beim Aufstehen wegnehmen und seitlich hinstellen.
Sie singen Psalmen, in einfachen Tonfolgen, ähnlich gregorianischer Gesänge, nur kommen mir diese melodischer vor. Männer- und Frauenstimmen, manchmal einstimmig, manchmal mehrstimmig. Die Psalmen werden angesagt, Büchlein liegen aus, die Gläubigen können im Wechselgesang mitsingen. Die Gestalten stehen sehr ruhig, es gibt fast keine Bewegung, nur ab und zu tritt ein Mönch oder eine Nonne ans Pult, jetzt das Gesicht zu den Gläubigen gewandt, um etwas vorzulesen.
Es sind etwa 100 Leute im vorderen Teil der Basilika, die andächtig, auf Stühlen sitzend oder stehend mitfeiern, nur wenige Leute laufen herum.
Alle Bewegungen sind sehr ruhig, ja feierlich.
Zur Weihe der Speisen wird der Kelch mit dem Wein und die Schale mit dem Brot von der Rückseite der Kirche geholt, zwei Gläubige, eine Frau und ein Mann, werden von einer Schwester aufgefordert, Kelch und Schale zu tragen, und sie kommen dann, feierlich, ein Mönch mit Rauchfass, die Schwester und die beiden von rückwärts durch das Kirchenschiff zum Altar und geben beides dem lächelnden jungen Priester.
Die hl. Kommunion ist in zwei Gestalten, d.h. Brot und Wein werden gereicht.

Von Philippe gibt's übrigens auch noch eine schöne, überaus schöne Geschichte! Und heute hab ich auch noch Greg, einen 18-jährigen Egländer kennen gelernt!

Siegfried

12
August
2008

Vézélay (6. August)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Wie ich gerade beim nochmals ansehen meiner gestrigen Email gesehen habe, schreibe ich dort unvermittelt von einem Burgunder. Das kommt daher, dass ich die Email am Tisch im Restaurant geschrieben habe, und wie das Essen kam, ein Foto davon gemacht habe. Und dann habe ich beim Weiterschreiben einfach auf das Foto bezug genommen.

Ich war gestern abend ganz schön kaputt, ich war ja wieder fast 30km gelaufen, und da ich erst um sieben angekommen war, dann auch noch gleich eine Zeit bei der feierlichen Messe in der Kirche war, war es fast acht, als ich ins Restaurant kam.

Die Holländerin im Schlafsaal, mit der ich gleich ein paar Worte gewechselt hatte, meinte zwar, ob ich nicht erst duschen wolle. Ich lehnte das ab mit der Begründung, dass ich dann möglicherweise nichts mehr zum Essen bekäme. In Frankreich herrschen nämlich strenge Sitten.
Das Diner wird fast überall wo ich bis jetzt war, zwischen 7.00 und 8.30 Uhr serviert, und ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie ein Ehepaar in Clairvaux um 1/2 9 hungrig weiter geschickt worden ist. Die Restaurants leeren sich anschließend auch wieder ziemlich schnell. Man kann auch nicht schon eine Stunde vorher kommen, sich hinsetzten und einfach was trinken, nein, dazu sind die Bars da.

Also ich war da im Restaurant ganz malerisch und hab sicher einen gewissen Duft von Natur und Freiheit verströmt, aber wir saßen ja im Freien, und wie mir gerade einfällt, passten die Flasche Wein und die große Flasche Wasser ganz gut zu meinem Erscheinungsbild.

Vom Restaurant aus gings vielleicht 5 bis 10 Minuten steil bergauf. Dann nochmals 2 Stockwerke über eine Wendeltreppe bis zu meinem Bett. Die Holländerin schlief schon.
Also ohne Licht Waschzeug und Schlafanzug raussuchen, Bett zurecht machen, Inlett auflegen. Duschen, Schlafen. (Auf die Idee, die Stirnlampe zu nehmen, bin ich mit meinem Suri im Kopf nicht gekommen.)

Das nächtliche Aufstehen im Finstern, das vorsichtige Übersteigen zweier Balken die quer über den Fußboden laufen, das Anrempeln des Tisches, das Suchen der Tür, das vorsichtige Aufmachen der Tür, will ich jetzt, obwohl ich darüber eine eigene Geschichte schreiben könnte, nicht näher schildern. Die Tür quietschte jedenfalls im richtigen Augenblick und völlig unerwartet fürchterlich laut!

