2
August
2008

Les Riceys (1. August)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Irgendwie habe ich ein Talent, immer dann in einen Ort zu kommen, wenn ein besonderes Fest ist. Erst war's das Stadtest in Limburg, dann das Weinfest in Trier und jetzt das Champagnerfest in Les Riceys. Aber Gottseidank bin ich einen Tag zu früh dran und kriege nur die Vorbereitungen mit. Da ist dann die Versuchung nicht allzu groß.

Heute früh bin ich relativ spät aus dem Haus gegangen, die Unterhaltung mit den Mitgästen und der Hauswirtin hat mich die Zeit vergessen lassen und außerdem regnete es. Als ich dann gegen zehn Uhr aufbrach, hatte es aufgehört zu regnen, aber es war so schwül, dass die Haut auch ohne Anstrengung schon feucht war. Ich schrieb noch zwei Karten aus der Künstlerstadt an Künstler und besuchte die schöne alte Kirche mit Marmoraltären und Marmorkreuzweg.

Heute würde es wenig anstrengend sein. Allerdings hatte ich mir gestern noch vier Bananen und eineinhalb Liter Saft als eiserne Reserve mitgenommen, weil so ein schönes Geschäft da war. Auch Papiertaschentücher hatte ich mir gekauft. Allerdings suchte ich diese sehr intensiv unter den Damenbinden und der Verkäufer beobachtete mich zunehmend misstrauisch. Ich gab die Suche dann schließlich auf und fragte beim Bezahlen nach: Zog mein leeres Tempopäckchen heraus, und für die "nez" mit Vorführung, und er kapierte sofort und brachte mir welche. Sie waren ganz oben, da hatte ich nicht hingeschaut. Aber auf alle Zeit werd ich jetzt wissen Taschentücher = mouchoirs!

Es ging erst wieder mal so eineinhalb Stunden bergaufwärts, und an einer schönen Stelle machte ich eine kleine Pause, um so eine Kleinigkeit zu erledigen, und um eine Banane zu essen und zu trinken, damit das Gewicht des Rucksacks leichter würde.

Wie ich so dastehe und hantiere, um meine Sachen wieder transportfähig zu machen, hält hinter mir ein Auto. Zwei Herren haben offenbar das gleiche Bedürfnis wie ich. So treffen die Welten wieder aufeinander.

Es ist ein Mercedes Coupé, mit Münchner Nummer. Wenn die mich jetzt mit "Bonjour" grüßen, sag ich in breitem Münchnerisch "Grüßgott", oder wenn sie mich nur anschauen. Aber sie würdigen mich keines Blickes und rauschen mit ihren ach Zylindern lautlos, aber mit ein bisschen im Sand durchdrehenden Reifen grußlos davon. O armer Pilger! Ich redete meinem frisch mit Banane und Wasser versorgtem Einzylinder gut zu, er donnerte ein bißchen und spie giftige Wolken aus, setzte sich dann aber wieder gutmütig in Bewegung.

In Gyé sur Seine überschritt ich die Seine. Sie ist hier etwa so groß wie die Chemnitz bei Göritzhain. Aber es ist halt die "Seine" und da gibt's sogar Lieder, die jeder Deutsche kennt: Paris liegt an der Seine...

Wieder eine Verlockung, reinspringen und fort nach Paris...

Aber erstens ist sie zu seicht, und zweitens ist's heute leider nicht heiß! Aber sie ist hier, wie die Chemnitz auch, ein munterer Bergfluss.

Nach Les Riceys kommend merkt man schon das Außergewöhnliche: Überall wird geputzt, geschmückt, renoviert. Einer wachst gar sein Stahl-Eingangstor ein, wie man es bei Autos macht.

Jetzt weiß ich auch warum das "Les Riceys" heißt, also "Die Riceys": Es gibt Ricey Bas, Ricey-Haute Rive, Ricey-Haut und zusammen heißen sie halt "die ...".

Und Les Riceys ist offenbar eine Metropole der Champagner-Produzenten. Man sieht es überall: Es ist viel Geld da, und sie können sich auch die Gîtes bei der Mairie leisten, wo ich jetzt Gast bin. Die alte gotische Kirche mit den Strebepfeilern verfällt allerdings.

