Colombey les Deux Eglises (29. Juli)
Liebe Leute,
nach dieser Nacht und diesem Vormittag bin ich geschafft! Langsam hoffe und glaube ich, kommen die Lebensgeister wieder zurück.
Ich sitze hier vor der Bar/Restaurant in Colombey les Deux Eglises vor einem Glas Pernot mit Eis und Wasser, nachdem ich gerade einen Café au lait (Milchkaffee) und eine große Waffel mit Schokolade gegessen habe, eine in große, tiefe Quadrate aufgeteilte Waffel, in der flüssige Schokolade eingefüllt ist. Etwas schwierig zu essen. Aber das ist die erste feste Nahrung seit vorgestern Abend bei dem Italiener in Joinville. Was anderes gibt's im Augenblick nicht. Aber so versuche ich, meinen Körper wieder ans Essen zu gewöhnen und gleichzeitig auf die nächsten Hungertage vorzubereiten.
Die gestrige Nacht war...!
Ich hatte mich – nachdem ich die E-Mail an Euch auf einem nicht zu großen, schrägen Stein geschrieben hatte – in Gottes freier Natur, neben einem plätschernden Bach (in der Zwischenzeit weiß ich, dass er "Blaise" heißt, ich bin nämlich heute durch sein Tal gewandert) zur Ruhe auf der Isomatte in den Schlafsack begeben. Auf das Waschen hatte ich verzichtet. Der Zugang zum Wasser erschien mir zu erlebnisreich, und das war mir etwas zuviel. Statt Schlafanzug schlupfte ich in die Feierabenddhose und hoffte, es würde nicht regnen. Wolken waren da, aber irgendwie unbedrohlich, und so schlief ich auch zeitweise sehr tief. Um ungefähr zwei Uhr nachts hörte ich in der Ferne Donner. Ich dachte mir: "Das macht mir nichts aus, da wird schon nichts kommen." Aber plötzlich war der Donner über mir, und es tröpfelte.
Raus aus dem Schlafsack, Stirnlampe gesucht, Schlafsack zusammengerollt und eingepackt, Regenhülle für den Rucksack, durchschwitzte Wanderhose an, widerspenstige Isomatte zusammenrollen und verstauen, Regenjacke anziehen und von drei bis halbsechs Uhr zusammengekauert wie der "Denker" von Auguste Rodin einsam unter einem Baum neben einem plätscherndem Bach im Regen sitzend über das eigene Schicksal nachdenken. Das ist eine sehr lange Zeit!
Zweimal ist mir am nackten Bein etwas hochgekrochen. Erst meinte ich, es wäre eine Riesenheuschrecke gewesen, später stellte ich mir eine Eidechse vor, war mir lieber. Im Licht der zeitweise zum Uhrenablesen angeknipsten Stirnlampe sah ich auch eine stattliche Weinbergschnecke den Stein zu meiner Sitzfläche erklimmen, durch einfaches Anstoßen ließ sie sich davon nicht abhalten, zu mehr war ich nicht fähig. Und so schlossen wir einen Kontrakt. Die Sitzfläche belegte sie erst als ich wieder reisefertig war. Sie war nach meiner dreistündigen Sitzung sicher angenehm warm.
So gegen halbsechs hörte es zu regnen auf, und es begann zu dämmern. Ich rubbelte mir den feuchten Oberkörper ab, was angenehm warm machte, zog mir ein trockenes Unterhemd und mein nasses Trikot an und war um sechs Uhr, ohne etwas getrunken und gegessen zu haben, wieder auf Tour.
Der Himmel war wolkenverhangen. Ein bißchen tröpfelte es auch, und Nebelschwaden zogen tief vor den Hügeln vorbei.
Der nächste Ort schlief noch, Wasserstellen gab's auch nicht, ich hatte Durst. Langsam ging's weiter, die kurzen Stehpausen (zwei bis drei Minuten) wurden immer häufiger. Ich nahm mir dann immer in der Ferne ein Pausenziel vor, um mich noch ein bisschen unter Kontrolle zu haben.