Gute Nacht!
Siegfried

12
August
2008

Die Wanderung von Nitry nach Vézélay (5. August)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Hallo mes chèrs,

es ist zwar erst vorgestern gewesen (Anm. d. Red.: Beitrag geschrieben am 7. August), aber mir kommt's wie mehrere Wochen vor.

Nach einem am Nach regnerischen Tag hatte ich mir die Sachen in Nitry im Hotelzimmer ausgelegt, weil alles feucht war, was irgendwie nicht nur mit dem Regen, sondern auch mit der Luft in Berührung gekommen war. Gut war aber dass Schlafsack und Matte in Tonnerre in der Sonne gut trocken geworden und gut eingepackt waren.
Im Hotelzimmer trocknete über Nacht nichts, ich hatte eher den Eindruck dass alles noch feuchter geworden war, es war schwül, dunstig, die Luftfeuchtigkeit schätzte ich am Morgen fast 100%. Aber die Wolken waren aufgerissen und ab und zu sah und fühlte ich beim Weitergehen einen Sonnenstrahl.

Ich mußte noch auf der vielbefahrenen Route Nationale (etwa wie unsere Bundesstraße) einige Kilometer überstehen, bevor ich wieder auf eine "D"-Strasse kommen konnte (Landstraße). Auf einer dieser "D"-Strassen, ich war nach einer kurzen Pause auf einem Bankerl wieder frisch am Weitermarschieren, ich hatte ja noch eine weite Strecke vor mir, diesen Tag mußte ich an die 30 km schaffen, fuhr plötzlich etwa 50 m vor mir ein entgegenkommendes dunkelblaues Auto, Typ Geländewagen, auf den Grünstreifen und hielt an. Ein blau gewandeter Mann stieg aus. Polizei, dachte ich mir und überlegte, was der wohl wollen könne. Beim Näherkommen sah ich aber, dass er auf seinem Trikot die Jakobsmuschel in gelb hatte. Das ist ein Kundendienst, dachte ich mir, kaum kommst du in die Nähe von Vézélay, schon ist der ADAJ, der Allgemeine Dienst aller Jakobuspilger da, und nimmt Dich unter seine Fittiche! Der Mann, sportlich, gesprächig, erkundigte sich nach meiner Route, nach meinem Ziel und gab mir ausgiebig Ratschläge zu meinem Weg und auch zum Weg in Spanien. Dann erzählte er mir, dass er ein passionierter Jakobspilger sei und den Weg schon öfters gemacht habe. Das Trikot habe er zufällig an. Er sei auf dem Weg von Paris, wo er seine Tochter besucht habe, nach Lyon, wo er wohne. Immer wenn er in der Nähe von Vézélay vorbeikomme, mache er einen Abstecher dorthin. Dann gab er mir noch Wasser aus seiner Flasche zum Auffüllen meiner schon fast leeren Flasche und eine Portion Hoomos, eine algerische Käsespezialität, die man auch unterwegs mit dem Finger essen könne und in Öl eingelegte Auberginen. Nach Adressenaustausch, er wollte mir noch Unterlagen über den Camino Nord in Spanien zukommen lassen, und einem Bruderkuß fuhr er los.
Kaum war ich ein paar Meter gelaufen, kam er von hinten, überholte und fuhr wieder links vor mir auf den Seitenstreifen, hielt, öffnete die Hecktür und fragte ob ich Lust auf ein Glas Wein hätte. Ich hatte. Er hatte einen kleinen 5 Liter-Kanister dabei und wunderschön kühler Rosé floß gleich aus einer Tasse in meinen ausgetrockneten Mund, befeuchtete dabei meine trockenen Lippen und zauberte das bekannte angenehme Krippeln in meinen Körper.

Er war mir natürch schon vorher symphatisch gewesen, weil er einer der wenigen Leute war, die jemals gesagt haben, ich spräche gut französisch. Und sowas tut einer armen, in der Jugend von Französisch- und Englischlehrern geplagten Seele selbst im Alter noch gut. Aber es gibt auch Leute, bei denen verstehe ich Null! Und dann stelle ich mir einen französischen Deutschlehrer vor, der sich mit einem waschechten Sachsen oder Bayern unterhalten muß. Und diese Vorstellung erleichtert mein hiesiges Leben ungemein.
Mit Philippe hatte ich also offenbar einen Partner, der die Sprache sprach, die ich gelernt hatte. Wie wir so weinfröhlich zusammenstanden, kam ein Radler vorbei, hinten und vorne Satteltaschen, Hut, alles was zu einem zünftigen Pilger gehört. Philippe rief und winkte ihn herbei und nun waren wir zu dritt beim Wein.

