Eff-Hellendorf (15. Juli)
Hallo Ihr Zwei,
Gester war der Abend nach dem Heimgehen natürlich noch nicht zu Ende. Meine Hauswirtin bot mir noch einen Vietz an und dazu konnte ich doch nicht nein sagen. Und so saßen wir noch bis zwölf ratschend beisammen.
Wisst Ihr überhaupt was "Vietz" ist? Das ist das was wir Apfelmost und die Frankfurter Äplwoi nennen. Hier machen sie ein Theater daraus, sagen die Römer hätten aus den kleinen Äpfeln, die sie hier vorfanden, diesen Wein gemacht und getrunken, vor lauter Kummer, dass es hier keine Weintrauben gab.
Und jetzt gibt es hier sogar eine "Vietz-Straße / Route de Cidre", wie anderswo z.B. in Bayern die "Romantische Strasse". Ihr seht und erfahrt mit Erstaunen, der Siegfried lernt sogar noch um 12 Uhr nachts, wenn er das richtige zu trinken bekommt.
Übrigens, ihr werdet es allerdings noch nicht bemerkt haben, mein Bett steht in der Graf-Siegfried-Straße! Habe von diesem Siegfried bis jetzt noch nichts gewußt, aber der hat Luxemburg gegründet und eben auch Saarburg. Und er – oder einer seiner Nachfahren – hat auch das Wasser des Lenkbaches so umleiten lassen, dass es jetzt durch Saarburg fließt und so Saarburgs Innenstadt zu einer Besoderheit macht.
Der heutige Tag fing heute schon gut an.
Nach einer relativ kurzen Nacht gab es nur ein relativ spartanisches Frühstück unter Zeitduck. Aber da sich weder Künstlerin "Cordula" noch ich mich besoders vom Zeitdruck unter Druck setzen ließen, wir unterhielten uns nochmals prächtig, sie malte einen "Stempel" in meinen Pilgerpass, der dadurch an Attraktivität gewonnen hat, ich schrieb was ins Gästebuch. Da schlug es Acht.
Panikartig brach Cordula auf, ich hinterher. Dabei vergass ich, Wasser in meine Flasche zu füllen und zum Zähneputzen reichte natürlich die Zeit auch nicht mehr. Das mit den Zähnen störte mich nur kurz, das mit dem Wasser war ein wenig kritisch. Einmal trank ich aus einem Brunnen im Wald – kein Trinkwasser – eine Quelle im Wald? – hat auch nicht geschadet –, aufgefüllt hab ich die Flasche dann erst am Friedhofsbrunnen in Oberleuken.
Oberleuken, das liegt am Leukbach weiter oben, aber das Hinkommen war umständlich wie immer bei Jakobspilgern. Einmal habe ich den Bach sogar in einer Furt und über Steine überquert und das alles mit einem Rucksack auf dem Buckel.
Da ich wegen des frühen Weggehens relativ früh dran war, meinen Wasservorrat in Oberleuken, das eigentlich mein Tagesziel war, aufgefüllt hatte, war ich übermütig geworden. Ich beschloß, in den nächsten Ort "Borg" zu gehen. Da gibt es Ausgrabungen aus der Römerzeit und eine rekonstruierte Villa. Ich umrundete sie, d.h. die ganze Anlage, ging aber nicht hinein, irgendwie war ich doch scho zu kaputt und geöffnet war auch nur bis sechs und jetzt war fünf!
Also ging ich gleich weiter ins Dorf Borg, in der Meinung ein reichhaltiges Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten zu finden und ein ähnlich anregendes Nachtleben wie in Saarburg, dank der Römer.
Aber der inzwischen schon recht schlaffe Wanderer mußte nach erfragen der einzigen Gastwirtschaft feststellen, dass ihm schon wieder Monteure &nddash; diese hier arbeiten alle in Luxemburg – zuvor gekommen waren. Alles war voll. Am Wochenende wäre alles frei, aber so lange will und kann ich nicht warten.
Die sehr nette Wirtin telefoniert umher und kann schließlich ein Zimmer in Hellendorf für mich reservieren. Hellendorf liegt auf meiner Strecke, das spare ich mir also morgen, aber heute heißt's noch eine halbe Stunde gehen.