Schließlich, gegen elf Uhr, hatte ich Colombey les Deux Eglises erreicht, an der Kreuzung eine Bäckerei und etwas entfernt links das einzige Hotel, zu dem ich gleich eilte und ein Zimmer bezog. Nach zwei Chocolat war ich fähig erstmal zu duschen. Dann breitete ich meine ganzen feuchten Sachen zum Trocknen aus, wusch, was zu waschen war und legte mich ins Bett um mich aufzuwärmen und auch ein wenig zu schlafen.
Nachmittags war ich im Dorf, wo ich in der Bar diese E-Mail begonnen habe.
Nach der Bar war ich in der Kirche, wo auch ein Gnadenbild ist, vor dem ich eine Kerze anzündete. Im ausliegendem Buch hat ein Jakobspilger, der zwei Tage vor mir da war, reingeschrieben: "... und hilf mir, dass ich den Weg nach Vezelay gut überstehe..." Ist gut möglich, dass ich den bald treffe.
Wie sich's gehört, wollte ich auch dem "Memorial Charles de Gaulle" einen Besuch abstatten. Da es vom Ort aus keinen Fußweg hin gibt, ist man etliche Zeit auf der Straße unterwegs. Das riesige Kreuz mit den zwei Balken habe ich ja schon von Weitem beim Herkommen gesehen.
Aber man kommt nicht an das Memorial. Es kostet vier Euro Eintritt und es war schon fast fünf Uhr. Ich ging beim Bäcker vorbei, kaufte mir ein Triangle d'amande und eine Jus d'orange. Das kostete weniger als vier Euro – de Gaulle wird's mir verzeihen.
Jetzt gehe ich ins Restaurant, um meinem ausgezehrten Körper was Gutes zu tun, und mich wieder mal wie "Gott in Frankreich" zu fühlen.
Euer Siegfried
Bei Chirey sur Blaise (28. Juli)
Leute!
Jetzt hat's mich erwischt. Es ist kurz vor acht Uhr abends, und ich sitze auf einem Stein an einem rauschenden Bach hinter einer alten, nicht mehr klappernden Mühle mit schwarzen Fensteröffnungen, weil das Glas fehlt. Etwas schräg dahinter ist ein neueres Wohnhaus, wo auch Leute drin sind, aber die sehe ich nicht, und sie sehen mich auch nicht. Ein bisserl gschamig bin ich halt doch, wenn ich meine Abendtoillette mache.
Ich bin heute erst um zehn Uhr von Joinville aufgebrochen, weil ich erst noch in die Stadt ging, um das schuldige Geld an meine Wirtin vom Vorabend wegzuschicken. Dann wollte ich auch noch Proviant einkaufen, aber alles war zu! Montag! Sogar im Hotel gab es nur Getränke zum Frühstück, und so habe ich bis jetzt auch nicht mehr im Bauch, außer zusätzlichen paar Liter Wasser. Und das muss jetzt morgen auch noch bis Colombey reichen.
Heute bin ich nur auf Nebenstraßen gewandert. Interessant wurde es ab einem bestimmten Ort. Da hört nämlich meine Karte auf, und die Anschlusskarte fehlt mir, weil's nur um ein paar Kilometer geht. Dann habe ich wieder eine Karte. Da bin ich halt in einen komischen Zwickel reingeraten.
In einem hübschen Ort mit Brunnen mit Trinkwasser vor der Kirche, "Blécourt" (es war der letzte, den ich nach meiner Karte bestimmen konnte), fragte ich einen jungen Mann nach dem Weg nach Colombey, und er schrieb mir die Orte auf, die ich durchwandern müsse.
Ich bin dann auch noch in die Kirche rein, die offenbar nass geputzt worden war und nun trocknen musste. An einigen Stellen standen sogar Heizstrahler. Auch in Joinville konnte ich ja in die Kirche, und auch die wurde mit viel Wasser geputzt. Das viele Wasser sieht man auch vor den Restaurants, wo gleich immer auch die Strasse mitgeputzt wird.
