Koblenz (3. Juli)
Heute ist Ruhetag und ich spüre so eine Ruhe an die ich mich gewöhnen könnte.
Früh war ich mit Alfons schon in der Kirche, die haben hier in der Nähe ein Nonnenkloster mit indischen Nonnen und da war heute anläßlich eines Feiertages –
der Hl. Apostel Thomas, der ist 52 n.Chr. nach Indien geschippert und hat dort missioniert, und daraus ist eine Gemeinde an der Süd-West-Küste Indiens entstanden, die heute rund 3,5 Mio. Mitglieder zählt. Welchen Mut und welche hohen Ideale muß so ein Mann damals gehabt haben und wie wenig Mut haben wir heute? Was für Ideale haben wir noch. Erstens brauchen wir ein Handy, damit wir ja überall erreichbar sind, damit gleich der Notarzt da ist, wenn wir Nasenbluten haben, ja und natürlich auch deswegen, weil wir für die anderen so wichtig sind. Zweitens brauchen wir einen Krankenversicherungsschein mit kompletter Abdeckung und der Gewähr, dass wir mit dem Flugzeug heimgeführt werden usw.
– eine besonders feierliche Messe im syrisch-maladinischen Ritus.
Drei Nonnen haben für meine Ohren fast sphärische Melodien in einer mir sehr fremdartigen Sprache gesungen. Drei Priester haben zelebriert, davon zwei Inder. Ihr Deutsch konnte ich schlecht verstehen, doch im Heftchen konnte ich die ins Deutsche übersetzten, sehr anrührenden Texte mitverfolgen.
Anschließend ausgiebiges Frühstück auf der Terrasse, dann Aufbruch in die Stadt. Da mein Cousin vor ein paar Tagen unverschuldet einen schweren Autounfall hatte, kann er mich nicht wie vorgesehen begleiten.
Es dauert zu Fuß von hier, Pfaffendorf, etwa 45 Min bis zum Deutschen Eck an der Moselmündung. Aber besonders attraktiv haben die Koblenzer den Zugang zu einer ihrer Sehenswürdigkeiten nicht gestaltet. Man geht am Rhein entlang an ein paar Getränke-, Karten- und Würstchenbuden vorbei, wenn ich nicht wüßte, das Deutsche Eck müsse irgendwo am Rhein liegen, da wo ich nicht mehr weiterkomme, weil die Mosel reinmündet, wäre ich nicht sicher ans Deutsche Eck zu kommen.
In die Innenstadt, zur wirklich fast attraktiven Fußgängerzone – dass die Koblenzer nicht mit Fassaden wie in Limburg aufwarten können, dafür können sie ja wirklich nichts – bin ich durch eine Hinterhofstrasse gegangen, links ein fensterloses, dunkel gestrichenes Sockelgeschoß, rechts Parkplätze. Die ideale Verbindung zwischen der Hauptattraktion und der Innenstadt.
Natürlich war ich auch in der Kastorkirche, einer alten romanische Kirche aus der Zeit der Dome von Limburg und Naumburg. Aber auch dahin muß man den Weg suchen, obwohl die Kirche gleich hinter dem Deutschen Eck steht.
Kurze Zwischenbemerkung: Hab mir gedacht, ich bekomme von einem hocherfreuten Pfarrer, weil ein Pilger aus Sachsen, geboren in München, der einen Koblenzer Vater hat, vor ihm steht, einen Stempel in den Pilgerpass – aber im Pfarramt war wohl niemand, denn es wurde nicht aufgemacht. Die Alternative "INFO", die haben manchmal auch ganz schöne Stempel, half mir nichts, ich habe sie einfach nicht gefunden, auch das Rathaus nicht, obwohl ich durch die Rathauspassage gerannt bin – zu der Zeit hat's übrigens geregnet, vielleicht findet man die Info in Koblenz nur bei schönem Wetter.