Geschafft! Finito! Ein gutes Abendessen, ein Glaserl Wein und ein Glas Vietz! Und die Schweinefilets in Vietz-Sahnesauce haben den Durst und die Anstrengungen des Tages wie einen traumhaften Hauch in wohligem Gefühl des Glücklichseins verfliegen lassen.
So ging ich ins Bett und verschlief am nächsten Morgen fast das Frühstück um 1/2 8h.
Euer Siegfried, der immer, wenn er nicht anders beschäftigt ist, an Euch denkt!
{SMS 16.07.08 10:24h}
Auf Wiedersehen – Bon jour!
Sitz auf dem Grenzstein der RF
Tout va bien
Salut
Siegfried
Saarburg (14. Juli)
Hallo Ihr Lieben,
langsam werde ich auch noch in Erdkunde fit. Ich bin doch glatt heute ins Saarland eingewandert, das 7. Bundesland in der Zwischenzeit und Luxemburg und Frankreich sind nicht weit. Ich sitze hier vor einer Pizzeria am Pferdemarkt und am Nebentisch ist eine große Gesellschaft, die sich abwechselnd französisch und deutsch unterhält. Am Saarufer sah ich ein Schiff für Radtouren, ein holländisches, das ganze Deck war mit Fahrrädern zugeparkt, ein interessanter Anblick.
Ich bin hier so gegen 17.00h eingetroffen und hab gleich in der Information nach einem Zimmer gefragt und nun logiere ich im Atelier einer Kunstmalerin. Zum Empfang bekam ich ein schön kühles Weißbier und wir unterhielten uns eine ganze Weile. Sie empfahl mir den Film "Kirschblüten" von Doris Dörrie anzusehen, ein Film im japanischen Milieu über einen deutschen Mann, dessen japanische Frau gestorben ist. Und einen französischen Film über den Jakobspilgerweg von fünf sehr unterschiedlichen Personen – ich hab von dem Film vor einiger Zeit gelesen.
Sie hat natürlich auch große Probleme, ihre Kunst zu vermarkten. Macht jetzt Kunstkurse für Kinder und die scheinen gut anzukommen.
Ich bin gespannt, wie ich in dieser interessanten Umgebung, dem Atelier, schlafen werde. Allerdings muß ich morgen schon um 8! Uhr aus dem Haus, weil sie einen Termin hat.
Vorgestern Abend habe ich in Trier noch was Nettes erlebt, die Bilder habt Ihr schon. Ich sitze mit Brigitta und Heinz am Marktplatz beim Glaserl Wein und da höre ich immer wieder was scheppern als wenn Porzellan zerbricht dann lautes Gelächter und Geräusche die ich nicht definieren kann, die aber mit Scherben zu tun haben. Und ich sehe junge Leute mit einem Leiterwagen umherziehen. Ich werde aufgeklärt: Das ist ein Brautpaar, das Junggesellenabschied feiert. Ich gehe hin. Für einen Euro darf ich einen Teller zerdeppern und das Brautpaar kehrt die Scherben unter großem Beifall der begleitenden Gesellschaft zusammen und lädt alles auf den Leiterwagen.
Eine andere Gruppe, diesmal nur Mädchen, oder sollte man sagen junge Frauen, in Hula-Röcken, eine mit weißem Schleier und Bauchladen. Die mit dem Bauchladen verkauft allerlei Krimskrams, ich erstehe einen goldfarbenschreibenden Kugelschreiber und bekomme einen saftigen Kuß obendrauf. Das war ein Nachtrag zu meinen Erlebnissen in Trier.
Aus dem Abschiedsweißwurstessen mit Brigitta und Heinz wurde nichts, weil's in Trier Weißwürste erst NACH 12.00h mittags gibt.
Heute früh bin ich dann mit ausgeruhten, aber gegen jede Bewegung protestierenden Gelenken und Muskeln wieder aufgebrochen.