Das Gîte ist in einem Nebengebäude der Mairie, die wie ein kleines Schloss in einem Park liegt. Es gibt hier eine Anzahl einfacher Zimmer mit zwei bis vier Betten, einen Gemeinschaftsraum mit Kühlschrank und Kochgelegenheit, auch mit dem notwendigen Geschirr, Töpfen, Pfannen. Es gibt Duschen und WCs und Waschbecken, die gemeinschaftlich benutzt werden.

Ich finde das eine sehr gute Idee, da hier auch Leute mit wenig Geld übernachten können. Erst war ich allein hier, in der Zwischenzeit ist eine holländische Familie und eine Gruppe französischer Jugendlicher eingetroffen.

Im Ort habe ich weder ein Restaurant, noch ein Hotel gesehen. Ich sitze hier bei Baguette, trockener Schweinewurst, Käse und Wein und schreibe Euch bis jetzt, Mitternacht!

Gute Nacht, noch ein paar Tage bis Vézelay!
Siegfried

2
August
2008

Gleich überschreite ich die Seine (1. August)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Hallo,

an so einem markanten Punkt muss man eine Rast einlegen. Drum sitz ich hier am Ufer der Seine, zwar nicht in Paris, aber immerhin auf einer Bank. Und mein Camembert, den ich seit Colombey in der Gluthitze mitgetragen habe, war (er ist jetzt nicht mehr) genau im richtigen Reifestadium.

Heute Nacht hat's – nach dem gestrigen heißen Tag – ein ordentliches Gewitter mit allem Drum und Dran gegeben. Heute ist es kühl und regnerisch.

Die nächste Stadt "Les Riceys" kann ich locker angehen, denn meine Wirtin in Essoyes hat dort schon ein Zimmer reserviert. Wegen des Champagnerfests wäre es sonst schwierig geworden.

Kann aber leider, leider nicht mitfeiern!

Euer Siegfried

2
August
2008

Essoyes (31. Juli)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Der heutige Tag begann wenig spektakulär auf der Landstraße, die am Hotel vorbeiführte. Ich ging nochmal die lange Mauer der Abtei Clairvaux entlang und dann mehr als eine Stunde bergaufwärts. Es ging als Zwischenstation nach Champignol. Ein Name der viele Erwartungen auslöst: "Champignon, Champagner".

Aber kurz vor Champignol kam ich erst an einer chapelle romane vorbei, auf die besonders hingewiesen wurde, und die auf einem Hügel zwischen alten Bäumen steht. Es ist eine romanische Kapelle mit einem großen Vorraum, dessen Fußboden mit einem wunderschönen Belag aus stehenden gebrochenen weißen Schieferplatten gepflastert ist. Allein dieses Pflaster war es wert, den Hügel hinaufzugehen.

In die Kapelle konnte man nicht hinein, aber durch ein kleines, vergittertes Guckloch hineinsehen. Ich hatte es erst gar nicht gesehen, weil es so weit unten ist, dass auch Kinder durchsehen können. Entsprechend anstrengend ist's dann für einen steifen Siebziger.

So einen Vorraum wie den vor der Kapelle hätte ich mir mal zum Übernachten gewünscht!

Auf einem Bankerl in der Höhe mit weitem Blick ins Land, das jetzt wieder anders wird, kleinförmiger, hügeliger. Und ab und zu sieht man tiefgrüne Weinberge zwischen den gelben und hellbraunen Feldern.

In Champignol komme ich an einer "Bar" vorbei und kann nicht widerstehen: Ich genieße ein Viertel bière pressure, also ein schönes Kühles vom Fass. Das Schlimme daran ist, dass das Wiederaufstehen und Weiterlaufen anschließend besonders schwer fällt.

Ich komme jetzt wirklich in die "Wein-"Champagne, die Weinberge werden immer mehr, und Hinweistafeln auf die "Route de Champagne" weisen selbst einen Unbedarften wie mich darauf hin.

Auch die Orte verändern sich. Statt den großen Gehöften gibt es jetzt wieder kleinere, zusammengebaute Einheiten. Auf einer Anhöhe, zehn Kilometer vor Essoyes, sehe ich das erste Mal eines der Cadole, der alten Schutzhütten für die Winzer. Die weißen Schieferplatten, dies hier gibt, sind kreisförmig aufeinander geschichtet und zwar nach oben immer enger werdend, an einen Bienenkorb erinnernd, so dass sie sich schließiich oben zu einem Dach schließen. Der Eingang und der Rauchabzug ist immer nach Osten, also der windabgewandten Seite zugewandt. Dadurch brauchten sie keine Türen und der Rauch zog auch schön ab.