In Koblenz ist's wie im Koblenzer Stadtwald: Du siehst ein wunderschönes Schild "Rathaus INFO", gehst und gehst und siehst nie mehr was, bis ein ebenso schönes Schild kommt, das in die Gegenrichtung weist. Bei Regen ist das besonders amüsant. Und im Wald sowieso. Da kann man dann lange amüsante Gespräche mit drei Joggerinnen vor einer Übersichtskarte initiieren, und jede macht einen anderen Vorschlag, welchen der 5 wegführenden Wege man am besten gehen sollte. Der beste Vorschlag war der, ich solle über den ...berg gehen (genaue Bezeichnung kann erfragt werden) da könne ich mich am besten orientieren. – Mir war aber der Weg zu weit!
Aber jetzt bin ich schon auf meine Wanderung im Stadtwald abgeschweift, wir sind ja noch am, bzw. auf dem Weg zum Deutschen Eck.
Schließlich habe ich es doch gefunden, im spitzen Winkel zwischen Rhein und Mosel, gewaltig, halbrund mit einer breiten Freitreppe davor. Und oben auf dem Pferd in Bronze Kaiser Wilhelm! Oder so einer, Ihr seht schon, mit der Geschichte hab ich's nicht so, ich schreib das ja alles aus dem Gedächtnis!
Der Platz davor bis zum Geländer an Rhein und Mosel ist besandet, da können sich die Leute überall hinstellen und fotografieren. Die paar aufgestellten Sitzbänke sind ohne Lehnen, dafür ist die Sitzfläche doppelt tief, unbequem zum Sitzen für einen erschlafften Pilger, aber wenn man Matte und Schlafsack...?
Am Geländer entlang glotzen riesige Löwenköpfe aus Bronze auf das Geschehen am Platz, für was sie die Ringe in den Mäulern halten ist mir unklar, für die Schiffe sind sie bestenfalls bei Hochwasser geeignet, für Pferde sind sie zu groß ausgefallen.
Gegenüber auf dem anderen Zwickel zwischen Mosel und Rhein ist der Koblenzer Campingplatz. Auf der Rheinseite gegenüber erhebt sich die Festung Ehrenbreitstein.
Da sieht man wie sich die Zeiten geändert haben.
Drüben die Festung, die Unüberwindlichkeit des Deutschen, hier das Deutsche Eck, der Stolz auf das Deutsche, und dann die Weltoffenheit und Legerness, zu der der Deutsche auch, Gott sei Dank, bereit sein kann.
Ich geh noch in die Altstadt durch wenig liebenswerte Strassen. Und bin überrascht. Als ich vor 30 Jahren das letze Mal da war, gab's sowas noch nicht. Tische und Stühle auf den Strassen und Leben. Und glücklicherweise gibt's einen Wolkenbruch und ich komme zu Kaffee und Joghurtkuchen mit Waldfrüchten und dem ersten Schoppen Moselwein!
Alles geht mal zu Ende, auch ein Patzregen und ein Tag in Koblenz. Am nächsten Tag will ich weiter ziehen. Es treibt mich die Mosel hinauf Richtung Frankreich!
Zum Wohle!
Siegfried
Niederlahnstein (1. Juli), Koblenz (2. Juli)
Hallo Ihr Lieben,
heute ist eigentlich schon der nächste Tag, der 2. Juli, aber gestern war ich bis abends mit dem Beschreiben des Vortages – Ihr könnt Euch erinnern, Bad Ems – Jugendherberge! beschäftigt.
Also so hab ich mir das vorgestellt, ich sitz um 10.00h morgens auf einem Bankerl, vor mir fließt der Rhein, gegenüber werden die weiter rheinaufwärts noch recht hohen Hänge des Hunsrück (Hunsrück ist südlich der Mosel, Taunus ist südlich der Lahn, Eifel ist nördlich der Mosel, Westerwald ist nördlich der Lahn! habe mich durch Alfons aufklären lassen) niedriger und vor der nächsten Brücke rechts hören sie ganz auf. Über der Brücke spitzt die Spitze einer Kirchturmspitze hervor, ganz weit hinten sieht man unter der Brücke durch noch unklar im Morgendunst eine weitere Brücke und Häuserfassaden schimmern. Da ist Koblenz, die Stadt in der mein Vater geboren worden ist.