Ich ging mitten durch die Stadt, an der Porta Nigra vorbei, über den Marktplatz , warf einen Abschiedsblick auf das Dreikönigenhaus, blickte links in die Gasse, in der ein kleiner Ausschnitt der Domfassade sichtbar wird, bewunderte im Vorbeigehen nochmal den farbenprächtigen Tugendenbrunnen und das Marktkreuz, war wieder erstaunt über das Portal zur Gangolfkirche in der Häuserfront und sah auch nochmals im Weitergehen links die Fassade der Römischen Palastaula. Und alles das zwischen Gebäuden, Fassaden, Schaufenstern, hetzenden und bummelnden Menschen einer erwachenden modernen Großstadt!
Ich mußte, um meinen Weg fortzusetzen nach Südwesten gehen, ich wußte, das ist auch die Richtung zu St. Matthias. Matthias war auch ein Apostel, genauso wie Jakobus, zu dem ich unterwegs bin. Es ist also naheliegend auch ihn zu besuchen. Soviel ich weiß, gibt es keine weiteren Apostelgräber mehr in Europa. Auch zu Matthias gab es früher große Wallfahrten, aber gegen Jakobus kommt er nicht an. Wenn er nicht ein Heiliger wäre, und die beiden, so nehme ich an, im Gefolge von Jesus nicht echte Freunde gewesen wären, müßte ihm jetzt echt stinken, daß vor seiner Haustüre, der Pforte zu seiner Kirche, eine Informationstafel über den Jakobsweg aufgestellt ist!
Die Kirche des Hl. Matthias ist also weit am südwestlichen Stadtrand von Trier und, weil's mir so weit vorkam, habe ich mich mehrmals fragend versichert, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Aber dann ist sie plötzlich da, eine Mauer, ein Tor, ein schöner großer gepflasterter Platz und eine markante romanisch-gotische Fassade. Wohltuende Ruhe in der Kirche. Außer mir ist niemand da. Eine dreischiffige gotische Basilika, einfach, klar. Unter der Apsis eine Krypta mit zwei Steinsärgen, die der ersten Bischöfe, die hier residierten, noch bevor Trier seine Bedeutung erlangte. An der Rückseite eine Nische. Da steht ein kleiner Steinsarg,mit goldfarbenen, beschrifteten Bändern, auf denen ich entziffern kann: ...St. Matthias... Hier ruhen seine Gebeine. Auch diese hat die Hl. Helena, die "Lebensgefährtin", wie's in einem Führer hiess, Konstantins des Großen, um 300 n.Chr. nach Trier bringen lassen, genauso wie das letzte Gewand Christi, das im Dom verehrt wird.
Da schon um das Jahr 930 Benediktiner nach St. Matthias berufen wurden um ein Kloster zu gründen, schrieb ich natürlich gleich eine Karte an die Patres von Wechselburg mit dieser freudigen Nachricht.
Diesmal habe ich wieder viel durcheinander erzählt. Aber so schaut's in meinem Kopf aus. Ich hatte eigentlich geglaubt, die ganze Wanderung würde eine eher langweilige und anstrengende Angelegenheit, dagegen habe ich jetzt zu tun, alles mit zu bekommen und auch alles aufzuschreiben. Wie gut das Aufschreiben ist, merke ich daran, wie schnell ich Begebenheiten der vergangenen Tage vergesse, sie werden einfach total überdeckt von aktuellen Begebenheiten, die ja nie Routine sind wie z.B. im Berufsleben. Bei vielen Dingen muß man noch dazu hoch konzentriert sein, bei der Wegfindung im Gelände und beim Gehen über schwierige Pfade.
Ich bin von Trier aus Mosel-aufwärts auf dem Radweg gewandert, auch an der Saar blieb ich auf dem Radweg, so hatte ich ein einfacheres Gehen und sah und erlebte auch mehr als beim anstrengenden Gehen im Wald und über die Berge, da hat man nur ab und zu umfassende Ausblicke.
So aber sah ich die Mündung der Saar in die Mosel und die Saar schein da genauso breit wie die Mosel. Beide Flüsse scheinen hier und auch sonst stehende Gewässer zu sein. Nur wenn man ganz genau hinsieht kann man die Strömungsrichtung feststellen. Eine Folge der zahlreichen Staustufen. Der Rhein ist auch in dieser Hinsicht eine Ausnahme, der fließt und zwar rasch, ja da ist es richtig zu sagen "majestätisch".