Albert, der Radfahrer, ist aus Holland und ist auch Richtung Santiago unterwegs. Nach nochmal einer halben Stunde Unterhaltung trennten wir uns mit dem Versprechen, in Kontakt zu bleiben. Ja – Albert war auch noch praktisch für mich, er sprach fließend deutsch und französisch. Und so verfiel ich wieder in meine alte Letargie und lies Albert alles übersetzen.

Hurra Ihr Lieben!

Punkt 7 Uhr abends habe ich den steilen Berg, auf dem Vezelay liegt erklommen.

Die Uhr hat geschlagen und es wurde geläutet. Einen feierlicheren Einzug in das Städtchen hätte ich mir nicht vorstellen können. Da ich den steinigen Fußweg genommen hatte, war ich gleich bei der Kathedrale Ste Madelaine und ich bin reingegangen.
Im großen Vorraum hörte ich schon die schönen Gesänge, es wurde eine feierliche Messe gefeiert.
Mir ist bewußt, Schubert Hansi möge mir verzeihen, dass ich mich wiederholt habe, aber so war's.

Mindestens ein Priester, 4 Diakone, sechs Schwestern in Weiss, sechs Brüder in Weiss, wunderbare Gesänge, etwa 50 Leute die die Messe mitfeiern und ein verschwitzter Wanderer, dem das Wasser runterläuft...

Nach der ganzen Flasche Burgunder aus Vézélay und einem Liter Wasser bin ich natürlich schwer beladen in die Herberge zurück gewankt. Das Dorf Vézélay zieht sich am Berg hoch, die Kathedrale Ste Marie-Madeleine steht sozusagen auf der Spitze des Berges und des Dorfes. Die Herberge ist ganz nahe bei der Kathedrale und gehört zu den Franziskanern.

Als ich am Abend um sieben in Vézélay ankam, war es dann wieder Albert, der mich nach der Kirche gleich unter seine Fittiche nahm. Und dann fühlt man sich auch gleich ein bisschen mehr daheim.

Erholungsbedürftig aber glücklich:
Siegfried

12
August
2008

Bei Villiers-le-bois (2. August), Tonnere (3. August), Nitry (4. August)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 1

Hallo, Ihr seht, ich komme schon wieder mit dem Schreiben nicht nach!

Mal sind es die Umstände, d.h. ich bin mit Einkaufen, Stadt Anschauen, Waschen, feuchte Sachen zum Trocknen Auslegen beschäftigt, mal bin ich zu müde um mich überhaupt noch zu rühren, aber das ist eher selten.

Aber jetzt bin ich wieder da!!!

Ich sitz hier in einem Hotel nahe der Autobahnauffahrt, deshalb ist es überhaupt da. Mein eintägiger Freund in Tonnerre, Stephane, hatte mir gesagt, soweit ich es verstehen konnte, dass in Nitry keine Probleme mit dem Übernachten bestünden. Beim ersten Hotel, gleich hinter der Kirche war ich allerdings abgewiesen worden, alles complet! Aber hier geht's mir gut und deshalb schreibe ich jetzt, nachdem ich einen Salat mit Wurstscheibchen und gerösteten Brotwürfeln, eine Andouillette (jetzt habe ich auch mitgekriegt was eine Andouillette ist: eine Art Schwartenwurst, ohne Brille habe ich das nicht gesehen; wie hatte einst eine Engländerin am Nebentisch zu uns gesagt, – es war in Venedig und wir waren auf Hochzeitsreise – als ihr der Kellner auf ihre Fragen alles erklärt hatte, was auf dem Teller war: Man sollte nicht fragen was man ißt!) mit Pommes frites, 4 verschiedene Käse mit Baguette, als Nachspeise eine Crême Brulée mit Marc de Champagne flambiert, und einen Café noir getrunken habe.

