18
Juli
2008

Eff-Hellendorf (15. Juli), Koenigsmacker (16. Juli), Kédange sur Canner (17. Juli)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Ihr Lieben,

Jetzt muß ich erst mal korrigieren: 1. Der Ort heißt, glaube ich Eff-Hellendorf
2. Ins Saarland bin ich nicht schon vorgestern eingewandert, sondern erst gestern, und zwar verläuft die Grenze im Wald zwischen den zwei Stegmühlen. Vielleicht hab ich mir deshalb bei der Wegfindung ein bißchen schwer getan.

Heute hab ich eigentlich die besten Voraussetzungen für einen gemütlichen und dabei höchst ereignisreichen Tag gehabt. Ich war schon mindestens fünf Kilometer weiter als geplant gegangen, und ich war unmittelbar vor der französischen Grenze.

Ich ging also guter Dinge und in Erwartung eines gemütlichen Tages los.

Ich überschritt die Grenze wenig spektakulär, aber ein bißchen gefeiert habe ich natürlich schon. Ich setzte mich genau auf das Markierungskreuz des französischen Grenzsteins, so dass eine Hälfte meines Allerwertesten in Deutschland, die andere in Frankreich sich aufhielt. Es war ein außergewöhnlicher Augenblick und ein erhebendes Gefühl, sozusagen die deutsch-französische Vereinigung in meiner Person als Sinnbild der Europäischen Gemeinschaft. Deutschland tut in respektvollem Abstand vom Grenzstein in Form eines Schildes kund, dass es da anfängt. Darauf genehmigte ich mir ein paar Schluck Wasser aus meiner Flasche. und dann sah ich in der Ferne ein Pärchen zwischen den Feldern laufen. Einer war, soweit ich das sehen konnte weiß, der andere rot gegleidet, ich meinte auch blau gesehen zu haben, aber das sah ich später nicht mehr. Vielleicht wars der Himmel oder meine Einbildung, aber durch das leuchtende Blau-Weiß-Rot des Pärchens fühlte ich mich wie mit der Tricolore begrüßt!

Was mir auffiel: Die Getreidefelder kümmerten sich nicht um die Grenze. Ich hatte erwartet, wenigstens an einem Feldweg würde ich den Grenzverlauf im Gelände erkennen. Aber da war nichts. Und wie man sichs in Frankreich vorstellt, es waren lauter Weizenfelder, die Basis der köstlich knusprigen Baguettes.

Später habe ich auch wieder Gerstenfelder gesehen. In Deutschland war's getreidemäßig ziemlich gemischt, wobei ich den Eindruck hatte, dass Gerste und Roggen vorherrschen und natürlich Raps. Bald war ich im nächsten Ort: "Merschweiller". Hört sich richtig deutsch an, auch der nächste Ort "Kitzing". Da ich ein wenig aufgeregt war, fand ich, obwohl nur drei Strassen in verschiedenen Himmelsrichtungen aus dem Ort führten, nicht die richtige und lief in einen Bauernhof. Und so kam es zur ersten Kontaktaufnahme. Eine Frau war in einem Gärtchen beschäftigt. Sie war nicht blau-weiß-rot angezogen sondern genauso wie die Leute bei uns, wenn sie im Garten arbeiten. "Excusé Madame, je cherche la route à Kitzing". Sie war sehr nett, wollte mich aber auf das Chateau schicken. Das Chateau, eine Burg in der Nähe ist die Sehenswürdigkeit hier, aber sie steht auf einem Berg und liegt nicht auf meiner Route. Ich hatte beim Fragen "Kitzing" so ausgesprochen, wie mans bei uns tut. Mir kam es einfach komisch vor und übertrieben, es französisch auszusprechen. Aber irgendwie fand ich dann doch eine Form, so etwa wie "Kisseng", die sie, so nehme ich an, als den Nachbarort identifizierte und ich bekam die genaue Wegbeschreibung, die ja nicht so kompliziert war, weil es in die Richtung nur zwei Strassen gab und ich fand mich sogar zurecht.

Durch eine kleinräumige, bucklige Landschaft ging ich weiter, kam über einen kleinen Bach, der "Apach" hieß und der mich gleich Spekulationen über die Abstammung Winnetous, des Apachenhäuptlings, anstellen liess.

Wagemutig verlies ich mich nun auf meine detaillierte französische Karte und schlug mich, nachdem ich die geschätzte Zeit für die Strecke auf der Karte abgelaufen hatte, rechts in den Wald wo ein völlig zugewachsener Waldweg begann. Der Waldweg wurde ansehnlich und ich war stolz! Was bin ich doch einer! Aber nach 20 Minuten war ich keiner mehr. Der Weg gabelte sich, einer wurde von einem Stacheldraht so versperrt, dass er auch nicht zu unterkriechen war, der andere endete in dichtem Jungholz, ich probierte es eine Weile, gab es dann aber auf, als ich bemerkte, dass ich mich schon bald mit dem Rucksack nicht mehr umdrehen konnte.