In der Nähe dieses Cadole war auch eine schöne Hinweistafel, auf der zu sehen war, wohin ich heute (den Ort konnte man auch in Natura schon sehen, und er war noch ganz schön weit weg) und wohin ich morgen gehen müsste, da sah man nur einen hohen Funkmast: Die Entfernung kommt einem dabei fast unerreichbar vor! Manchmal ist es doch besser, das Ziel nicht zu früh zu sehen.

Bis jetzt war ich auf Landstraßen gelaufen, jetzt ging's wieder über einen breit ausgebauten Wanderweg, eine Sandstraße. Natürlich war ich wieder mal im Zweifel und lief ein paar hundert Meter zurück, weil der Weg anders, als ich's aus der Karte las, verlief. Aber ein Bauer, der gerade mit einem riesigen Pflug (ich glaub, so acht Pflugscharen nebeneinander) vorbeikam, beruhigte mich und sagte, ich solle nur immer dem Weg nachgehen. Natürlich sagte er es nicht so, sondern mit vielen französischen Worten und Gesten, und ich reimte mir daraus was zusammen und hoffte, dass es stimmte. Es war ja schon in Deutschland schwer, nach Wegbeschreibungen zu gehen. Denn eine einzige Fehldeutung an einer Weggabelung führt unweigerlich in die Irre. Gottseidank gab es wieder Markierungen, und die halfen mir dann bei Zweifelsfällen weiter.

Endlich kam Essoyes in Sicht, und bald war ich in der Stadt. Malerische kleine Häuser aus dem hellen Naturstein, zum Teil ohne Mörtel errichtet (Trockenmauerwerk) und auch zum Teil Fachwerkhäuser, das Fachwerk aber enger gegliedert als bei uns. Das ist so ähnlich wie bei den Dächern. Die Franzosen legen die Sparren viel enger, legen die Pfetten außerdem schräg.

Essoyes ist die Stadt des bekannten Malers Auguste Rodin, und das macht sich in der Stadt auch bemerkbar. Plakate, Hinweise und eine Anzahl Maler, die auf ihre Werke und Ausstellungen aufmerksam machen. Man könnte auch das Atelier Auguste Rodins besichtigen, aber was könnte ein einsamer Pilger wie ich nicht alles!

Von der örtlichen Information wurde mir ein Zimmer vermittelt bei einer älteren Dame, die ein Haus mit "Gîtes de France" bewirtschaftete. Es war auch noch ein älteres französisches Ehepaar mit im Haus und beim Frühstück wurde fest geratscht, so gut es ging, und es stellte sich heraus, dass sie aus Südfrankreich sind, und der Mann am gleichen Tag wie ich geboren ist, nur 12 Jahre früher.

Die Hauswirtin hatte mir am Vorabend schon gesagt, dass in Les Riceys, meiner nächsten Station, am Wochenende Champagnerfest ist, und deshalb schwer ein Quartier zu bekommen sei, und dort angerufen und für mich was reserviert. Ich solle mich nur in der "Mairie", dem Rathaus, melden.

Ich ging mal wieder fein essen (wieder beim Italiener) und schlief in dem vornehmen Haus gut, bis ein lautstarkes Gewitter mit prasselndem Regen mich an meine Nacht im Freien erinnerte. Ich drehte mich wohlig um und genoss das trockene Bett. So gut geht's mir allerdings meistens, drum werd ich langsam wieder optimistischer.

BEREICHTIGUNG: ES GEHT NICHT UM RODIN SONDERN UM RENOIR!!!

Siegfried

2
August
2008

Clairvaux (30. Juli)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 3

Hallo, Ihr Wohlbefindlichen,

mir geht's im Augenblick auch wieder gut.

Gestern hatte ich wieder eine Enttäuschung hinnehmen müssen. Es war ja nicht sehr weit bis Clairvaux gewesen, aber durch geschicktes Übersehen der Abzweigung des richtigen Weges bin ich halt wieder einen Umweg von ein paar Kilometern auf der Landstraße gegangen. Am Schluss ging ich aber einen kleinen Weg von Lochamp aus, den möglicherweise "Bernhard von Clairvaux" auch schon gegangen ist.

