13
Juli
2008

Trier (12. Juli)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Hallo Ihr Daheimgebliebenen,

Kaum treffe ich in einer Stadt ein, schon feiern sie ein Fest.

Gerade komme ich nach ein paar Schoppen Wein (Grauburgunder von der Mosel) – die meisten Stände bieten hier witzigerweise nur Bier beim "Weinfest" an – zurück, das ich mit meinen neuen Freunden Heinz und Brigitta gefeiert habe, und gleich gehe ich ins Bett.

Nur kurz: Ich bin heute den kürzesten Weg von Schweich nach Trier gegangen. Sie haben den luxuriösen weiteren Weg über die Berge genommen und sich auch noch verlaufen. Aber auch sie logieren hier im Josefsstift.

Morgen habe ich Ruhetag, da bekommt Ihr wieder einen erschöpfenden Bericht! Hoffe ich, so ich Zeit habe!

Gute Nacht!
Siegfried

11
Juli
2008

Ossan-Monzel (9. Juli), Klüsserath (10. Juli)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 1

Hallo Ihr Lieben,

Ihr seht, ich komme mit dem Schreiben wieder nicht nach. Das liegt einerseits an den Tagestouren, die wieder ausgedehnter sind, aber auch daran, dass ich beim Glaserl Wein nicht schreiben kann, weil ich zur Zeit wieder Gesellschaft habe.

Heute sitze ich (es ist jetzt schon acht Uhr) bei meinem Glas Riesling feinherb von der Klüserather Bruderschaft allein, nur mit meinem Zu-Euch-Kontaktgerät am Tisch. Und auch dieser Wein schmeckt gut: Er ist frisch und hinterlässt einen feinen Fruchtgeschmack im Mund, bei dem gut sinnieren und schreiben ist.

Die letzten Tage habe ich einige Tiefschläge hinnehmen müssen, die manchem von Euch vielleicht nicht so bedeutend vorkommen, weil Ihr ganz andere Kaliber von Tiefschlägen ertragen müsst, aber mir altem, sensiblem Kerl reicht schon ein kleiner zarter Kinnhaken, schon fällt er um!

Also vorgestern musste ich feststellen, dass ich das kleine Tonfischchen, das ich von der Pfarrerin von Creuzburg zum Geburstag geschenkt bekommen habe, verloren habe! Darüber bin ich sehr traurig, weil ich es am Gürtel getragen habe und es immer wieder in der Hand und vor Augen gehabt habe...!

Gestern als ich in einem Buswartehäuschen wegen des Quartiers telefonierte, stellte sich ein kleiner Junge von vielleicht 12 Jahren mit dem Fahrrad vor mich hin und beobachtete mein Tun. Wir kamen ins reden und ich erzählte von mir und von dem, was ich vorhabe. Er schaute mich von oben bis unten abschätzend an und sagte nach kurzem Überlegen: "Das schaffen Sie nie!"...

Heute habe ich meine neue Bekanntschaft in Klausen verlassen, weil ich nicht die vorgeschlagene, meines Erachtens umständliche Strecke gehen wollte, sondern eine sinnvoll kurze, und hab mich ziemlich verfranst, so dass ich erst kurz vor sieben Uhr in Klüsserath, und natürlich recht erschöpft, eingetroffen bin...

Also drei Tiefschläge in drei Tagen, das gibt zu denken! Außerdem hab ich auch gestern noch meinen Hut in der Pension vergessen! Alt wird man halt. Aber die schicken mir den Hut zum Pilgerbüro in Trier nach, ist alles schon geregelt. Und deswegen habe ich auch schon ein Quartier in Trier, direkt neben der Porta Nigra, im Josephstift!

Gestern brach ich von Tarben-Trarbach aus Richtung Bernkastel um Viertel nach neun Uhr auf, und da mein Quartier günstig gelegen war, fand ich gleich den Weg. Auch diesmal wollte ich nicht den vom Führer vorgeschlagenen Weg gehen, sondern den direkten Wanderweg, den die Einheimischen vorschlagen, und der um einiges kürzer ist als der vorgeschlagene Moselhöhenweg.