Also wieder zurück zur Strasse und weiter. Vielleicht 500m weiter war ein kleiner Parkplatz und da führte ein deutlich sichtbarer und am Anfang sehr steiler Weg weg. Und der war markiert! Nicht wie bei uns mit Buchstaben sondern mit Farbpunkten, die ich schon auf einer Hinweistafel gesehen hatte. Und weil hier offenbar drei Wege parallel laufen, gab es auch drei Farben und die waren: ROT,WEISS,BLAU! Ich war auf dem richtigen Weg.

Durch den Wald und über eine Anhöhe kam ich durch das Dorf "Kirsch les Sierck" und nach Durchquerung eines kleinen Naturschutzgebietes nach Montenach. Da ich schon ein wenig müde war, die letzten zwei Tage war ich ja wieder stramm gelaufen, beschloß ich, weil es schon gegen drei war, dort zu übernachten. Ein hübscher Ort, aber wie bei uns, niemand auf der Strasse. Es gab ein kleines Bar-Restaurant, das aber Betriebsurlaub hatte! Das daneben liegende Hotel hatte ebenfalls die Rolläden unten. Nichts wars! Es ging wieder einen steilen Berg hoch, Richtung Kirche wo die richtige Strasse weiter führte. Und was sah ich da! AUBERGE und grosse Reklame, dass es da "foie gras", das bekannte französische Gänsefett gab. Ein Wink des Himmels. Auberge ist meines Wissens das französische Gasthaus, also kann man da auch schlafen.

Ich rein. Ein in gedämpftem Licht gehaltener Raum in nostalgischem Landhausstil. Tische mit dunklen Tischdecken gedeckt, an einigen speisen (man beachte das Wort "speisen"!) Leute, sich leise unterhaltend und dezent auf den "Wilden" schauend, der da verschwitzt und ein bisschen unsicher vor der Theke steht.

Eine Dame, mit zwei mit leckeren Dingen gefüllten Tellern, eilt um die Ecke und sieht mich fragend an. Ich, wegen des Speichelflusses noch weniger sprachbegabt als sonst, frage nach einem Logis für die Nacht. Sie haben keins, sie sind nur ein Restaurant! Ich frage, aber wo kann ich eins finden. Sie sagt, vielleicht in Kerling, sicher in Koenigsmacker. Also weiter. Kerling liegt etwas abseits am Weg, Koenigsmacker ist ein Umweg, da muß ich ins Mosel- (Moselle-) Tal. Schaun wir mal.

In Kerling gibt's ein Restaurant, steht aber nichts von Hotel oder Betten dran und übrigens ist es auch zu. Jetzt die Entscheidung: vom richtigen Weg weggehen und mit großer Wahrscheinlichkeit ein Bett für die Nacht bekommen, oder in den nächsten Ort ziehen und die weiteren Orte, die alle nicht groß waren und daher sicher nichts zum Schlafen bieten würden. Es wurde dämmrig und fing zu regnen an. Ich schlug die Richtung nach Koenigsmaker ein.

Schon im Moseltal fragte ich im ersten Ort eine junge Radfahrerin, die gerade Pause machte, nach einem Hotel. Sie wusste auch keines, aber sie gab mir den Tipp im Restaurant um die Ecke zu fragen. Das war zu wegen Umbauarbeiten.

Ein Stück weiter war eine Autowerkstatt, irgendwie erinnerte sie mich an den Praxl in Ottobrunn. Zwei Männer standen wartend heraußen und betrachteten amüsiert die nicht autogerechte Gestalt mit Rucksack, die sich ihnen näherte. Auch hier fragte ich nach dem nächsten Hotel. Nach aufgeregten Diskussionen und Rückfrage bei der Dame in der Werkstatt, sozusagen bei der Tochter von Herrn Praxl, einigten sie sich auf "Koenigsmacker". Es waren nur noch drei Kilometer an der Landstrasse entlang, eine dreiviertel Stunde, locker, wenn man weiß, dass man dort unterkommt.

Ich kam dort unter und aß das Menue des Tages: Grünen Salat mit Cervelat-Streifen, Rinderzunge (seitdem weiß ich wieder, dass "langue" Zunge heißt) mit Bratkartoffeln und Erbsen und ein Eis. Dazu hab ich mir eine Flasche Weißwein von der Mosel genehmigt und ein bißchen Wasser von Evian. Immerhin habe ich gestern dabei auch mit viel Stimmung die E-Mail an Euch geschrieben!