In den letzten drei Tagen habe ich drei verschiedene Arten von Übernachten praktiziert. In der Nähe von Villiers-le-bois schlief ich in einer offenen Abstellhalle für landwirtschaftliche Maschinen, das war, vor allem beim Einsetzen des nächtlichen Regens purer Luxus, und im Morgengrauen hatte ich noch dazu das Gefühl in einem größeren Haus zu sein, denn die Mitbewohner schlugen beim Aufstehen die Türen und ich freute mich schon auf einen heißen Kaffee in netter Gesellschaft. Erst beim Augen öffnen fand ich wieder in mein tatsächliches Umfeld neben dem übergroßen Pneu zurück, merkte, dass die Geräusche vom abtropfenden Wasser auf das Wellblech kamen und war dann froh, um sieben Uhr früh meine Wasserflasche im Friedhof nochmals auffüllen zu können.

In Tonnerre, einer eigentlich sehr schönen Stadt an einem Fluß und einem Berg wurde ich gleich in eine echte Pilgerherberge verwiesen, wo ich wieder ganz allein war, heute dagegen fand ich mal wieder ein Hotel, wenn auch in der Nähe einer Autobahnauffahrt.

Auch Tonnerre ist eine Stadt in Burgund und macht mit seinem Wein Reklame.
Aber um sechs Uhr abends findet man kein offenes Restaurant, es war eigentlich auch kein einladendes Restaurant da, wo ich lief, zu sehen. Gegenüber vom Hôtel de Ville (Rathaus) ein Pizzabäcker, der auch außer Haus liefert, der auf meine Frage aber erst um sieben beginnt.
Auf meine Frage nach einem Glas Wein verwies er mich an die Bar in der Nähe.
So hatte ich mir den Abend nicht vorgestellt und Hunger hatte ich auch. Eine zweite Pizzeria buck zwar offenbar schon Pizzas, es war auch eine Schnellpizzeria wie die erste, wo's auch Döner und sonst noch alles mögliche zum "Reinschieben" gibt.

Hungrig ging ich in das einzige noch offene Geschäft, es war ja Sonntag abend, es war ein superkleiner Supermarkt, und deckte mich mit allem was ich für ein ordentliches Abendessen und Frühstück, sowie Obst für den nächsten Tag zu brauchen glaubte, ein. Mir kam die verlangte Summe schon etwas hoch vor, aber ich war kaputt und hungrig. Aber beim Nachkalkulieren auf dem Heimweg, stellte ich fest, dass ich um mehr als 5€ beschummelt worden war.
Ich trug schwer unter der Last der gekauften Speisen und an meinem Schicksal, wieder mal reingefallen zu sein.

Im Park, an dem ich zu meiner Herberge vorbeikam, setzte ich mich traurig, verärgert, heißhungrig und durstig auf eine Bank und aß gleich drei Orangen, ein paar Boule-Spielern zuschauend. Da kam auf der anderen Seite des sehr breiten Weges eine ungepflegte ältere Frau daher, sie blieb etwa 10 Meter gegenüber von mir stehen und sagte etwas was ich nicht verstand, aber vermutete. Ich sagte, dass ich nichts verstehe. Da sagte sie etwas von Euros. Ich saß neben meiner vollen Einkaufstüte aus der die Weinflasche guckte und mit drei Orangen im Bauch da und sagte, ich habe nichts und auf deutsch schimpfte ich auf den Händler, der mich betrogen hatte. Sie ging in ihren heruntergetretenen Schuhen traurig weg und setzte sich weiter entfernt auf eine Bank.

Später in der Herberge tat mir das sehr leid und noch jetzt sehe ich die Frau vor mir. Ich bin noch mal rausgegangen, mit 5€ in der Tasche, die ich ihr geben wollte, für sie wäre es ein großes Geschenk gewesen, für mich nur einmal auf etwas verzichten. Sie war nicht mehr da!

Ja, Stephane kennt Ihr noch nicht, als ich in meine "Villa" eingezogen war – das Haus und die Zimmer werden auch teilweise von Scouts genutzt – ich war gerade frisch geduscht und stand wie seinerzeit Adam, als er seine Eva noch nicht hatte, am offenen erdgeschoßigen Fenster, da stand plötzlich Stephane, ein Mann meines Alters, vor dem Fenster und fragte wie's mir so gehe und wie weit die Pilgerschaft mich noch führe und da die Unterhaltung am Fenster unbequem war, sagte er, er komme rein, er habe den Schlüssel zum Haus. Und weg war er.
Ich stürzte in meine Unter- und Oberhose und weiß heute noch nicht wie ich das geschafft habe, denn sonst stelle ich mich beim Anziehen ziemlich an. Er kam herein und sagte, ich solle mich nicht so anstellen, er sei ja auch ein Mann.
Und so begann die Freundschaft für einen Abend.