Man muss nicht unbedingt zu jedem Aussichtspunkt gehen. Das kann auch manchmal erlebnismäßig nicht verkraftet werden, und am Schluss hat man dann von vielen großen Erlebnissen weniger als von einem, das sich eingeprägt hat.

Nach fast zwei Stunden Hochgehen: Übernachtet habe ich ja im Tal der Mosel, und um die Moselschleife zu umgehen, das heißt: abzukürzen, bleibt einem nichts anderes übrig als auf die Hänge hochzusteigen. Das sind so im Allgemeinen um die drei- bis vierhundert Meter, um dann auf der anderen Seite wieder ins Tal abzusteigen.

Und wie ich da an der Wegspinne (schönes bildhaftes Wort, spannend, wenn die einzelnen Beine der Spinne unklar beschriftet sind!) stehe und die Karte studiere, kommt ein etwas, eigentlich mehr als etwas, jüngeres Paar als ich des Weges und entpuppt sich auch als Jakobspilger(-Paar).

Sie haben auch die Abkürzung genommen, und – wie sich später herausstellt – auch die Fähre bei Enkirch, um den Weg abzukürzen, und das alles allein ist schon ein Grund, sich symphatisch zu sein. Und so gehen wir zusammen plaudernd nach Bernkastel hinunter und durch Bernkastel durch und erst vor der Brücke merke ich dass ich schon durch bin.

Sie gehen weiter. Wir werden uns sicher wieder treffen. Ich bleib in Bernkastel, besuche die Kirche und bummle durch die wenigen kleinen schmalen Gassen und trinke schließlich einen Kaffee zu einem prima Apfelstrudel mit Vanilleeis und Sahne. Ja, es gibt halt auch Sachen von denen ein "Pilger" träumt!

Aber auch ich muss weiter und gehe auf der Brücke nach Kues. Da gibt's einge Sehenswürdigkeiten, aber vor allem das Nikolaus Cusenius-Haus. Das war so eine ganz kluge Persönlichkeit im 16. Jahrhundert, und deshalb ist sein Geburtshaus was ganz besoderes, und ich bin daran vorbeigelaufen, wie ich später erfuhr. Ich stehe jetzt vor der unlösbaren Frage: War ich so schnell, dass ich das Hinweisschild nicht lesen konnte, oder hab ich so eine lange Leitung, dass...?

Schließlich kam auch ich in Monzel an. Allerdings, entgegen den Empfehlungen des Führers und der entsprechenden Wegeplanung meiner neuen Freunde, nicht auf dem Moselhöhenweg hoch über den Weinbergen, sondern entlang der Bundesstrasse am Fuß der Weinberge. Ich hatte gedacht ("gedacht"), der Weg würde wie hinter Bernkastel immer an der Mosel entlang führen aber da hatte ich mich halt wieder mal verrechnet.

Da Monzel zur Abwechslung einmal hoch über dem Moseltal liegt (ca. 60 Meter), muss ich am Ende doch noch einen Anstieg machen. Monzel ist ein recht verschlafener kleiner Ort. Ich finde ein Privatquartier nach telefonischer Voranmeldung, wobei mich der kleine Junge, wie schon beschrieben, so kritisch bewertet hatte.

Beim Abendessen im Kelterhaus treffe ich wieder mit meinen neuen Freunden zusammen. Sie haben zwei Söhne und sind aus Spay bei Boppart und gehen die Route, so wie im Führer vorgeschlagen, von Stolzenfels nach Trier.

Ich hab den Eindruck, ich bin für sie, besonders für die liebe Frau, so was wie ein Wesen aus einer anderen Welt, mit vernünftigen Ansichten, aber utopischen, das heißt: gewünschten aber unerreichbaren Zielen (für sie selbst). Aber immerhin planen sie jetzt, ein paar Tage den Weg von Trier Richtung Frankreich weiter zu gehen. Wir nehmen mal wieder Abschied in der Hoffnung, uns wieder zu treffen.