Nach einem sehr reichhaltigem Frühstück (genauso wie in Deutschland) habe ich mich reisefertig gemacht und an der Theke meine Abrechnung verlangt. Was hier angenehm ist, das Essen wird mit der Übernachtung und dem Frühstück in einem abgerechnet. Diesmal war es – ich vermute es mal – die Seniorchefin persönlich, die perfekt den Computer und das Kartenterminal bediente.

Nun fragte ich sie (und das will ich in Zukunft immer tun) nach dem nächsten Hotel auf meiner Route in bis zu 20 Kilometer Entfernung. Das wäre in Kedange sur Conner. Weiter konnte sie mir nicht helfen. So würde es ein leichterer Tag sein, denn bis dahin sind es nur um die 13km, allerdings immer an der Landstrasse entlang und immer ein bisschen aufwärts.

Schon um kapp vor Eins war ich dort. Vorher kommt man noch an Wegweisern zur "Ouvrage de Hackenberg" vorbei, im Verlauf der Maginot-Linie, da ich nicht genau weiß, was das ist (ouvrage fr. 'Bauwerk') ist das ein Bauwerk, das mit der Maginot-Linie zusammenhängt, eines heiß umkämpften Abschnittes im Zweiten Weltkrieg. Wie ich grade mit Hilfe von Google rausgekriegt habe, wurde dieses Verteidigungssystem unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg angelegt. Also Leute, ich brauch's nicht weiter zu beschreiben. Seht bei Google nach!

Ich jedenfalls checkte schon um 13 Uhr im "Hotel le Canner" ein. Da das Zimmer noch nicht fertig war, ging ich noch verschwitzt und ungeduscht, aber ohne "sac" spazieren und begann in der Sonne auf einem Steinbankerl sitzend diese Geschichte.

Ich ging noch an der Kirche vorbei, dem Friedhof, der ganz nah an die Kirche geschmiegt ist mit seinen alten Sandsteingrabmälern, schaute auch in die Kirche hinein, die ziemlich düster ist, und sehr einfach aber liebevoll gepflegt.

Glaube ist überall präsent. Es gibt viele alte Wegkreuze oder "Marterl" wie man in Bayern sagt. Und sie sind meistens gepflegt oder mit einem Eisengitter gut geschützt. Und die Kirchen melden sich alle Viertelstunden mit einem sich zur vollen Stunde hin steigernden kleinen Glockenspiel zu Wort.

Wenn ich mich nicht irre, hörte ich aber auch schon in Saarburg oder einem anderen Ort in Deutschland alle Stunden zum Anfang der neuen Stunde das Lied: "Erde singe, dass es klinge..." Leute, Ihr werdet es nicht glauben, aber manchmal kommen mir Tränen in die Augen wenn mir bewusst wird, was ich alles erleben darf!

Dann aber duschen, ein bisschen Hinlegen, sozusagen ein kleiner Ruhetag, mit Freude Euch diese E-Mail schreiben und Abendessen gehen: Le Diner!

Jetzt weiß ich's endlich:
petit déjeuner Frühstück
déjeuner Mittagessen (12 bis 14 Uhr)
diner Abendessen (19 bis 21 Uhr)

Und wenn ich morgen zu Abend gegessen hätte, es hätte als Spezialität im Sonderangebot gegeben: Cuisses de Grenouilles (Froschschenkel)!

Ich umarme Euch und küsse Euch mit rotweinfeuchten Lippen
Siegfried



PS: Jetzt wollt Ihr sicher noch wissen was ich zu Abend gegessen habe!

vin rouge Rotwein 1/2l

de l'eau Wasser 1/2 l

Menu campagnard:

Das war ein Silbertablett, ca 50x25cm groß, gefüllt mit

Roher Wurst, ähnlich Salami
einer dicken (1cm) Scheibe Schweinewurst mit Aspik
Einer dicken Scheibe französ. Landwurst, (campagnard),
mehrere Scheiben Schinken,
Kartoffelsalat in Majonaise,
Kartoffelsalat mit gelben Rüben und Majonaise,
Gelbe Rüben Salat,
Grüner Salat,
Gurken in Scheiben,
Und ein paar Cornichons,
Dazu Quark mit grünen Kräutern angemacht,
Bratkartoffeln,
Und natürlich Landbrot, hell, aber kein Baguette.

Als Nachspeise genehmigte ich mir noch un petit café noir (Espresso).

16
Juli
2008

Eff-Hellendorf (15. Juli)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Hallo Ihr Zwei,

Gester war der Abend nach dem Heimgehen natürlich noch nicht zu Ende. Meine Hauswirtin bot mir noch einen Vietz an und dazu konnte ich doch nicht nein sagen. Und so saßen wir noch bis zwölf ratschend beisammen.