Das Saartal kommt mir lieblicher vor als die Täler von Mosel, Rhein und Lahn. Die begrenzenden Hänge treten weiter zurück und sind nicht so steil. Auch der Bewuchs ist abwechslungsreicher, da gibt es Wälder, aber nicht so bedrohlich wie an der Lahn, sie sind durchsetzt von Weinbergen und helleren Gebüschzonen und die Getreidefelder bringen fröhliches Gelb dazwischen.
Saarburg hat mich überrascht. Ein schönes Alt-Städtchen das von einem quirligen Bach durchflossen wird, der am Ende der Altstadt aber noch zwischen Gebäuden um die 20m hinabstürzt, zum Teil auch in hölzernen Rinnen zu irgendwelchen Wasserrädern oder für andere Zwecke geleitet wird. Es gibt viele Restaurants und da heute ein schöner warmer Abend ist, sitzt alles auf der Strasse, ich auch. Es ist jetzt elf Uhr, ich bin der letzte Gast und werde nun auch "heimgehen", denn mir wird's auch kalt.
Auch an der Saar ist es schön, ich hab das Saarland früher nur mit Kohle und Industrie in Zusammenhang gesehen.
Euer immer wieder überraschter
Siegfried
Trier (12./13. Juli)
Wie schnell so ein Tag vergeht. Es ist schon wieder Abend, und es ist höchste Zeit, dass ich Euch schreibe.
Gestern bin ich ja von Schweich die Faulenzerstrecke nach Trier gegangen, während Heinz und Brigitta (die Zeitweise-Co-Pilger aus Spay) die vom Führer vorgeschlagene Route über die nördlichen Moselhänge gingen.
Also ich ging die kürzeste Strecke. Sie führt von Schweich aus zunächst direkt an der Autobahn, südlich der Mosel entlang. Es ging überraschenderweise recht gut an. Die Feuerwehr stoppte für mich den Verkehr beim Überqueren der viel befahrenen Bundesstraße, so dass ich ohne anzuhalten die Straße überqueren konnte. Enttäuschenderweise machten sie die Straße aber nicht für mich frei, sondern für einen Pulk von um die 50 sportlich bekleideten, jungen und alten, männlichen und weiblichen mehr oder minder glaubhaften sportlichen Figuren, die mich dann fast überrannt hätten.
Als Entschädigung für die Enttäuschung und den Schock konnte ich dann einige Minuten lang sich langsam entfernende Hinterteile, Beine, Füße, Arme bei Bewegungsabläufen studieren, die alle den gleichen Zweck hatten: Den jeweiligen Körper möglichst kraftschonend vorwärts zu bewegen.
Zunächst fallen die Beine auf, weil diese naturgemäß paarweise auftreten und versuchen in Harmonie miteinander auszukommen. Oftmals sind sie sich auch einig. Doch manchmal hat man den Eindruck, das eine Bein möchte das andere aus der Spur drängen. Es schaut dann fast so aus wie Schattenboxen und ein interessierter Zuschauer ist ganz fixiert auf die Knie und denkt: Einmal muß es doch passieren!
Aber würde er sich nur von diesem Schauspiel gefangen nehmen lassen, würde er manch anderes Sehenswertes versäumen. Die Füße als unterer, nicht unbedeutender Abschluss der Beine, entwickeln ein reges Eigenleben, das so interessant ist, dass man in manchen Fällen darüber die Beine vergessen könnte. Die drehen sich bei jedem Schritt nach innen und nur durch unerklärliche Steuerungsmechanismen des Körpers entwirren sie sich kurz vor Beginn des nächsten Schrittes wieder. Es gibt auch Füße, die partout nichts von einander wissen wollen und da würde es einen nicht wundern, wenn plötzlich der eine rechts der andere links alleine weiterlaufen würde, und das was darüber alles zusammenhält und unter einer sehr engen oder sehr weiten flatternden Hose verhüllt ist, auf dem Boden landen würde.