Und heute haben wir uns wieder getroffen, wieder auf einer kleinen Anhöhe über der Mosel. Ich telefonierte, dann hatte ich was zu tun, und grad da kam ein uralter Jogger vorbei. So uralte Jogger sind ja ein Augenschmaus! Schöner finde ich da noch einen g'standenen, gemütlichen Mann mit Bauch und feistem, lachenden Gesicht! Und dann sah ich auch meine Jakobsweggefährten den Berg hoch kommen.

Ich hatte den Rucksack grad angeschnallt, um weiter zu gehen. Sie machten keine Pause, obwohl ihnen der Schweiß aus allen Poren lief. Preißn halt! (Sind natürlich KEINE Preißn! Wenn Ihr Euch nicht sicher seid, Landkarte anschauen! Anmerkung gilt nur für Bayern!)

Von da sind wir wieder unterhaltend weiter gegangen. Ich vermeide hier bewusst das Wort ratschend. Wir haben durchaus auch ernste Themen angeschnitten.

Was halt immer ein bisschen befremdend wirkt, wenn zwei Männer und eine Frau gehen: Es ist fast selbstverständlich, dass die beiden Männer da, wo nur zwei nebeneinander Platz haben, nebeneinander gehen, und die Frau im Dunstkreis der Männer hinterherhechelt.

Ich habe versucht, eine Verbindung mit dem hinteren Teil der Gehgemeinschaft dadurch herzustellen, dass ich ein wenig versetzt nach hinten ging, aber das fasste der Mann als körperliche Schwäche meinerseits auf und reduzierte mitfühlend auch seine Geschwindigkeit.

Schön fand ich, dass er "gehend" Geschichten über das anzulaufende Objekt seiner Frau vorlas, als ich, um ein Foto von beiden von hinten zu machen, zurück geblieben war. Wenn das nicht Liebe ist! Aber selbst bei übermächtiger Liebe hätte ich das nicht gekonnt: Ich wär einfach in den Graben gefallen.

So sind wir zusammen schließlich in Klausen angekommen, einer alten Wallfahrtskirche, die ein Taglöhner im 16. Jahrhundert nach Träumen in die Wildnis baute. Heute noch kann man seine Zelle in einer Nische der Kirche sehen. Es gab offenbar viele Wunder, und bis heute pilgern die Leute mit ihren Anliegen hierher.

Im Pfarrhaus hab ich seit langer Zeit wieder einmal einen Stempel von einer kirchlichen Institution in meinen Pilgerpass bekommen, und nach einer kleinen Brotzeit haben wir uns getrennt, um auf unterschiedlichen Wegen nach Klüsserath zu gehen.

Euer erschöpfter
Siegfried

10
Juli
2008

Traben, Trarbach (8. Juli)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 1

Ich sitz im "Storcke Stütz", einem Weinlokal in alten Gewöben in Trarbach.

Das Gebäude war so um 1400 als Salz- und Pulvermagazin gebaut worden. Aber schon frühzeitig war es zu einer Wirtschaft umgewandelt worden, wie's in der Speisekarte, mit Zitaten aus alten Büchern, belegt wird. Dicke Säulen und niedrige Gewölbe. Und vor einer "Rahmsuppe vom Moselriesling" mit Lachsstreifen! War ein bißchen aufgeschäumt, sehr zart und fein im Geschmack. (Achtung, die meinen vielleicht ich sei ein Tester, weil ich immer wieder die Speisekarte aufschlage, damit ich keinen Schmarrn schreibe – vielleicht bekomme ich nachher einen Schnaps umsonst!)

Als Hauptgang gab's "Trarbacher Tresterfleisch auf Gräwes" das ist Schweinebauch im Trestersud gegart. Gräwes ist Kartoffelpürree mit Speck und Sauerkraut gemischt. Das Fleisch war sehr zart, ist beim Zerteilen fast zerfallen und hat einen interessanten Geschmack . Ich hab in meinem Geschmacksreservoir keinen vergleichban Geschmack, so kann ich's kaum beschreiben, schmeckt ein bisschen wie Surhaxe (Gepökeltes) mit rauchigem Einschlag. Das Gräwes ist seeehr gut, sehr würzig und passt gut zu dem Fleisch.