Wisst Ihr überhaupt was "Vietz" ist? Das ist das was wir Apfelmost und die Frankfurter Äplwoi nennen. Hier machen sie ein Theater daraus, sagen die Römer hätten aus den kleinen Äpfeln, die sie hier vorfanden, diesen Wein gemacht und getrunken, vor lauter Kummer, dass es hier keine Weintrauben gab.

Und jetzt gibt es hier sogar eine "Vietz-Straße / Route de Cidre", wie anderswo z.B. in Bayern die "Romantische Strasse". Ihr seht und erfahrt mit Erstaunen, der Siegfried lernt sogar noch um 12 Uhr nachts, wenn er das richtige zu trinken bekommt.

Übrigens, ihr werdet es allerdings noch nicht bemerkt haben, mein Bett steht in der Graf-Siegfried-Straße! Habe von diesem Siegfried bis jetzt noch nichts gewußt, aber der hat Luxemburg gegründet und eben auch Saarburg. Und er – oder einer seiner Nachfahren – hat auch das Wasser des Lenkbaches so umleiten lassen, dass es jetzt durch Saarburg fließt und so Saarburgs Innenstadt zu einer Besoderheit macht.

Der heutige Tag fing heute schon gut an.

Nach einer relativ kurzen Nacht gab es nur ein relativ spartanisches Frühstück unter Zeitduck. Aber da sich weder Künstlerin "Cordula" noch ich mich besoders vom Zeitdruck unter Druck setzen ließen, wir unterhielten uns nochmals prächtig, sie malte einen "Stempel" in meinen Pilgerpass, der dadurch an Attraktivität gewonnen hat, ich schrieb was ins Gästebuch. Da schlug es Acht.

Panikartig brach Cordula auf, ich hinterher. Dabei vergass ich, Wasser in meine Flasche zu füllen und zum Zähneputzen reichte natürlich die Zeit auch nicht mehr. Das mit den Zähnen störte mich nur kurz, das mit dem Wasser war ein wenig kritisch. Einmal trank ich aus einem Brunnen im Wald – kein Trinkwasser – eine Quelle im Wald? – hat auch nicht geschadet –, aufgefüllt hab ich die Flasche dann erst am Friedhofsbrunnen in Oberleuken.

Oberleuken, das liegt am Leukbach weiter oben, aber das Hinkommen war umständlich wie immer bei Jakobspilgern. Einmal habe ich den Bach sogar in einer Furt und über Steine überquert und das alles mit einem Rucksack auf dem Buckel.

Da ich wegen des frühen Weggehens relativ früh dran war, meinen Wasservorrat in Oberleuken, das eigentlich mein Tagesziel war, aufgefüllt hatte, war ich übermütig geworden. Ich beschloß, in den nächsten Ort "Borg" zu gehen. Da gibt es Ausgrabungen aus der Römerzeit und eine rekonstruierte Villa. Ich umrundete sie, d.h. die ganze Anlage, ging aber nicht hinein, irgendwie war ich doch scho zu kaputt und geöffnet war auch nur bis sechs und jetzt war fünf!

Also ging ich gleich weiter ins Dorf Borg, in der Meinung ein reichhaltiges Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten zu finden und ein ähnlich anregendes Nachtleben wie in Saarburg, dank der Römer.

Aber der inzwischen schon recht schlaffe Wanderer mußte nach erfragen der einzigen Gastwirtschaft feststellen, dass ihm schon wieder Monteure &nddash; diese hier arbeiten alle in Luxemburg – zuvor gekommen waren. Alles war voll. Am Wochenende wäre alles frei, aber so lange will und kann ich nicht warten.

Die sehr nette Wirtin telefoniert umher und kann schließlich ein Zimmer in Hellendorf für mich reservieren. Hellendorf liegt auf meiner Strecke, das spare ich mir also morgen, aber heute heißt's noch eine halbe Stunde gehen.

Geschafft! Finito! Ein gutes Abendessen, ein Glaserl Wein und ein Glas Vietz! Und die Schweinefilets in Vietz-Sahnesauce haben den Durst und die Anstrengungen des Tages wie einen traumhaften Hauch in wohligem Gefühl des Glücklichseins verfliegen lassen.

So ging ich ins Bett und verschlief am nächsten Morgen fast das Frühstück um 1/2 8h.

Euer Siegfried, der immer, wenn er nicht anders beschäftigt ist, an Euch denkt!