Die Kirche in Blécourt ist überraschend groß und reich. Wie eine der großen Kathedralen, die ich gesehen habe, nur kleiner und niedriger. Und eine wunderschöne Madonna haben sie, vor der ich eine Kerze entzündete.
Ein paar Orte später fragte ich nochmals nach dem Weg – eine Krankenschwester mit einem pflegebedürftigen älteren Herrn. "Da machen Sie ja die Tour de France!", war sein Kommentar, als ihm die Schwester die von dem jungen Mann geschriebene Strecke vorlas, und er wollte mich tatsächlich wieder an den Ausgangsort zurück schicken. Sechs Kilometer – das wollte ich nicht!
Die Schwester wusste auch einen Weg, und den ging ich und bin deshalb nicht mehr weit von meinem morgigen Tagesziel. Weil's mit dem Übernachten so schwierig ist, werd ich versuchen, schneller weiterzukommen, um weniger übernachten zu müssen. Weder die Schwester noch Leute im Ort konnten mir helfen.
Da ich wenig Strom habe gibt's heut keine Bilder!
Ein Naturbursche, den die Leute manchmal schon etwas komisch ansehen
(Heute war meine Hose so verschwitzt, dass man sich da so einiges reindenken konnte, ich jedenfalls, und vielleicht manche Leute, die nicht genau hinschauen, auch. Aber eine junge, hübsche, weiß angezogene Frau hat mir angeboten, mich im Auto ein Stück mit zu nehmen!)
Höhen und Tiefen erlebt
Euer Siegfried
Joinville (1.000 km) (27. Juli)
Gerade bin ich vom Abendessen heimgekommen, war beim Italiener. Ist – soweit ich das feststellen konnte – das einzige Lokal zum Essen, und es war brechend voll.
Wie es sich gehört, hab ich natürlich die Chefin gefragt, wo ich – Einzelner – mich hinsetzen dürfe. Es war der Tisch gleich beim Pizzaofen, wo der Papa werkelte und alles im Griff hatte: sowohl die Chefin, als auch die beiden jungen Mädchen, die auch bedienten.
Mit mir war auch ein einzelner Mann ins Lokal gekommen, und auch er kam an diesen Single-Tisch. Der Mann in mittlerem Alter sah auch sehr mitgenommen aus. Er musste, so vermutete ich, auch einige Anstrengungen hinter sich gebracht haben, um hier zu sein. Und die letzte halbe Stunde des Weges hatte es auch noch ganz schön geregnet. Ich war bis zwei Uhr nachmittags so gut gelaufen, dass ich nur noch etwa acht Kilometer (also zwei Stunden) zum Tagesziel Joinville hatte, und die sollten durch den Wald und über einen Berg gehen.
Und da verlief ich mich wieder ausgiebig, so dass ich erst gegen halb sieben Uhr in der Stadt ankam. Ich war den ausgeschilderten Jeanne d'Arc-Weg gegangen, in der Meinung, er würde mich geradewegs hierher führen. Aber nein! Er führte mich über ein Nachbardorf, weil dort eine Abtei war, von der ich nichts gesehen habe. Arme Jeanne, was hast Du für Umwege gemacht! Aber vielleicht waren sie nötig für Deine Lobbyarbeit.
Nach anfänglichem erschöpftem Schweigen kamen wir zwei Singles doch ins Gespräch und stellten fest, dass wir uns in deutsch unterhalten konnten. Er (den Namen weiß ich noch nicht) ist ein Schweizer aus Basel und war in Epinal und Reims. Beide Städte sind auch in der Champagne, und er hat dort die Keller im Kreidefelsen gesehen und viele Champagnerproben genossen.