Es gibt auch hier so Wege, wie auch um Domrémy, die die hier tätigen Personen – hier eben Bernhard, dort Jeanne d'Arc – gegangen sein sollen. Ich mach mir nur Gedanken, ob die immer so umständliche Wege gegangen sind, und vor allem ob sie beim Meditieren immer im Kreis gelaufen sind. Ich glaube, die waren schon zielstrebiger, sonst hätt's weder der eine, noch die andere so weit gebracht.

Von weitem sah ich Clairvaux schon, aber ich suchte vergeblich nach einer Kathedrale. Ich sah riesige, langgestreckte Gebäude, von einer hohen Mauer umgeben.

Da ich mich vorher nicht mit Clairvaux beschäftigt hatte, war sie mir nur ein Begriff in der Zusammensetzung "Bernhard von Clairvaux", und der war der erste große Kreuzzugprediger gewesen. Und Predigt und Kathedrale gehörten für mich zusammen. Dass er "von Clairvaux" war sagt aber, dass er aus Clairvaux kam, aber nicht zwingend dort predigte. Da seht Ihr, mit was ich mich beschäftige! Aber vielleicht kann das ja mal eine kompetente Person im Kommentar klarstellen.

Schwester Marie-Louise aus Toul (ihr kennt sie ja schon), hat mir gewünscht, dass mich die "Damen von Clairvaux" aufnehmen mögen. Und ich war mir ganz sicher, dass sie das täten, meinen abgemagerten Körper und mein verschwitztes Gesicht und Trikot vor Augen.

Aber wie in einer alten Geschichte, die ich nicht mehr genau weiß, sitzt ein Zerberus da, bei dem man sich anmelden muß. Es war hier nicht ein mitfühlender Mönch wie Bruder Stefan in Arnstein, sondern eine coole Rezeptionistin im Empfang und Shop der "Hostellerie des Dames". Der Witz war, dass ich mir unter "Hostellerie" etwas wie "Wirtschaft" vorstellte und ganz besonders optimistisch und freudig anfragte. Sie verwies mich auf eine "Gite de France", also auf Gästezimmer bei Madame soundso, bei der ich vor zwanzig Minuten vorbeigelaufen war.

Da das jetzt ein Rückweg und wegen des Essens, das man dort nicht bekommt, auch noch ein Hin-und-Herlaufen gewesen wäre, und am nächsten Tag beim Weiterwandern ein Kilometer weiter gewesen wäre, nahm ich ein Zimmer im "Hotel-Restaurant l'Abbeye" und konnte so am späten Nachmittag die Abtei wenigstens von Außen nochmals ansehen.

Es ist ein riesiger Gebäudekomplex innerhalb einer, auf der sichtbaren Seite mindestens einen Kilometer langen Mauer. Wie ich gelesen hatte, war innerhalb dieser Mauer ein ganzes Dorf – zur Versorgung der Abtei – und die Abtei selbst beherbergt. In der Vergangenheit war das sicher sinnvoll und für die Bewohner angenehm, weil sie dadurch vor den Gefahren der nicht immer gut gesinnten Umwelt geschützt waren. (Ich denke da unter anderem an die Elektrozäune um die Gersten- und Maisfelder heute.)

Heute ist das Areal offenbar sinnigerweise, wie nach den Zeiten, als die Abtei aufgelöst wurde, immer noch zum Teil Gefängnis, besonders sicher, weil es innerhalb des von der äußeren Mauer eingegrenzten Bereiches noch einen von einer inneren Mauer umgrenzten Bereich gibt. Und diese Mauer ist nachts außen beleuchtet, wie ich von meinem Fenster aus sehen konnte.

Als normaler Sterblicher ohne Eintrittskarte und als erschöpfter Pilger sieht man außer dem Eingangstor, einem alten Wirtschaftsgebäude, der Hauptfassade des großen Komplexes aus der Barockzeit und einer Kapelle, die verschlossen ist, wenig. Und zu ein paar alten Gebäuden, die von Ferne sichtbar sind, kann man nicht hingehen, weil ein Schild darauf hinweist, dass (so hab ich's wenigstes verstanden) das Gelände im Eigentum des Justizministers ist und unter Strafe nicht betreten werden darf! (Nicht wörtlich nehmen, aber so hab ich's in Erinnerung.)