Dazu trinke ich Riesling halbtrocken. Der Riesling ist ja die ideale Traube der Mosel, weil sie die Schieferböden liebt, offenbar relativ unempfindlich gegen Frost ist und auf den Steillagen gut gedeiht. Und sie gibt einen spritzigen, fruchtigen Wein. Rotwein durfte an der Mosel bis 1988 nicht angebaut werden. (Bin heute so nebenbei auch auf einem Lehrpfad gelaufen, als ich nach Enkirch abstieg.)

Heute bin ich in Zell um etwa neun Uhr aufgebrochen. Frühstück gabs um acht Uhr, weil's in der Familie, in der ich das Gastzimmer hatte, so besser passte. Aber die Gefahr für mich dabei ist, dass ich wieder bequem werde, heute hätte ich fast das Früstück um acht Uhr verschlafen.

Aber dann ging's in aller Früh schon wieder steil auf einen Moselhang hinauf! Da schwitzt man bald und das Blut kommt in Wallung! Schmale Pfade, wo die schiefrigen Felsen rausschauen. Ist ein kleines Graspolster da, ist es von den Wildschweinen umgepflügt. Nachts möche ich in dieser Gegend lieber nicht unterwegs sein. Da ist man sicher nicht allein. Was die suchen? Vielleicht kleine Käfer, vielleicht aber auch Pilze, darauf komme ich, weil ich im Wegbereich auch öfters Pilze wachsen sah.

Der Weg verläuft ganz abenteuerlich und verändert auch sein Erscheinungsbild ständig, einmal, mitten im Wald, da war er nur noch eine Spur in den Nadeln, in denen obendrein auch noch die Wildschweine rumgewühlt hatten. Da stand ich nun, kopflos, dafür am ziemlich steilen Hang. Ich wußte aber: Ich muß hinauf, will ja zum Bummkopf, also irgendwie hoch. Oben gabs auf einmal wieder einen breiteren Weg und der führte zu einer schön gelegenen Schutzhütte, sehr schön zum Übernachten, aber es war ja Vormittag!

Ich machte Pause und genoss die Aussicht über die gut einsehbare Moselschleife zwischen Zell, wo ich hergekommen war und Briedel. Hier umrundet die Mosel einen Berg, der wie ein Vulkankegel aussieht. Interessant ist, wenn man eine so umfassende Übersicht hat, wie die Weingärten über die Hänge verteilt sind. Ganz offenbar nach den günstigsten Sonneneinstrahlwinkeln aber nicht immer ganz einsehbar für den Betrachter.

Auf dem Bummkopf – den müsst Ihr euch als flachen Hügel vorstellen – mittig ein großes Getreidefeld, rundherum Wälder: Erinnert einen Glatzkopf, auf dem nur noch am Rand die Haare wachsen.

Es war stürmisch, und später regnete es beim Abstieg nach Enkirch. Ein Weinbauer, der mit seinem Traktor runterfuhr, wollte mich mitnehmen.

Es war wunderschön, erst regnete es, dann stürmte es, dann schien wieder die Sonne. Und dann tauchte tief unten, ungefähr 300 Meter unter mir das Dorf Enkirch und die Mosel auf. Im Sonnenschein stieg ich zwischen Weinbergen hinunter.

Enkirch ist ein kleines malerisches Örtchen. Ich wanderte nur durch und ging zur Mosel. Ich setzte mit der Fähre über und wanderte auf einem ruhigen Weg von Kövenig in einer Stunde nach Traben. Wäre ich die von meinem Führer vorgeschlagene Strecke gegangen, wärs nochmal auf über 300 Meter über die Mosel gegangen, bloß um eine Burg zu sehen.