16
Juli
2008

{SMS 16.07.08 10:24h}

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Auf Wiedersehen – Bon jour!
Sitz auf dem Grenzstein der RF
Tout va bien
Salut
Siegfried

16
Juli
2008

Saarburg (14. Juli)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Hallo Ihr Lieben,

langsam werde ich auch noch in Erdkunde fit. Ich bin doch glatt heute ins Saarland eingewandert, das 7. Bundesland in der Zwischenzeit und Luxemburg und Frankreich sind nicht weit. Ich sitze hier vor einer Pizzeria am Pferdemarkt und am Nebentisch ist eine große Gesellschaft, die sich abwechselnd französisch und deutsch unterhält. Am Saarufer sah ich ein Schiff für Radtouren, ein holländisches, das ganze Deck war mit Fahrrädern zugeparkt, ein interessanter Anblick.

Ich bin hier so gegen 17.00h eingetroffen und hab gleich in der Information nach einem Zimmer gefragt und nun logiere ich im Atelier einer Kunstmalerin. Zum Empfang bekam ich ein schön kühles Weißbier und wir unterhielten uns eine ganze Weile. Sie empfahl mir den Film "Kirschblüten" von Doris Dörrie anzusehen, ein Film im japanischen Milieu über einen deutschen Mann, dessen japanische Frau gestorben ist. Und einen französischen Film über den Jakobspilgerweg von fünf sehr unterschiedlichen Personen – ich hab von dem Film vor einiger Zeit gelesen.

Sie hat natürlich auch große Probleme, ihre Kunst zu vermarkten. Macht jetzt Kunstkurse für Kinder und die scheinen gut anzukommen.

Ich bin gespannt, wie ich in dieser interessanten Umgebung, dem Atelier, schlafen werde. Allerdings muß ich morgen schon um 8! Uhr aus dem Haus, weil sie einen Termin hat.

Vorgestern Abend habe ich in Trier noch was Nettes erlebt, die Bilder habt Ihr schon. Ich sitze mit Brigitta und Heinz am Marktplatz beim Glaserl Wein und da höre ich immer wieder was scheppern als wenn Porzellan zerbricht dann lautes Gelächter und Geräusche die ich nicht definieren kann, die aber mit Scherben zu tun haben. Und ich sehe junge Leute mit einem Leiterwagen umherziehen. Ich werde aufgeklärt: Das ist ein Brautpaar, das Junggesellenabschied feiert. Ich gehe hin. Für einen Euro darf ich einen Teller zerdeppern und das Brautpaar kehrt die Scherben unter großem Beifall der begleitenden Gesellschaft zusammen und lädt alles auf den Leiterwagen.

Eine andere Gruppe, diesmal nur Mädchen, oder sollte man sagen junge Frauen, in Hula-Röcken, eine mit weißem Schleier und Bauchladen. Die mit dem Bauchladen verkauft allerlei Krimskrams, ich erstehe einen goldfarbenschreibenden Kugelschreiber und bekomme einen saftigen Kuß obendrauf. Das war ein Nachtrag zu meinen Erlebnissen in Trier.

Aus dem Abschiedsweißwurstessen mit Brigitta und Heinz wurde nichts, weil's in Trier Weißwürste erst NACH 12.00h mittags gibt.

Heute früh bin ich dann mit ausgeruhten, aber gegen jede Bewegung protestierenden Gelenken und Muskeln wieder aufgebrochen.

Ich ging mitten durch die Stadt, an der Porta Nigra vorbei, über den Marktplatz , warf einen Abschiedsblick auf das Dreikönigenhaus, blickte links in die Gasse, in der ein kleiner Ausschnitt der Domfassade sichtbar wird, bewunderte im Vorbeigehen nochmal den farbenprächtigen Tugendenbrunnen und das Marktkreuz, war wieder erstaunt über das Portal zur Gangolfkirche in der Häuserfront und sah auch nochmals im Weitergehen links die Fassade der Römischen Palastaula. Und alles das zwischen Gebäuden, Fassaden, Schaufenstern, hetzenden und bummelnden Menschen einer erwachenden modernen Großstadt!

Ich mußte, um meinen Weg fortzusetzen nach Südwesten gehen, ich wußte, das ist auch die Richtung zu St. Matthias. Matthias war auch ein Apostel, genauso wie Jakobus, zu dem ich unterwegs bin. Es ist also naheliegend auch ihn zu besuchen. Soviel ich weiß, gibt es keine weiteren Apostelgräber mehr in Europa. Auch zu Matthias gab es früher große Wallfahrten, aber gegen Jakobus kommt er nicht an. Wenn er nicht ein Heiliger wäre, und die beiden, so nehme ich an, im Gefolge von Jesus nicht echte Freunde gewesen wären, müßte ihm jetzt echt stinken, daß vor seiner Haustüre, der Pforte zu seiner Kirche, eine Informationstafel über den Jakobsweg aufgestellt ist!