Die Hinterteile! Da gibt's welche die sind da und die stellen was dar, und dann gibt's welche, da ist man sich nicht sicher ob überhaupt was da ist. Auch hier gibt es viele Nuancen der Darstellung. Wenig aufregend sind flatternde Hosen in denen nichts drin ist. Aber enganliegende Hosen zeigen Bewegungen und Formen, die in Sonderfällen bis zum Grimassenschneiden führen. Stellt Euch 50 Hinterteile vor, die Euch alle Grimassen schneiden! Bloß gut, dass sie schneller sind als ich!
Der Weg führt auch durch Ruwer durch, das seinen Namen von einem kleinen Bach oder Fluss hat, den man von der Weinbezeichnung "Mosel-Saar-Ruwer" her kennt. Ruwer gehört schon zu Trier, und ich vermeinte mich schon am Ziel und hielt Ausschau nach der Porta Nigra. Doch bis dahin waren noch viele Kilometer entlang von Bahngleisen, verlassenen, aber auch hochmodernen Industriebetrieben zu laufen. Schließlich merkt man, dass es städtisch wird: ein sehr elegantes Hotel an einem wunderschönen Park, ein großer, verkehrsreicher Verkehrskreisel, dann die moderne Arena, der Friedhof und plötzlich ist da ein großer schwarzer Riegel im Blickfeld: Das ist sie, die bekannte Porta Nigra, die nun schon bald 2000 Jahre da steht und zu Römerzeiten als Stadttor gegen Norden geplant und gebaut, aber nie vollendet wurde.
Da durch gehen. Dahinter ist eine andere Welt! Plötzlich ein Gedränge von Menschen verschiedenster Sprachen, dazwischen Gaukler, Musikanten, Drahtkünstler und Porträtmaler, und – was mir besonders auffällt – sehr viele Leute sind auf der Strasse am Essen: Pommes, Eis, McDonalds-Snacks... Vielleicht fällt's mir besonders auf, weil ich hungrig und durstig nun plötzlich mein Tempo drosseln muss, meine Stöcke nicht mehr einsetzen kann und Entgegenkommenden ausweichen muss.
Es sind vielleicht fünfhundert Meter bis zum Markt und man geht mittig auf einen eindrucksvollen Turm zu. Aber das ist nicht der Dom. Die dazugehörige Kirche St. Gangolf ist hinter Häusern versteckt, die sich ganz eng an das Kirchenschiff drängen. Der Turm wurde als Wachturm für die Stadt genutzt.
Den Dom sieht man erst, wenn man in eine der Seitenstrassen blickt, die vom Markt wegführen, und man wird von seiner Wucht und Formenvielfalt schon beim Näherkommen gefangen genommen.
Beim ersten Besuch im Dom, noch mit dem Rucksack auf dem Rücken, erstaunt der großartige riesige Raum und die Plastik der figurenreichen Seitenaltäre an den Säulen. Auch die Einheitlichkeit der Farbe, ein gedecktes, also nicht strahlendes Gelb-Rot aller Teile, auch der Altäre. Der ganze riesige Raum in einer Farbe!
Aber auch hier: Es ist ein Museum oder besser: ein Marktplatz. In keinem Museum dürfen sich Leute so aufführen, wie sie es in einer Kirche tun. Leute laufen laut redend, mit Händen in den Taschen herum, ein Mann isst seelenruhig aus einem Becher Eis, Kinder rennen durch die Bänke, es wird fotografiert und geblitzt. Dazwischen ab und zu ein Mensch, der sitzt und den Raum betrachtet.
Ich gehe zur Dominformation um die Ecke, wo ich diesmal meine Unterkunft telefonisch vorbestellt habe. Mein Hut, der mir aus Traben-Trabach, wo ich ihn hängen lassen habe, nachgeschickt wurde, ist gerade angekommen, und nun weiß ich auch wo ich mein Quartier finde.
Gleich bei der Porta Negra. Ideal.
Duschen, Umziehen.