In Traben erhielt ich die Adresse der Pension in der Info, die riefen auch noch dort an um sicher zu sein, dass was frei ist, und jemand da ist. Welch ein schöner Kundendienst. Einziger Nachteil: zwanzig Minuten zur Altstadt. Aber das werd ich überstehen!

Traben an der linken Seite der Mosel, durch das ich hereingekommen bin, wirkt nicht wie die übrigen Moselstädtchen. Man geht zunächst an Villen vorbei in großen Gärten – zum Teil Jugendstil – und kommt dann auf einen großzügigen modernen Platz. Erst von dort, wo auch Rathaus und Info sind, geht's durch eine eng bebaute – auch teils Jugendstil – Straße zur Moselbrücke. Diese, aus Stahl, führt auf einTor zu, hinter dem wieder ein echtes Winzerstädtchen – Trarbach – beginnt, mit den gemütlichen Winzerhäuschen, unten in Naturstein, das zweite oder dritte Geschoß verputzt und oben noch ein Geschoß in Fachwerk. Die hangseitigen Häuser sind ganz an den Fels gebaut. In so einem übernachtete ich gestern in Zell.

Da der bebaubare Streifen neben der Mosel und in den Seitentälern sehr schmal ist, ziehen sich die Straßen (oft nur eine) mit ihrer beidseitigen Bebauung weit in die Täler hinein.

Gelesen habe ich, dass es hier den "Mont Royal" gibt: Reste einer gewaltigen Festungsanlage, die der Sonnenkönig Ludwig XIV einst errichten lassen wollte, um die von den Franzosen besetzten Gebiete zu sichern. Irgendwie ist ihm dabei das Geld ausgegangen und so musste er das Bauvorhaben aufgeben. Man sieht, auch Könige hatten schon Geldsorgen. Das Geld hatte dann grade noch gereicht, das ganze wieder in die Luft zu sprengen, damit die Deutschen nicht eines Tages mit der gleichen Absicht, aber in umgekehrter Richtung, das Bauwerk vollenden würden.

Jetzt ist das eine Sehenswürdigkeit, genauso wie die Graacher Schanzen, die man auf der Anhöhe zwischen Trarbach und Bernkastel besichtigen kann. Da wurden mal in großem Umfang Geschützstellungen gebaut, um an einer engen Stelle der Mosel den Franzosen den Übergang zu versauern, sollten sie es versuchen wollen. Aber auch daraus wurde offenbar nichts, und so wurde auch von da nie ein Schuß abgefeuert. Mein geliebter, gesprächiger Jakobsführer hält aber auch die Schanzen für so sehenswert, dass er einen Umweg empfiehlt. Ich habe beide nicht besucht und mich lieber mit Wein, Gedanken an Euch und E-Mail-Schreiben beschäftigt.

Liebe Grüße
Siegfried

9
Juli
2008

Zell an der Mosel (7. Juli)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

HALLO,

jetzt muss ich wieder versuchen, jeden Tag zu schreiben, sonst komme ich ganz durcheinander und am Schluss schreibe ich dann noch wie Ingeborg Bachmann.

Gerade komme ich vom Abendessen und ich habe einen gewaltigen Fehltritt getan. Nachdem ich mich alle Tage, seitdem ich an der Mosel bin, nur von Moselwein und Wasser – dies nicht von der Mosel – ernährt habe (vom festen Essen abgesehen – aber auch da habe ich versucht ortsübliches Essen zu konsumieren), bin ich heute beim Italiener fremd gegangen und hab Pizza gegessen und Valpolicella getrunken.

Die Pizza war schon richtig, beim Wein aber hat er statt "Moselwein halbtrocken" "Valpolicella" verstanden. Ich denke jetzt noch über meine perfekte italienische Prononziation (heißt doch so ähnlich, oder?) nach, und wie das in den Ohren eines Italieners geklungen haben mag. Er hat übrigens schon bei der Bestellung "Valpolicella" wiederholt und ich war darüber so erstaunt, dass ich das als Fügung Gottes hinnahm. War ja auch keine schlechte Wahl.