Gegenüber von mir die große Kilometermarkierung für die Schiffer: "588". Seit der Lahn weiß ich, dass die Kilometer vom Ursprung des Flusses her gemessen werden, wobei ich noch nicht herausbekommen habe, wie dieser Ursprung definiert ist. Ist es die Stelle, ab der der Fluß schiffbar ist mit Modellbooten, mit Ruderbooten, mit Jachten, mit Lastkänen, oder beginnt das Zählen schon bei der Quelle? Ich finde das Ende eines Flusses ist viel leichter festzulegen.
Grade kommt wieder ein Lastkahn rheinabwärts, dieser hat hinten eine deutsche Flagge. Die meisten sind Holländer, ein paar Schweizer Kähne kamen gestern auch vorbei, auch ein Belgier. Eines dieser langen Schiffe ist gestern rheinabwärts gekommen, hat vor mir gedreht und ist dann die schmale Lahn aufwärts gefahren. Alle Achtung! Es war ein Holländer, vor dem Ruderhaus (da wo der Steuermann drin ist) ein eingegrenzter Kinderspielplatz mit allem drum und dran, hinter dem Ruderhaus, das ja immer fast am hintersten Ende der Lastkähne ist, gibt's noch einen kleinen Parkplatz, auf dem zwei Autos stehen. Ich hab noch nicht heraus bekommen, wie die die runter bringen.
Bei der Aktion mit dem Wenden und Einfahren in die Lahnmündung war offensichtlich die ganze Familie im Ruderhaus beim Papa, ich sah die Frau und zwei größere Kinder. Es war offensichtlich vielleicht doch keine alltägliche Aktion.
Gerade ist wieder ein doppelt langer Kahn vorbei gekommen. Da ist vor dem Kahn mit dem Motor und dem Ruderhaus noch ein weiterer, gleich langer, aber eben ohne Antrieb, vorgekoppelt, der wird also geschoben. An der Koppelstelle sind die Schiffe mit Seilen zusammengebunden, hier stehen und werken auch zwei kräftige, braungebrannte Männer, die immer wieder zum Ruderhaus sehen. Ich könnte mir vorstellen, dass der Verbund der beiden Schiffe nicht steif ist, sondern dass in Flußbiegungen die Seile so gelockert werden, dass sich die Schiffe zu einander verdrehen können. Ich hatte schon gestern so einen Verbund gesehen, und da sah es so aus als wenn dies hydraulisch bewegt worden wäre.
Meine Lieben, Ihr seht, ich komme immer vom gestrigen ins heutige, aber das kommt eben daher, dass ich jetzt nicht vor einem Glaserl Wein, blickeinwärts, sitze, sondern auf einem Bankerl am Rhein, worauf ich mich schon so lange gefreut habe.
Wenn ich nach links sehe, sehe ich auf der anderen Seite das Brauhaus der Königsbacher Brauerei und drüber auf dem noch höheren Hang einen Fernsehturm. Von ganz links höre ich Geräusche eines Krans, der gerade einen Lastkahn entlädt, ich bin vorhin dran vorbei gekommen.
Gestern war ja auch nicht gerade ein besonders anstrengender Tag, obwohl der Führer eine mittelschwere Tour mit 18km von Bad Ems nach Lahnstein vorschlägt. Ich habe mir die Rundgänge durch die Berge gespart und bin mitten durchs auch da schöne Lahntal auf dem Fahrradweg gegangen. Und so war ich schon um 14.00h in Lahnstein.