Telefon ansehen. Brigitta hat angerufen. Ich rufe zurück. Sie haben sich verlaufen und kommen zwei Stunden später nach Trier. Ich empfehle ihnen auch zu versuchen, ins Josefsstift zu kommen, es sei noch was frei. Und es klappt. Sie bekommen auch ein Zimmer. Und wir gehen zusammen gemütlich Abendessen und schauen uns das Feuerwerk um elf Uhr an der Mosel an.
Am nächsten Tag, nach dem gemeinsamen Frühstück ziehen sie weiter. Einen Tag noch nach Westen, dann müssen sie wieder heim. Daheim erwartet sie eine tipptopp abgestaubte Wohnung. Einer der beiden Söhne hat seine neue Freundin nach zuhause eingeladen, und der andere Sohn hat seiner Mutter vermeldet, dass der Verliebte das Haus deshalb sorgfältigst entstaubt habe.
Ich besuche noch mal mit Ruhe den Dom und erlebe eine Messe. Ich finde, nur so kann man so einen Raum in seiner Qualität und Würde erleben. Es wird gesungen und die schön anzusehende Schwalbennestorgel wird gespielt.
Kunst- und Baugeschichte braucht man dazu nicht.
Anschließend ein Bummel durch den Kreuzgang, von dem aus die Vielgestaltigkeit der Bauformen des Domes beobachtet werden können. Die Liebfrauenkirche, die direkt an den Dom angebaut ist, ist zur Zeit wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Weiter gehe ich noch zur Römischen Palastaula, einem Ziegelbau aus der Zeit Kaiser Konstantins und auch seinerzeit als Residenz genutzt.
Dazwischen vielfältige Nutzungen, zeitweise sogar als Burg. Heute wird sie als evangelische Kirche genutzt. Ein riesiger säulenloser Raum von fast 70 Metern Länge, fast 30 Metern Breite und über 30 Metern Höhe! Vor 1700 Jahren gebaut. Seinerzeit mit einer hocheffektiven Hypkausten-Fußboden- und Wandheizung mit einem Wirkungsgrad von rund 90! Mit reichem Wandschmuck. Heute ist alles ziegelfarben.
Wie ich wieder weggegangen bin, höre ich näherkommende diskutieren: "wie ein Industriegebäude im Ruhrgebiet"! Gemeint waren die Ziegelbauweise, die klare Strukturierung, die großen Fenster. Das sagt viel aus über das moderne, zeitlose Erscheinungsbild dieses würdevollen Gebäudes.
Eine gemütliche Stunde im Café, Karten schreiben, heimgehen, Füße hochlegen, Tagebuch schreiben bei einer Flasche guten Riesling aus Osann-Monzel wo ich vor ein paar Tagen übernachtete.
Über meinem Bett hier im Stift hängt an der Wand ein Kreuz mit geschnitzter Christusfigur. Und als ich mich gestern ins Bett legte, schaute mir dieser Christus mitten ins Gesicht. Welch schönen Glauben haben wir Christen doch! Gott hat, um sich mit uns zu versöhnen, die Last des Menschseins auf sich genommen und alles Leid das einem Menschen zustoßen kann. Wie tröstlich für uns, dass wir von so einem Gott auch sicher Verständnis für unsere Schwächen und Ängste erwarten können, denn auch die waren ihm sicher als Mensch nicht fremd.
Manchmal bin ich auch nachdenklich
Euer Siegfried
Trier (12. Juli)
Hallo Ihr Daheimgebliebenen,
Kaum treffe ich in einer Stadt ein, schon feiern sie ein Fest.
Gerade komme ich nach ein paar Schoppen Wein (Grauburgunder von der Mosel) – die meisten Stände bieten hier witzigerweise nur Bier beim "Weinfest" an – zurück, das ich mit meinen neuen Freunden Heinz und Brigitta gefeiert habe, und gleich gehe ich ins Bett.
Nur kurz: Ich bin heute den kürzesten Weg von Schweich nach Trier gegangen. Sie haben den luxuriösen weiteren Weg über die Berge genommen und sich auch noch verlaufen. Aber auch sie logieren hier im Josefsstift.
Morgen habe ich Ruhetag, da bekommt Ihr wieder einen erschöpfenden Bericht! Hoffe ich, so ich Zeit habe!
Gute Nacht!
Siegfried