Heute hatte ich mir von Beilstein bis hierher eine leichtere Tour vorgenommen, es ist etwa die Hälfte der Strecke, die der Führer für den Tag vorgegeben hat. Es war auch wirklich heute nicht anstrengend. Von Beilstein aus gings erst mal eine gute Stunde aufwärts, bis ich auf den Höhen des Hunsrücks war. Und da ist man erst mal überrascht. Eine weite, nur leicht hügelige Fläche, in der Ferne von Waldgruppen unterbrochen. Ganz weit hinten im Norden, wo meinem aktuellen Wissensstand nach die Eifel liegt, leuchten ebenfalls Getreidefelder, dazwischen sind Täler mit dunklen Waldbändern. Ich deute diese als die Ränder des Moseltales.

Bei einer kleinen Kapelle, mitten zwischen den Feldern, mache ich auf einem Bankerl unter einer Linde die erste Rast und zücke auch mein MDA um ein paar E-Mails abzuschicken. Derweilen bricht, ohne dass ich es merkte, ein Wolkenbruch herein, und ich komme gerade noch einigermaßen in die Kapelle, um Rucksack und mich mit dem vorgesehenen Regenschutz zu versehen.

Das ist natürlich auch wieder so eine Situation gewesen wo man sagen kann "Zufall". Hätte ich nicht bei der Kapelle Rast gemacht, hätte mich der Platzregen auf freiem Feld überrascht...

Beim Weitergehen im Wald komme ich an einer Lichtung vorbei, die voll von Königsfarnen steht, die alle mehr als mannshoch sind. Dass es Königsfarne sind, weiß ich noch aus der Schulzeit. Da sollten wir Farne aus dem Wald zur Unterrichtsstunde mitbringen. Auch ich brachte mit und präsentierte sie unserem Lehrer, es war der "Fuhrmann". Einige nahm er mir gleich weg und sagte in seiner unnachahmbaren Art, die seien zu schade für mich, weil sie nämlich vom Königsfarn stammten, ob ich das denn wisse! Ich wusste es natürlich nicht, aber seitdem weiß ichs.

Der Jakobsweg war in großen Teilen im Wald völlig umgeackert, auch im Bereich der an die Königsfarne angrenzte. Zunächst glaubte ich, der Förster wolle vielleicht den Weg neu gestalten. Aber immer sicherer wurde ich mir beim Weitergehen, dass das die Wildschweine gemacht haben. Sicherer wurde ich mir auch als ich wieder neben einem Weizenfeld lief, das von einem ganz niedrig verlegten Elektrozaun eingezäunt war. Erst dachte ich, das sei ein Schutz gegen Hasen. Aber auf dem Weg sah ich viele Büschel weiß, braun bis schwarz vom Kittel der Schwarzröcke. (Und da ist mir auch eingefallen, dass die Tante Lina die Schweine unter anderem auch mit Getreide gefüttert hat.)

Im Wald war's nun natürlich besonders spannend. Denn die Burschen müssen ja irgendwo sein. Aber außer ein bisschen Rascheln manchmal, das aber sicher nicht von denen kam, konnte ich nichts Verdächtiges feststellen. Ich stellte mir einfach vor, wenn die mich mit dem gewaltigen Rucksack sähen, würden sie wegen des muskelbepackten Giganten (ich – sie würden den Rucksack sicher als einen Teil von mir sehen) sofort die Flucht ergreifen. Und das half mir.

Schon gegen vier Uhr traf ich über die Weinberge runterkommend in Merl ein, von wo ich an der Mosel entlang nach Zell wanderte. Ich fragte in mehreren Pensionen nach. Die eine hatte nur Doppelzimmer und gefiel mir auch nicht, die andere hatte die Heizung nicht an, so dass die Dusche ohne warmes Wasser war. Alle hätten so um die 25 € gekostet. Bei einer Weinschenke hätte die Nacht 45 € gekostet. Schließlich aber fand ich mit Hilfe einer netten Pensionswirtin (die auch nichts mehr Passendes hatte, aber eine Freundin anrief) ein sehr schönes Zimmer für 30 €, nur 5 Min vom Zentrum, und da sitz ich nun und schreibe.