Es zieht sich ja endlos hin, bis endlich die Mündung erreicht ist. Erst kündigen Hochhäuser auf Berggipfeln an, dass da was kommt, das ist offenbar Lahnstein i.d.H. (in der Höhe), dann sieht man eine malerische Burg, Burg Lahnstein, dann kommt man an einem Wegweiser vorbei: Oberlahnstein 5km; dann geht's endlos an einem Campingplatz vorbei mit Dauercampern und Jachten vor den "Hütten". Dann marschiert man durch Kleingartenanlagen und immer denkt man sich, es kann doch nicht mehr so weit sein! Die Berge werden niedriger, die bewaldeten Hänge machen das Tal aber immer noch schmal.
Dann, es kreuzen auch immer mehr Strassen- und Eisenbahnbrücken das Tal, sehe ich rechts oben Häuser und einen kleinen Weg vom Fahrradweg weg in den Ort. Ich gehe die paar Schritte hoch, in der Erwartung, Leben, Schönheit, Cafes, ein einladendes Gasthaus zum Übernachten zu entdecken. Nichts von dem, es scheint eine ausgestorbene Stadt, auch nicht schön wie die Lahnstädtchen weiter oben. Ein Gasthof, der zu ist, ab und zu ein Auto. Ich gehe ein Stück weiter und bei nächster Gelegenheit wieder runter auf den Fahrradweg an die Lahn.
Es geht noch ein gutes Stück, dann erscheint, kurz vor einer Brücke, das herausgeputzte "Wirtshaus an der Lahn", hier war Goethe mal abgestiegen, als er mit dem Schiff vobei gekommen ist. Für mein Budget ist das nicht geeignet, also wende ich meinen Blick und gehe weiter. Nicht weit hinter der Brücke kommt Hotel "Poseidon", ein Grieche und er hat eine Tafel heraußen "Zimmer frei". Nach dem was ich bei dem Abstecher in den Ort vorhin gesehen habe, habe ich nicht viel Hoffnung, ohne großes Rumsuchen noch was besseres zu finden – was sich später auch rausstellt!
Nun habe ich ein Zimmer und einen freien Nachmittag! Duschen und Kuchen essen!
Im Poseidon gibt's keinen Kuchen, also trinke ich ein Weißbier zwecks der Vitamine. Leicht angesäuselt wandle ich den Rad-, Fußweg weiter lahnabwärts und tatsächlich, da kommt der Rhein. Am Hang gegenüber leuchtet ockerfarben die Burg Stolzenfels herüber, der Rhein fließt sehr schnell und ist sicher so an die hundert Meter breit. Die Lahn ist so langsam, dass deren Wasser an der Stelle, an der sich die beiden Flüsse treffen, wie vom Rhein abgeschnitten scheint.
Ich stehe, schaue und genieße! Wieder ein Teilziel erreicht, diesmal kein geistliches Ziel, diesmal "Vater Rhein"!
Ich gehe weiter und sehe nun gleich rechts hinter Bäumen die Johanniskirche, eine Kirche die zur gleichen Zeit wie Kloster Arnstein gebaut worden ist und auch zur gleichen Klostergemeinschaft gehörte und heute noch gehört. Außen werden gerade Arbeiten im Sockelbereich durchgeführt, wobei auffallend ist, dass ein mehr als 50cm tiefer offener, entwässerter Graben um das Gebäude angelegt ist. Am Haus gibt es Angaben über Höchsthochwasserstände, die innerhalb der letzten 15 Jahre bei um die 3m über dem Boden liegen, auf dem ich stehe. Ähnliches hab ich auch am "Wirtshaus an der Lahn" gesehen. Unvorstellbar! Und dass die Leute seit Hunderten von Jahren immer wieder bereit sind alles wieder herzurichten.
Vor der Kirche ein großer Stein mit einer goldenen Jakobsmuschel drauf:
SANTIAGO 2560 km!