Wir blieben bis um elf sitzen. Und hatten den gleichen Weg zurück, denn auch er logiert im Hotel du Nord. Ich hab versucht meinen Zustand der Unterernährung zu beenden und fühle mich sehr wohl und gesättigt! Morgen werde ich sehen, ob's Laufen dadurch wieder leichter wird.
Übrigens: Vier Kilometer hinter Toul waren die ersten TAUSEND Kilometer gelaufen!
Siegfried
Cirfontaines-en-Ornais (26. Juli)
Meine Lieben,
heute bin ich wieder ein bisschen mit meinem Pilgerschicksal versöhnt und das kam so:
Zunächst habe ich natürlich wieder im Freien geschlafen. Ich schaute kritisch die Wolken an, aber die Schwalben flogen sehr hoch, es war also in der Nacht kein Regen zu erwarten.
Regen nicht, aber Tau, da ist mir eingefallen: "... wenn süßer Tau vom Himmel fällt ..." Es hat wirklich ab und zu einen großen Tropfen gegeben, da bin ich unter das Vordach des Waschplatzes gezogen, damit mein Schlafsack nicht nass wird. Bevor ich in den Schlafsack geschlüpft bin, war ich natürlich noch ausgiebig essen und zwar mit gutem Gewissen, ich hatte ja fast schon seit einer Woche kein warmes Essen mehr zu mir genommen.
In Greux, dem Nachbarort genehmigte ich mir einen halben Liter "vin ordinaire", also den Hauswein, einen "Vogesensalat": gemischter Salat mit angebratenen Speckwürfeln drüber obenauf als Haube angemachter Frischkäse. Garniert war der Salat mit kleinen, breiten Spitztüten aus ganz dünn geschnittener Melone, die mit kleingeschnittenen Tomaten gefüllt waren. Hauptgang Steak de boef, und dann noch ein kleiner Kaffee.
Die gestrige Email an Euch hatte ich im Waschraum stehend fertiggeschrieben und dann das Gerät auch dort über Nacht aufgeladen.
Um sechs bin ich aufgestanden und bis ich alles eingepackt hatte (Gott sei Dank waren in der Nähe meines "Liegeplatzes" Tisch und Bank, mit Schlafsack und Matte ist das ja ein wenig kopliziert), gewaschen und angezogen war, war's halb acht, und ich frühstückte noch die Reste meiner Baguette, Rillette, Honig und Obst zu Wasser. Den Weg, den ich gehen musste, hätte ich auch so nehmen können, dass ich an der Bäckerei vorbeigekommen wäre. Dann hätte ich auch noch einen Kakao trinken können. Ich entschied mich dann aber doch nicht für die Bäckerei, sondern für den Waldweg, der auch ein wenig kürzer war.
Warum ich jetzt das Nebensächliche wieder so genau beschreibe? Weil wieder ein paar "Zufälligkeiten" eingetreten sind. Ich wandere zwischen Wäldern und an Waldrändern aus dem breiten Tal der Meuse, an der Domrémy liegt, bergauf heraus und kome nach Vaudeville-le-Haut. Die Kirchtürme sind jetzt anders, sie sind schlanker und haben ein flacheres Dach. Hinter dem Ort ist eine kleine Gedenkstätte mit einer Tafel "Vaudeville de Haut, Haut lieu de la resistance". Es war am ersten September 1944, dass die maquisards von Vaudeville die Deutschen angegriffen hatten und aus dem Ort vertreiben konnten.
Es geht wieder eine Stunde durch einen Wald, Rehböcke bellen und erst befürchte ich, es sind wilde Hunde und lauf ein bisschen schneller.
Im andern Ort komme ich an einem Brunnen vorbei, der läuft und der sicher Trinkwasser bietet, weil drüber steht "Eau de Dainville", also von den "Stadtwerken". Ich trinke, wasche Arme undGesicht, ich bin ja recht verschwitzt und eine blutige Stelle am Trikot, in der Gegend wo drunter das Herz schlägt, habe ich auch, da hatte ich eines der lästigen Biester im Wald erwischt.