Aber die Statue des Bernhard an einem Berghang über der Abtei habe ich besucht. Und da steht er nun mit ausggestreckten Armen als weiße Marmorfigur und predigt genau in den Teil der Abtei, der heute Gefängnis ist. Jetzt hab ich nochmal in einem kleinen Blättchen nachgesehen, das man am Empfang bekommt: Der heilige Bernhard hat die Abtei gegründet und bis zu seinem Tod 1153 dort gelebt.

Euer Wanderer mit verschwitztem Gesicht:
Siegfried

2
August
2008

Colombey les Deux Eglises (2) (29. Juli)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 1

Jetzt, nachdem ich wieder im Bett liege, noch ein paar Gedanken zum Tag und vor allen Dingen die Schilderung des Diners, also des Abendessens, das ich auf der Terrasse, wie die anderen Gäste, genossen habe.

Es gibt hier eine "Soirée d'étape", das heißt, das Abendessen wird pauschal mit der Übernachtung abgerechnet. Man bekommt also ein festgelegtes Menue, nur Getränke und sonstige Extras muss man zuzahlen. Wieviel das jetzt kostet, weiß ich noch nicht, aber es ist in jedem Fall günstiger, als sich sein eigenes Essen zusammenzustellen.

Als Vorspeise gab es einen Salatteller mit fünf verschiedenen Salaten. Frisches Baguette – breit geschnitten, so dass man das Brot brechen muss, um es essen zu können – wird sowieso schon vor dem Bestellen auf den Tisch gestellt.

Als Hauptgang gab es Bandnudeln mit kleinen Lachsschnitten in einer leichten süß-sauren Rahmsauce. Dann im Nachgang fromage: kleine Portionen Käse in dreierlei Sorten, mit Rosinen garniert, die prima dazu geschmeckt haben.

Nachspeise war eine "Tarte de raisines", ein Stück Kirschkuchen, sehr saftig, mit Vanillesauce. Ich genehmigte mir dann noch einen petit café, also eine Art Espresso, der aber doppelt so viel ist wie beim Italiener, dafür weniger stark.

Zum Ganzen habe ich einen halben Liter Rotwein und Wasser getrunken. Und Ihr seht, wie das wirkt! Gleich bin ich wieder ein ganz anderer Mensch.

Ich weiß, dass ich privilegiert bin und mir leisten kann einzukehren und auch mal gut zu essen, was viele andere nicht können. Aber dafür bin ich schon alt, und ich hätte auch nicht mehr die Kraft und den Mut, mich in dieser Beziehung noch grundlegend zu ändern. Wenn man das längere Zeit macht, was ich gestern gemacht habe, verwahrlost man zwangsläufig, zumindest im Äußeren. Alles was man am Leibe hat ist nass, auch die Unterwäsche. Man kann sich nicht waschen, weil selbst das Handtuch nicht mehr trocknet. Und wenn man dann in einen Gasthof kommt, wird man sehr aufmerksam gemustert.

Andererseits haben die hier – im Gegensatz zum Beispiel zu Metz – keinerlei Sicherheit verlangt, ja, nicht einmal meinen Namen. Vielleicht ist's doch noch nicht so schlimm mit mir.

Ich hatte heute Vormittag tatsächlich in Erwägung gezogen, ein bißchen zu schwindeln und bis Vezelay mit der Bahn zu fahren. Nachdem ich wieder was gegessen hatte, also schon nachmittags, habe ich mir vorgenommen, den Weg weiterzugehen, aber die Wegstrecken so zu verlängern, dass ich immer in größere Städte komme, in denen ich mit größter Wahrscheinlichkeit eine Übernachtungsmöglichkeit finden werde, eventuell auch vorher anrufe oder besser von einer meiner Töchter anrufen lasse. Einmal wäre dann eine Tagesstrecke um die vierzig Kilometer (von Tonnere nach Avallon), das wäre Ende dieser Woche. Schaun mer mal, wie Beckenbauer so schön gesagt hat.

Morgen geht's erst einmal nach Clairvaux. Ich hab keine Ahnung, was mich dort erwartet. Ob es noch eine große Abtei ist, ob die Mönche Herberge geben, oder ob es sonst was gibt.

Also drückt mir die Daumen.

Euer Siegfried

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