Wenn ich mich nicht irre, waren's in Dagobertshausen bloss noch etwa 2300 km und seitdem bin ich sicher schon einige hundert gelaufen. Also mit den Entfernungen nehmens die Jakobsjünger nicht so genau. Es gibt ja auch viele Möglichkeiten. Ich brauch mir bloss meinen Führer ansehen: Da wo der Radweg mit 10km auf bequemer, – laut Bibel der bequeme Weg des Lasters (oder so...?) – ebener, geteerter Strecke hinführt, hetzt mich der Jakobswegführer über Schotterwege, durch Brennesseln, über ungesicherte Steige nicht nur bergauf, sondern dazwischen wieder runter, weil das für die Fußspitzen so besonders angenehm ist und dann wieder bergauf um die Fußspitzen zu entlasten. Damit man möglichst viel davon hat, ist das aber nicht ein kürzerer Weg, wie Fußgängerlaien so annehmen – hat mir erst kürzlich einer gesagt "ihr könnt ja immer Abkürzungen gehen" – NEIN! Wir gehen extra Zickzack um ja keine Sehenswürdigkeit oder markanten Punkt auszulassen. Und so kommt erfahrungsgemäß leicht bis die doppelte Entfernung unter erschwerten Bedingungen zusammen. Was allerdings bei dieser Streckenplanung strickt vermieden wird, ist das Anlaufen von Wasserstellen – ausser zweimal – und das Vorbeikommen an einladenden Gasthöfen.
In der Johanniskirche war ich natürlich auch, sie ist kleiner als Arnstein und modern gestaltet. Kein Wunder, wenn man an die häufigen Hochwässer denkt! Hinter dem Altar ist eine ansteigende Stufenreihe zu einem vielleicht 3-4m erhöhten Podest, Empore, ganz flüchtig habe ich gelesen, dass dies eine der ersten Emporenkirchen in Deutschland gewesen sei.
Ein Cafe hab ich natürlich immer noch nicht, auch einen Pförtner wie den Bruder Stephan gibt's hier anscheinend nicht. (Später in Koblenz hat mir Alfons erzählt, dass es keine Mönche mehr gebe in Niederlahnstein weil sie keinen Nachwuchs mehr haben. Traurig.) Also auch keinen Stempel, obwohl Niederlahnstein in alter Zeit ein Sammelpunkt der vom Osten kommenden Pilger war.
Von hier gingen die einen Richtung Süden weiter, die anderen Richtung Norden, über Köln. Die ganz gscheiten oder gehfaulen haben sich hier über den Rhein gemacht und sind, wie ich das auch vorhabe, moselaufwärts nach Trier gewandert (wegen der verschiedenen Wege gibt's natürlich auch die so unterschiedlichen Entfernungsangaben).
Ziemlich trostlos an Stahlzäunen vorbei, die das Areal des von den Patres geführten Gymnasiums einhausen, gehe ich wieder Richtung Innenstadt, zunächst wieder an wie tot dastehenden Häusern vorbei. Auf einem kleinen, etwas erhöhten Platz endlich: ein paar Sonnenschirme, ein paar Tische und ein paar Leute und ein bisschen Leben, ab und zu umrundet ein Auto den Platz! &ndash Ich bekomme einen Eiskaffee, einen guten Apfelkuchen und trinke schließlich noch einen Schoppen Frankfurter Apfelwein.
Jetzt wohlgestärkt genieße ich am Rhein auf der Wiese liegend alles was um mich geschieht: Die Eisenbahn, die über die Brücke hinter mir fährt und mir fällt auf wie schnell das Fahrgeräusch verebbt sobald die Bahn die Brücke verlassen hat. Es überträgt sich praktisch kein Geräusch über die Schienen.
Die langen Eisenbahnzüge mit den großen Containern auf der anderen Seite des Rheins, die Lastkäne lang und bedächtig nach oben fahrend.