Die Kirche des Hl. Matthias ist also weit am südwestlichen Stadtrand von Trier und, weil's mir so weit vorkam, habe ich mich mehrmals fragend versichert, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Aber dann ist sie plötzlich da, eine Mauer, ein Tor, ein schöner großer gepflasterter Platz und eine markante romanisch-gotische Fassade. Wohltuende Ruhe in der Kirche. Außer mir ist niemand da. Eine dreischiffige gotische Basilika, einfach, klar. Unter der Apsis eine Krypta mit zwei Steinsärgen, die der ersten Bischöfe, die hier residierten, noch bevor Trier seine Bedeutung erlangte. An der Rückseite eine Nische. Da steht ein kleiner Steinsarg,mit goldfarbenen, beschrifteten Bändern, auf denen ich entziffern kann: ...St. Matthias... Hier ruhen seine Gebeine. Auch diese hat die Hl. Helena, die "Lebensgefährtin", wie's in einem Führer hiess, Konstantins des Großen, um 300 n.Chr. nach Trier bringen lassen, genauso wie das letzte Gewand Christi, das im Dom verehrt wird.

Da schon um das Jahr 930 Benediktiner nach St. Matthias berufen wurden um ein Kloster zu gründen, schrieb ich natürlich gleich eine Karte an die Patres von Wechselburg mit dieser freudigen Nachricht.

Diesmal habe ich wieder viel durcheinander erzählt. Aber so schaut's in meinem Kopf aus. Ich hatte eigentlich geglaubt, die ganze Wanderung würde eine eher langweilige und anstrengende Angelegenheit, dagegen habe ich jetzt zu tun, alles mit zu bekommen und auch alles aufzuschreiben. Wie gut das Aufschreiben ist, merke ich daran, wie schnell ich Begebenheiten der vergangenen Tage vergesse, sie werden einfach total überdeckt von aktuellen Begebenheiten, die ja nie Routine sind wie z.B. im Berufsleben. Bei vielen Dingen muß man noch dazu hoch konzentriert sein, bei der Wegfindung im Gelände und beim Gehen über schwierige Pfade.

Ich bin von Trier aus Mosel-aufwärts auf dem Radweg gewandert, auch an der Saar blieb ich auf dem Radweg, so hatte ich ein einfacheres Gehen und sah und erlebte auch mehr als beim anstrengenden Gehen im Wald und über die Berge, da hat man nur ab und zu umfassende Ausblicke.

So aber sah ich die Mündung der Saar in die Mosel und die Saar schein da genauso breit wie die Mosel. Beide Flüsse scheinen hier und auch sonst stehende Gewässer zu sein. Nur wenn man ganz genau hinsieht kann man die Strömungsrichtung feststellen. Eine Folge der zahlreichen Staustufen. Der Rhein ist auch in dieser Hinsicht eine Ausnahme, der fließt und zwar rasch, ja da ist es richtig zu sagen "majestätisch".

Das Saartal kommt mir lieblicher vor als die Täler von Mosel, Rhein und Lahn. Die begrenzenden Hänge treten weiter zurück und sind nicht so steil. Auch der Bewuchs ist abwechslungsreicher, da gibt es Wälder, aber nicht so bedrohlich wie an der Lahn, sie sind durchsetzt von Weinbergen und helleren Gebüschzonen und die Getreidefelder bringen fröhliches Gelb dazwischen.

Saarburg hat mich überrascht. Ein schönes Alt-Städtchen das von einem quirligen Bach durchflossen wird, der am Ende der Altstadt aber noch zwischen Gebäuden um die 20m hinabstürzt, zum Teil auch in hölzernen Rinnen zu irgendwelchen Wasserrädern oder für andere Zwecke geleitet wird. Es gibt viele Restaurants und da heute ein schöner warmer Abend ist, sitzt alles auf der Strasse, ich auch. Es ist jetzt elf Uhr, ich bin der letzte Gast und werde nun auch "heimgehen", denn mir wird's auch kalt.

Auch an der Saar ist es schön, ich hab das Saarland früher nur mit Kohle und Industrie in Zusammenhang gesehen.

Euer immer wieder überraschter

Siegfried

14
Juli
2008

Trier (12./13. Juli)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 1

Wie schnell so ein Tag vergeht. Es ist schon wieder Abend, und es ist höchste Zeit, dass ich Euch schreibe.

Gestern bin ich ja von Schweich die Faulenzerstrecke nach Trier gegangen, während Heinz und Brigitta (die Zeitweise-Co-Pilger aus Spay) die vom Führer vorgeschlagene Route über die nördlichen Moselhänge gingen.