Ein Lieferwagen kommt, er hupt, bleibt stehen. Hinten geht eine Lade auf: ein Geschäft! Auch ich eile hin und werde wegen meines Zustandes etwas reserviert beäugt.
Ich kaufe Baguette, Käse und zwei Äpfel. Jetzt kann nichts mehr passieren, nur eine Unterkunft brauch ich noch. Im nächsten Ort hatte ich geplant zu bleiben. Wieder durch einen großen Wald mit seinen Bremsen. Dann eine weite Anhöhe mit Getreidefeldern, so weit man sieht, und Mähdreschern in Aktion. Aber im Ort keine Spur von Übernachtungsangebot. Aber wenigstens sehe ich in zwei Gärten Leute beim Essen, aber fragen mag ich noch nicht. Es ist noch nicht spät, ich werd schon was finden.
Es kommt ja noch das Château de Beaupré, und ein paar kleine Seen, da ist sicher was los und zum Mindesten ein Campingplatz. Als ich an einem Wäldchen vorbei bin, ein Schild "Beaupré". Das war also das Schloss, ich hab nichts davon gesehen, und an den kleinen Seen ist auch keine Seele. Jetzt werd ich doch nervös!
Es gibt noch einen Ort "Cirfontaines-en-Ornois", hat laut Karte nur 80 Einwohner. Am Ortseingang eine Tafel, dass der Ort am Jeanne d'Arc-Weg liegt und Wandervorschläge. Macht scho mal einen guten Eindruck. Aber es gibt auch im Ort verlassene Häuser, die verfallen.
In einem Hof sitzen zwei ältere Damen im Schatten und ich frage nach Übernachtungsmöglichkeiten. Ja, sagt sie, es gäbe "Chambres d'hôtes" und die Frau im Nachberhaus mache das.
Nebenan arbeitet der Mann im Hof und ich frage. "Chantal" ruft er, und eine nette Frau kommt, der er erklärt, was ich will. Sie gibt mir die Hand. Es wird was. Gegenüber ein modernes Haus, das – was ich rausbekommen kann – der Gemeinde gehört und das 10 Gästezimmer hat, sowie eine große Küche und einen großen Gemeinschaftsraum. Ich hätte Glück, in ein paar Tagen sei alles voll. Ob ich aus Vaucouleurs angerufen hätte? Hab ich nicht .
Domremy la Pucelle (25. Juli)
Meine Lieben,
Meine erste Nacht im Freien habe ich hinter mir, es war sehr romantisch.
Nur konnte ich meine Arme nicht ausstrecken, wie ich's gerne tue, sie waren im Schlafsack gefangen, und wenn ich sie aus dem Schlafsack raustat, lagen sie im Gras und das wollte ich auch wieder nicht. Manchmal bin ich beim Umdrehen auch von meiner Isomatte gerutscht und das Kopfteil des Schlafsackes war immer da, wo mein Kopf nicht war.
Praktisch ist der Beutel mit der Unterwäsche als Kopfkissen, da hat man wenigstens was, wo man sich festhalten kann. Natürch habe ich da nur die gewaschene Wäsche drin.
Ich schlief in Abschnitten, so hatte ich zwischendurch immer wieder Zeit, den Himmel und die Sterne zu betrachten und gegen Morgen den Sonnenaufgang.
Der holländische Vater mit seinem Sohn hatten ihr Zelt so leise abgebaut, dass sie, als ich dann aufwachte, schon reisefertig waren.
Da es im Ort nichts gibt, bin ich den Kilometer nach Greux gegangen, wo ich in der Bäckerei Schokolade trank und ein Schokoladencroissant und ein Blätterteigetwas mit Apfelfüllung dazu aß. Für Mittag nahm ich ein Baguette, ein Glas Rillettes und eine Flasche Orangensaft mit. NIX WEIN!