Einen weißen großen Schaufelraddampfer – natürlich kein "Dampfer" – mit Ausflüglern an Bord. Einen Vierer mit vier Ruderinnen besetzt und einer Steuerfrau, mit kräftigen Schlägen biegen sie rheinabwärts kommend in die Lahnmündung ein. Und auf ein Kommando rufen sie, ihre Ruderschläge zählend: acht – sieben – sechs – ... Sie sind am Ziel.
Zwischen meinen aufgestellten Knieen leuchtet Schloß Stolzenfels in der Abendsonne. Ich bin wieder, wie schon so oft, glücklich!
Aber jetzt, da ich dies geschrieben habe und mein MDA meldet: "Akku leer", muß ich noch nach Koblenz.
Ich bin bei Alfons! Gestärkt!
Natürlich, als ich wieder einmal GPS verwenden wollte, um die Strasse zu finden, zeigte mir mein Gerät kurz Plan und Strassenliste an, dann wars dunkel. Strom finito. So machte ich doch auch noch eine kleine Ehrenrunde und lernte ein schönes neues Wort kennen: "Fädchen" für einen schmalen Weg. Ja, auch das ist Koblenz!
Siegfried
Bad Ems (30. Juni)
Heute ein Tag wo wieder viel los war, vormittags besinnlich, nachmittags anstrengend mit Überraschung.
Nachdem im Jakobswegführer die Besichtigung der Klosterkirche von Arnstein dringend empfohlen wird, aber auch alle Wege: Jakobsweg, Lahnweg, Europäischer Fernwanderweg daran vorbeführen, ich also gar keine andere Wahl habe, und außerdem Alfons – mein Cousin, den ich ja in ein paar Tagen in Koblenz besuchen werde und der sicher danach fragen wird – davon geschwärmt hat, habe ich mich in aller Früh, so gegen 9.30h, aufgemacht, den ersten Berg zu erklimmen. Kirche und Kloster stehen hoch über dem Lahntal und die Kirche im romanischen Stil, erinnernd an Limburg, ist weithin sichtbar.
Gefühlsmäßig sind sicher mehr als 100 Höhenmeter zu erklimmen! Dann kommt man an einer gewaltigen und hohen Mauer vorbei. Bruder Stephan hat mir erzählt, dass das ja hier einst eine Burg war, aber vor sehr langer Zeit seien vom Burgherrn Graf ... (das steht alles auch im Führer oder Internet!) die Mönche hergerufen worden. So existiert dieses Prämostratenser-Kloster seitdem durchgängig. In einigen Kilometern Entfernung gab es seinerzeit auch ein Nonnenkloster, an dessen Ruine bin ich gestern vorbei gegangen. Über das Zusammenwirken beider Klöster gibt's natürlich auch Schauergeschichten. Wer's genauer wissen will, sollte mich demnächst mal bei einem Bier danach fragen.
Ich komme also an den großen Parkplatz vor Kloster und Kirche und lese "zur Klosterpforte". Gleich denk ich an meinen Pilgerpass und an einen wirkungsvollen Stempel.
Es öffnet Bruder Pförtner, wie sich später herausstellt Bruder Stephan, der mich gleich in sein Büro bittet.
Vorbei geht's durch einen langen Flur an Möbeln, Stühlen und sonstigen Sachen, auch Bruder Stephans Zimmer ist voll davon. Ja, er entschuldigt! Es wird umgebaut. Ich hab's schon gesehen beim herkommen. Ich bekomme ein schön kühles Glas Wasser und einen mit Liebe in meinen Pass gedrückten Stempel. Wir unterhalten uns gut, dann begleitet ich Bruder Stephan zur Kirche. Ein hochromanischer Bau mit einem barocken Altar. Vorne am Altar brennt eine große Anzahl von Kerzen. Bruder Stephan sagt, die zünde der Sakristan jeden Tag an. Es sind alles Kerzen, die von Leuten in einem besonderen Anliegen gestiftet werden. Er geht vor und legt eine Kerze in die Schale. Er sagt, die wird für Sie, Siegfried, morgen brennen.