Er sah sofort was ich alles zum Trocknen im Zimmer ausgebreitet und aufgehängt hatte, Schlafsack, Matte, Trikot, Regenjacke und zeigte mir einen Platz unter einem Dach, in den die Abendsonne schien und auf dem meine Sachen bis zum Einbrechen der Dunkelheit trocken wurden und wieder eingepackt werden konnten. Denn das habe ich auch schon gelernt auf meiner Reise: die Sachen können am Abend noch so schön trocken sein, am Morgen sind sie wieder feucht, auch ohne Regen.

Dann sprachen wir über meinen Weg und er wollte es ganz genau wissen. Da ich ja nur Wanderkarten habe und von Deutschland sowieso nichts mehr, holte er aus seinem Bestand alte Atlanten, auf denen Europa im Din A5-Format abgebildet war und so erklärte ich einem alten Franzosen den Weg eines Bayern aus Wiederau über Naumburg, Eisenach, Marburg, Koblenz, Trier, Metz, Toul bis nach Tonnerre.
Für den weiteren Weg nach Vezelay hatte er schon eine DIN A4-Kopie eines Kartenausschnittes mitgebracht. Er war wie ich der Meinung, dass der im Führer vorgeschlagene Weg über Chablis und Auxerre viel zu umständlich sei und schlug mir den direkten Weg vor. Er geht zwar auf der Landstraße, aber erspart zwei Tage.
Es war genau der Weg, den ich mir bei der Planung auch schon eingezeichnet hatte und so war die Freunschaft auch geistig besiegelt.

Am nächsten Tag bin ich den Weg dann tatsächlich gegangen, es ist ein wenig nervig, bei jedem entgegenkommenden Auto auf den Grünstreifen springen zu müssen, aber es beruhigt ungemein. Auch wenn 100 Fahrer Abstand halten, irgendwann kommt immer einer, der den Mittelstreifen mehr achtet als den Menschen, der am Strassenrand geht, und dann wirds happig, grade wenn man ein wenig unsicher auf den Beinen ist, weil der Strassenrand nicht ganz so ideal ist, oder wenn man müde ist. Noch besser sind Fahrer, die von rückwärts kommend, ich gehe ja vorschriftsmäßig auf der linken Seite, gerade an der Stelle überholen müssen an der ich am Strassenrand laufe. Da braust dann von hinten kommend, ca. 1m neben einem, ein Auto mit 100 km/h und mehr vorbei.
Ich möchte niemandem etwas Schlechtes wünschen, aber diese rücksichtslosen Volldioten sollten einmal eine Stunde lang Ihresgleichen ausgesetzt sein. Ein Fehltritt in dieser kurzen Zeitspanne, und Ihr bekommt Eure Emails nicht mehr und ich höre die Engelein singen!

Aber auch was Schönes habe ich wieder erlebt. In einer kleinen Stadt oder größeren Dorf höre ich plötzlich eine Stimme hinter mir: "Hallo, hallo", ein Bub von vielleicht zwölf Jahren sagt, seine Mutter läßt fragen ob ich nicht eine Kleinigkeit essen möge, sie würde mich einladen. Es ist verlockend, aber ich lehne ab. Ich bin spät dran, es hat geregnet und regnet immer wieder und ich weiß noch nicht wo ich unterkomme. Wenn ich mich jetzt zum Essen setze, wird daraus leicht eine Stunde und dann wird es abends zu spät.

Die Strecke war fast 30 km und ich kam dann ja auch erst gegen sieben ins Hotel, auch weil ich natürlich in der Früh zu spät weg gegangen war, das Frühstück mußte selbst gerichtet werden, abgespült, der Schlüssel bei der Information abgegeben werden, dann noch ein paar Fotos vor dem alten Hospital, in dem jetzt die Info ist, und gleich ist es elf. Spät, das rächt sich dann abends. Aber dank Stephanes genauer Angaben hatte ich keine Probleme gehabt, den Weg aus Tonnerre hinaus Richtung Nitry zu finden.

Langsam, wenn auch mit Hilfe von Schwartenwurst, fließt wieder Kraft in des Wanderers Muskeln, das stellt Siegfried überrascht und erfreut fest...

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