Da ich schon mal in Domremy bin und mich so darau gefreut habe, habe ich mich in einer nächtlichen Schlafpause entschlossen, hier meinen Ruhetag einzulegen und ohne zu hetzen das Haus Jehannes zu besuchen und auch die Ausstellung.
Das Haus steht nur 10 Meter neben der Kirche in der sie getauft worden ist. In einem modernen Informationsbüro wird man von netten Damen begrüßt, von denen einige auch Deutsch sprechen. Das Geburtshaus ist klein und hat ein Pultdach. Im Erdgeschoß gibt es vier kleine Räume, von dem einen Raum aus, durch den man hereinkommt werden die anderen erschlossen, wobei eines der beiden Kinderzimmer wieder durch das andere gefangen ist.
Laut der Beschreibung haben Jehanne und ihre Schweater in dem einen der kleinen Räume geschlafen, ihre Brüder im anderen. Der Raum, durch den man hereinkommt, wird der Gemeinschaftsraum gewesen sein, wo sich alles was man gemeinsam tat abspielte. Der vierte Raum ist auch vom Gemeinschaftsraum zugänglich, hat aber eine zusätzliche Tür nach außen. Ich könnte mir vorstellen, dass das ein kleiner Stall war, dann hätten die Eltern ein Zimmer oben haben müssen. Eine Treppe geht von diesem Raum hoch.
Dann kann man noch Videos über das Leben und den Prozess ansehen, einer erzählt anhand von Kinderbuchbildern das Leben, in einem anderen werden die Anklagen des Prozesses von Schauspielern vorgetragen, die sich Jeanne immer wieder in den Weg stellen. Man sieht das mit den Augen von Jeanne, Jeanne sieht man nicht, nur ihre Antworten hört man. Leider hab ich davon nur wenig verstanden, aber die Darstellung hat mich beeindruckt.
Die Ausstellung ist wie ein Weg gestaltet und zeigt in vielen historischen Bildern die Umwelt, das Leben und die Gedankenwelt des ausgehenden Mittelalters.
Als Höhepunkt der Ausstellung gilt ein "Theater" mit lebensgroßen historisch gewandeten Puppen, die die wichtigen Personen dieser Zeit darstellen. Ein Sprecher erzählt und die jeweils handelnde Puppe wird angestrahlt.
Somit war der Vormittag vorbei, ich stürzte mich über mein opulentes Mittagsmahl: Baguette mit Rillette, Jus d'Orange und als Nachspeise einen Pomme.
Füße hochlegen bzw. Oberkörper zu den Füßen runterlegen. In der Zwischenzeit hab ich dieses Gerät im Waschraum aufgeladen und gehofft, dass es nicht verschwindet und nun sitze ich da und schreibe. Aber was ist alles in den letzten Tagen passiert?
Nach einem Frühstück mit Croissant und Kaffee auf dem Campingplatz bin ich von Liverdun aus nach Toul aufgebrochen und war um ca. 15.00h dort. Erst geht es wieder lange durch Strassen mit Häusern und wenig los, vor allem auch nichts, das nach Essen und Übernachtung aussehen würde. Aber plötzlich steht man vor einem niedrigen Wall, nach außen als Natursteinmauer, nicht hoch, so etwa drei bis vier Meter, außen ein breiter Wassergraben. Im Bereich der Strasse ist der Wall durchbrochen und man kann rein.
Am Plan habe ich gesehen, dass die ganze Altstadt von ihm auch heute noch umschlossen ist, an einer Seite bildet die breite Mosel, ja die ist da auch noch da, den Graben.
Die Kathedrale oben auf einer Anhöhe in der Altstadt, aber nicht in deren Mitte, ist, anders als in anderen Städten schon relativ weit zu sehen. Also gehe ich gleich dort hin, auch weil die Info dort ist. Auch diese Kathedrale gewaltig, gothisch, aber nicht ockerfarben wie in Metz sondern grau. Und die Westseite, die Eingangsseite ist viel reicher gegliedert als bei den großen Kathedralen die ich bis jetzt gesehen habe.