Also ich ging die kürzeste Strecke. Sie führt von Schweich aus zunächst direkt an der Autobahn, südlich der Mosel entlang. Es ging überraschenderweise recht gut an. Die Feuerwehr stoppte für mich den Verkehr beim Überqueren der viel befahrenen Bundesstraße, so dass ich ohne anzuhalten die Straße überqueren konnte. Enttäuschenderweise machten sie die Straße aber nicht für mich frei, sondern für einen Pulk von um die 50 sportlich bekleideten, jungen und alten, männlichen und weiblichen mehr oder minder glaubhaften sportlichen Figuren, die mich dann fast überrannt hätten.

Als Entschädigung für die Enttäuschung und den Schock konnte ich dann einige Minuten lang sich langsam entfernende Hinterteile, Beine, Füße, Arme bei Bewegungsabläufen studieren, die alle den gleichen Zweck hatten: Den jeweiligen Körper möglichst kraftschonend vorwärts zu bewegen.

Zunächst fallen die Beine auf, weil diese naturgemäß paarweise auftreten und versuchen in Harmonie miteinander auszukommen. Oftmals sind sie sich auch einig. Doch manchmal hat man den Eindruck, das eine Bein möchte das andere aus der Spur drängen. Es schaut dann fast so aus wie Schattenboxen und ein interessierter Zuschauer ist ganz fixiert auf die Knie und denkt: Einmal muß es doch passieren!

Aber würde er sich nur von diesem Schauspiel gefangen nehmen lassen, würde er manch anderes Sehenswertes versäumen. Die Füße als unterer, nicht unbedeutender Abschluss der Beine, entwickeln ein reges Eigenleben, das so interessant ist, dass man in manchen Fällen darüber die Beine vergessen könnte. Die drehen sich bei jedem Schritt nach innen und nur durch unerklärliche Steuerungsmechanismen des Körpers entwirren sie sich kurz vor Beginn des nächsten Schrittes wieder. Es gibt auch Füße, die partout nichts von einander wissen wollen und da würde es einen nicht wundern, wenn plötzlich der eine rechts der andere links alleine weiterlaufen würde, und das was darüber alles zusammenhält und unter einer sehr engen oder sehr weiten flatternden Hose verhüllt ist, auf dem Boden landen würde.

Die Hinterteile! Da gibt's welche die sind da und die stellen was dar, und dann gibt's welche, da ist man sich nicht sicher ob überhaupt was da ist. Auch hier gibt es viele Nuancen der Darstellung. Wenig aufregend sind flatternde Hosen in denen nichts drin ist. Aber enganliegende Hosen zeigen Bewegungen und Formen, die in Sonderfällen bis zum Grimassenschneiden führen. Stellt Euch 50 Hinterteile vor, die Euch alle Grimassen schneiden! Bloß gut, dass sie schneller sind als ich!

Der Weg führt auch durch Ruwer durch, das seinen Namen von einem kleinen Bach oder Fluss hat, den man von der Weinbezeichnung "Mosel-Saar-Ruwer" her kennt. Ruwer gehört schon zu Trier, und ich vermeinte mich schon am Ziel und hielt Ausschau nach der Porta Nigra. Doch bis dahin waren noch viele Kilometer entlang von Bahngleisen, verlassenen, aber auch hochmodernen Industriebetrieben zu laufen. Schließlich merkt man, dass es städtisch wird: ein sehr elegantes Hotel an einem wunderschönen Park, ein großer, verkehrsreicher Verkehrskreisel, dann die moderne Arena, der Friedhof und plötzlich ist da ein großer schwarzer Riegel im Blickfeld: Das ist sie, die bekannte Porta Nigra, die nun schon bald 2000 Jahre da steht und zu Römerzeiten als Stadttor gegen Norden geplant und gebaut, aber nie vollendet wurde.

Da durch gehen. Dahinter ist eine andere Welt! Plötzlich ein Gedränge von Menschen verschiedenster Sprachen, dazwischen Gaukler, Musikanten, Drahtkünstler und Porträtmaler, und – was mir besonders auffällt – sehr viele Leute sind auf der Strasse am Essen: Pommes, Eis, McDonalds-Snacks... Vielleicht fällt's mir besonders auf, weil ich hungrig und durstig nun plötzlich mein Tempo drosseln muss, meine Stöcke nicht mehr einsetzen kann und Entgegenkommenden ausweichen muss.

Es sind vielleicht fünfhundert Meter bis zum Markt und man geht mittig auf einen eindrucksvollen Turm zu. Aber das ist nicht der Dom. Die dazugehörige Kirche St. Gangolf ist hinter Häusern versteckt, die sich ganz eng an das Kirchenschiff drängen. Der Turm wurde als Wachturm für die Stadt genutzt.

Den Dom sieht man erst, wenn man in eine der Seitenstrassen blickt, die vom Markt wegführen, und man wird von seiner Wucht und Formenvielfalt schon beim Näherkommen gefangen genommen.