Euer Siegfried

9
Juli
2008

Alken (4. Juli), Karden-Treis (5. Juli)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Meine Herrschaften,

Ihr seht, ich komme meinen guten Vorsätzen nicht hinterher. Schon wieder hab ich den Bericht über einen Tag ausgelassen. Das war gestern, als ich von Koblenz-Pfaffendorf nach Alken wanderte und erst abends um sieben Uhr in der Pension in Alken Feierabend hatte.

Und heute bin ich auch erst um sechs Uhr in Karden, der nächsten Station, eingetroffen.

Gestern hatte ich mich telefonisch in einer Pension angemeldet, das wollte ich heute auch tun, aber ich bekam da, wo ich gerade war, keinen Anschluss (ist mir übrigens schon öfter passiert), und dann vergaß ich das Anrufen. Aber hier ist das kein Problem: Übernachtungsangebote gibt es hier in Hülle und Fülle und in allen Variationen.

Jetzt sitz ich vor dem "Schwan", wo ich auch logiere, auf der Terrasse und die charmante Wirtin freut sich, wenn ich ihr gutes Essen lobe. Der halbtrockene Riesling, der Standardwein an der Mosel, ist gut zu trinken und tut mir gut, nur gestern, nachdem ich drei Schoppen getrunken hatte, wankte ich etwas ins Bett. Aber ich höre auf Chantal – ich muss auf meinen Flüssigkeitshaushalt achten, und das Wasser ist hier fast so teuer wie der Wein. Heut habe ich aber auch mit dem Essen ein wenig über die Stränge geschlagen: Suppe, Feinschmeckerschnitzel vom Schwein mit Gemüse überbacken, sehr zart! Dann Espresso und auch noch ein Pfefferparfait. Dazu zwei Schoppen Wein und zwei Wasser. Muss die nächsten Tage wieder spartanischer leben.

Der Weg geht an den Moselhängen entlang, zum Teil zwischen Weinbergen. Hier sah ich auch einmal das Zuschneiden, so muß ichs (da fehlt der Rest, Anm. d. Red.)

Die Landschaft ist recht kurzweilig, weil sie sanft hügelig ist und durch kleine Waldflächen unterteilt.

Nach rauf und runter und manchen kleineren Unsicherheiten bei der Orientierung komme ich schließlich zu Burg Eltz, eine Burg, die ich nicht zu beschreiben brauche, weil sie eh jeder kennt. Stellt euch die schönste Burg vor, von der Ihr ein Bild gesehen habt, ja, das ist sie. Und schlauerweise haben sie sie in ein Tal auf einen hohen Felsen gesetzt. So ist sie einerseits hoch oben, aber wenn man von einem der das Tal umgrenzenden Hügel kommt (Jakobspilger tun das immer, weil's Raufsteigen so schön ist), dann sieht man sie auch von oben und kann zu ihr runtersteigen.

Logischerweise ist für die Autotouristen der Parkplatz auch oben, sie gehen dann fotografierend nach unten und lassen sich mit dem Shuttlebus wieder rauffahren.

Ich hatte eine Vision von einem kühlen Weißbier, und nach einigen Irrwegen zwischen hungrigen Autotouristen konnte ich ein traumhaftes Erdinger Weißbier auf einer Terrasse der Burg Eltz genießen. Der weitere Weg schien mir nun ein Kinderspiel. Es ging abwärts – die Mosel liegt weiter unten. Ein Tal mit einem kleinen lebendigen Flüsschen wird der Weg wohl nutzen.

Ich gehe runter, und der Weg macht einen großen Bogen und führt mich über eine Brücke. Unmittelbar an der Brücke werden gerade zwei Autos der Freiwilligen Feuerwehr an den Flußrand rangiert, Schläuche werden ausgelegt, der Fluß mit Steinen gestaut und zwei riesige Fontainen in Wald und Wiese gespritzt. Faszinierend! Wie schön wärs, bei der Feuerwehr zu sein. Aber ich muss weiter.