Ein kleiner Platz davor, aber fast keine Leute. In der Kirche ein kleiner Infostand mit zwei netten Mädchen, die gleich telefonieren und mir eine Herberge nennen, aber ich kann erst zum "Ende des Nachmittags" d.h gegen 6 Uhr rein.
Ich habe viel Zeit die Kathedrale anzusehen, nur eine Frau ist noch mit im Raum und läuft still umher. Was für eine andere Stimmung als in den von Schaulustigen durchwanderten großen Gotteshäusern!
Aber auch da stimmt was nicht. Von Andrea und Anke erfahre ich später, dass hier keine Gottesdienste mehr gefeiert werden.
Ich sehe, dass in den beiden Seitenschiffen Netze unter die Decke gespannt sind, um vor herabfallendem Putz zu schützen, ich sehe auch den Staub auf Figuren, Altären und Möbeln.
Der Innenraum wirkt anders als in den anderen Kathedralen, ernster, kühler, vielleicht kommt es von der grauen Farbe, vielleicht aber auch daher, dass der Altarraum mit weißem Marmor umkleidet ist. In Kassetten gibt es allerdings farbige Bilder. Auch mehrere Seitenaltäre sind in Marmor ausgeführt, und es scheint, dass auch Wandflächen der Seitenschiffe verkleidet waren.
Also suche ich nach einem belebten Platz und einem Cafe. Es geht durch verwinkelte enge Gassen, malerisch, romantisch, aber fast ausgestorben. Schließlich finde ich den "Place ronde", Cafés, Bistros, Leute, Verkehr, auch das tut mal wieder gut! Ich trinke Chocolat, weil ich gemerkt habe, der viele Kaffee tut mir nicht so gut, und breche zu meiner Herberge auf. A.R.C.H.E. heißt das Haus. Zwei Frauen heißen mich willkommen und zeigen mir das Zimmer. Aber erst solle ich noch einkaufen gehen oder zum Essen. Ich gehe einkaufen bei CORA, einem Supermarkt und komme mit Baguette, Pâte capagnard, Käse, Honig, Wasser und einer Flasche Wein zurück, vor allem der Wein erstaunt die beiden, es ist ja nur ein Abend. Ich lade die beiden zu einem Gläschen ein, aber nur eine nimmt an, die andere trinkt Wasser. Marie-Louise ist Elsässerin und spricht perfekt Deutsch. Die beiden sind Ordensschwestern, Marie-Louise vom Orden "der Göttlichen Vorsehung, Rappoldsweiler", die andere vom Orden "Jean-Paul".
Das Haus in dem ich nächtige ist eine Herberge für Angehörige von Gefangenen, die ihre Leute in einem der beiden Gefängnisse besuchen. Daei werden sie auch sozial und psychisch betreut. Das ist ein Problem, an das ich noch nie so gedacht habe. Das Leid und die Probleme, die über die Familien hereinbrechen, wenn ein Angehöriger ins Gefängnis muß, schuldig oder unschuldig.
So, jetzt wird noch geklärt, dass ich keine Bettwäsche brauche, ich habe ja ein Inlett, und die beiden bleiben auch im Zimmer als ich meine Schuhe ausziehe. Die Schwester von "Jean-Paul" eilt zum Fenster und sagt was, Marie-Louise sagt was beruhigendes von "ganzem Tag", das Fenster bleibt dezenterweise geschlossen, ich machs dann natürlich auf.
Ich speise ausgiebig und schreibe Euch auch ein bisschen dabei und die Flasche Wein wird dabei leer. Um 1/2 10h werde ich von den beiden lieben Schwestern, die erstaunt sind, dass die Flasche schon leer ist, ins Bett geschickt.
Das habe ich jetzt am Schluß im Waschraum auf dem Campingplatz von Domremy geschrieben, an meinem Schlafsack hab ich keine Steckdose!
Euer Siegfried