Beim ersten Besuch im Dom, noch mit dem Rucksack auf dem Rücken, erstaunt der großartige riesige Raum und die Plastik der figurenreichen Seitenaltäre an den Säulen. Auch die Einheitlichkeit der Farbe, ein gedecktes, also nicht strahlendes Gelb-Rot aller Teile, auch der Altäre. Der ganze riesige Raum in einer Farbe!

Aber auch hier: Es ist ein Museum oder besser: ein Marktplatz. In keinem Museum dürfen sich Leute so aufführen, wie sie es in einer Kirche tun. Leute laufen laut redend, mit Händen in den Taschen herum, ein Mann isst seelenruhig aus einem Becher Eis, Kinder rennen durch die Bänke, es wird fotografiert und geblitzt. Dazwischen ab und zu ein Mensch, der sitzt und den Raum betrachtet.

Ich gehe zur Dominformation um die Ecke, wo ich diesmal meine Unterkunft telefonisch vorbestellt habe. Mein Hut, der mir aus Traben-Trabach, wo ich ihn hängen lassen habe, nachgeschickt wurde, ist gerade angekommen, und nun weiß ich auch wo ich mein Quartier finde.

Gleich bei der Porta Negra. Ideal.

Duschen, Umziehen.

Telefon ansehen. Brigitta hat angerufen. Ich rufe zurück. Sie haben sich verlaufen und kommen zwei Stunden später nach Trier. Ich empfehle ihnen auch zu versuchen, ins Josefsstift zu kommen, es sei noch was frei. Und es klappt. Sie bekommen auch ein Zimmer. Und wir gehen zusammen gemütlich Abendessen und schauen uns das Feuerwerk um elf Uhr an der Mosel an.

Am nächsten Tag, nach dem gemeinsamen Frühstück ziehen sie weiter. Einen Tag noch nach Westen, dann müssen sie wieder heim. Daheim erwartet sie eine tipptopp abgestaubte Wohnung. Einer der beiden Söhne hat seine neue Freundin nach zuhause eingeladen, und der andere Sohn hat seiner Mutter vermeldet, dass der Verliebte das Haus deshalb sorgfältigst entstaubt habe.

Ich besuche noch mal mit Ruhe den Dom und erlebe eine Messe. Ich finde, nur so kann man so einen Raum in seiner Qualität und Würde erleben. Es wird gesungen und die schön anzusehende Schwalbennestorgel wird gespielt.

Kunst- und Baugeschichte braucht man dazu nicht.

Anschließend ein Bummel durch den Kreuzgang, von dem aus die Vielgestaltigkeit der Bauformen des Domes beobachtet werden können. Die Liebfrauenkirche, die direkt an den Dom angebaut ist, ist zur Zeit wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Weiter gehe ich noch zur Römischen Palastaula, einem Ziegelbau aus der Zeit Kaiser Konstantins und auch seinerzeit als Residenz genutzt.

Dazwischen vielfältige Nutzungen, zeitweise sogar als Burg. Heute wird sie als evangelische Kirche genutzt. Ein riesiger säulenloser Raum von fast 70 Metern Länge, fast 30 Metern Breite und über 30 Metern Höhe! Vor 1700 Jahren gebaut. Seinerzeit mit einer hocheffektiven Hypkausten-Fußboden- und Wandheizung mit einem Wirkungsgrad von rund 90! Mit reichem Wandschmuck. Heute ist alles ziegelfarben.

Wie ich wieder weggegangen bin, höre ich näherkommende diskutieren: "wie ein Industriegebäude im Ruhrgebiet"! Gemeint waren die Ziegelbauweise, die klare Strukturierung, die großen Fenster. Das sagt viel aus über das moderne, zeitlose Erscheinungsbild dieses würdevollen Gebäudes.

Eine gemütliche Stunde im Café, Karten schreiben, heimgehen, Füße hochlegen, Tagebuch schreiben bei einer Flasche guten Riesling aus Osann-Monzel wo ich vor ein paar Tagen übernachtete.

Über meinem Bett hier im Stift hängt an der Wand ein Kreuz mit geschnitzter Christusfigur. Und als ich mich gestern ins Bett legte, schaute mir dieser Christus mitten ins Gesicht. Welch schönen Glauben haben wir Christen doch! Gott hat, um sich mit uns zu versöhnen, die Last des Menschseins auf sich genommen und alles Leid das einem Menschen zustoßen kann. Wie tröstlich für uns, dass wir von so einem Gott auch sicher Verständnis für unsere Schwächen und Ängste erwarten können, denn auch die waren ihm sicher als Mensch nicht fremd.

Manchmal bin ich auch nachdenklich
Euer Siegfried

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