Es ist an der Gabelung unmittelbar nach dem Brückchen eine umfangreiche Sammlung von Wegweisern und Wandererweisern, auch die Jakobsmuschel, zu studieren, doch keiner führt in einen Ort, der auf meiner Karte verzeichnet ist. Also lauf ich, nicht ganz sicher, den wahrscheinlichsten Weg. Der Witz an dieser Stelle ist, dass der Moselhöhenweg hier nach zwei Seiten ausgeschildert ist, einmal nach Norden einmal nach Westen.

Nach ein paar hundert Metern bin ich mir noch weniger sicher, noch dazu da ich am Sonnenstand, das heißt: am Schatten meiner Stöcke, merke, dass der eingeschlagene Weg nicht von seiner Nordrichtung abweicht. Also wieder zurück. Die Feuerwehrleute rollen ihre Schläuche wieder ein und lachen mir zu. Ich steh wieder vor meiner Wegweiseransammlung und studiere. Und was seh ich da? Direkt neben der stattlichen Eiche, vor der ich stehe, ist so was wie ein trockener Wasserfall vom letzten Platzregen. Ich definiere ihn als "meinen" Pfad und steige darin hoch.

Im weiteren Verlauf kann man den Pfad als Hohlweg bezeichnen und ich habe ein recht gutes Gefühl, da ich auch bald an einem Baum die Jakobsmuschel sehe. Ich keuche höhrbar, denn es geht steil bergauf und es tut gut, laut zu atmen. Plötzlich sehe ich weiter über mir zwei Männer laut diskutierend stehen.

Ich laufe wieder lautlos und locker, sportlich halt wie a Junger, und beim Näherkommen fragt mich einer der beiden: "Haben Sie da unten zwei Feuerwehrautos gesehen?" Ich bejahe das, und kläre sie darüber auf, dass die auch gespritzt hätten. Beim Weiter-Raufkommen sehe ich, dass die auch ein rotes Auto haben, einen Geländewagen von der Feuerwehr! Wahrscheinlich ist's der Kommandant. Ich frage noch, ob das der Weg nach Karden sei, was bejaht wird, dann setzen sie sich ins Auto und setzen rückwärts (jedenfalls so weit ich sie sehen kann) ihre Suche nach dem richtigen Weg zu ihrer Mannschaft fort.

Mir wurde nun also von kompetenter Seite bestätigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin!?

Trotzdem verließ ich mich doch lieber auf die Markierungen, und die führten mich nun auf den Buchsbaumweg zwischen Müden und Karden. Das ist eine Besonderheit hier und gibt's nur noch einmal nördlich der Alpen: Es gibt hier ein natürliches Vorkommen von Buchsbaum. Erst nach längerem Beobachten der Pflanzen ringsum konnte ich die Büsche entdecken. Sie sind eher unscheinbar, aber doch bis mehr als zwei Meter hoch und haben keine Ähnlichkeit mit dem zugeschnittenen Buchsbaum, wie wir ihn kennen. Der Bewuchs, also nicht nur die Buchsbäume, der den Weg begleitet und überdeckt, zaubert mich in eine lange, grün-golden schimmernde Säulenhalle! Was kommt dahinter?

Es kam die Schutzhütte hoch über der Mosel und über Kaden. Und nach dem Entschluss, doch nicht die Nacht an diesem so schönen Ort zu verbringen: der fast alpine Abstieg über Felsen inmitten von üppigem Bewuchs, immer auch von Buchs, bis weiter unten plötzlich Natursteinmauern, vielleicht von aufgelassenen Weinbergen, neben dem Weg aufragten.

Dann war's nicht mehr weit, und ich kam gleich in der Nähe der romanischen Kirche – ähnlich den Kirchen in Koblenz, Lahnstein und Arnstein – in den Ort und war froh gleich ein Quartier zu bekommen.

Der Tag war doch wieder anstrengend gewesen.

Aber schön!

Siegfried

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