Dann führt er mich noch auf den Mönchsfriedhof an der Südseite der Kirche. Hier hat man den schönsten Ausblick auf Obernhof! Er macht ein Foto von mir, ich eins von ihm. Beim Zurückgehen durch die Kirche lege auch ich eine Kerze in die Schale, für Euch, auch sie wird morgen angezündet werden.
Beim Rausgehen treffe ich noch zwei Leute aus der Pension, der Mann sitzt im Elektro-Rollstuhl. Thema das Fußballspiel und mein heutiges Ziel.
Aber nun geht's los. Ein geteerter Rad-/Wanderweg führt immer in Sichtabstand zur Lahn und zur Bahntrasse lahnabwärts. Wie die Lahn schlängelt sich auch der Weg durch das jetzt schon wieder breiter werdende, bewaldete Tal. Hie und da ist es schon so breit, dass wieder ein Getreidefeld Platz hat. Dann kommt eine große moderne Mühle, die auch wirklich in Betrieb ist, und aus einem Kanal unter der Mühle strömt Wasser in hoher Geschwindigkeit.
Dann sehe ich ein Schleusenbauwerk, hier führt auch eine Fußgängerbrücke über die Lahn. Dann auf der anderen Seite ein malerischer Ort, er scheint teilweise von alten Mauern und Türmen umgeben: Dausenau, der Führer sagt "reingehen", ich fotografiere nur. Weiter geht's und bald sieht man Nassau und hoch im Berg einen markanten Turm: Die Stammburg der Nassauer, einem Stammgeschlecht des niederländischen Königshauses. Daher gibt's hier auch die "Oranierroute", die ich an einigen Stellen, vor allem auch im Bereich Dietz, wo die ...Burg steht, gekreuzt habe.
Bald kommt nun Bad Ems in Sicht und sehr angenehm für einen Fußgänger, der so um 15.00h in eine fremde Stadt kommt, ist, dass er gleich an der Information vorbei kommt (Hauptbahnhof). Es gibt Quartiere ab ca. 25EUR mit Frühstück. Aber heute will ich's wissen! Auf dem großen Stadtplan kann ich die Jugendherberge lokalisieren. Sie scheint schon ein bisschen am Stadtrand, aber in akzeptabler Nähe und außerdem ein wenig oben = schöne Aussicht! Ich rufe an, für einen alten Wanderer ist ein Zimmer frei, sagt die nette Dame am Telefon. Nun wandere ich los, schon bei der ersten Straße frage ich, ich möchte ja so schnell wie möglich oben sein. Ein netter Mann klärt mich auf. Da müssen Sie noch mindesrtens einen Kilometer laufen und dann erst geht's hinauf! Er schaut mich von oben bis unten an und sagt aufmunternd: Das schaffen sie schon! Also vorbei am Kurhaus, wo Kaffeehausmusik spielt, ich sehe mich da schon sitzen, durch Strassencafes, wo Leute feine Kuchen genießen und auf Tafeln Apfelstrudel mit Vanilleeis angeboten wird, vorbei an schattigen Biergärten, wo von der Kühle des Bieres angeschlagene Weißbiergläser verlockend grüßen. Ich, verschwitzt, hechelnd, eile wie in einem Gemälde von van Breughel durch alle diese Verlockungen. Ich habe ein Ziel: Die Jugendherberge! Nun geht's den bekannten Berg hoch. An einer Kreuzung bin ich nicht ganz sicher. Ein Auto hält, ein Ruf: Hallo, wie gings gestern nach Obernhof? Es ist das Ehepaar, das mir gestern gesagt hatte, dass ich noch 2 1/2 Stunden zu gehen habe. Wir unterhalten uns lautstark über die Straße. Dahinter stauen sich Autos, aber keiner hupt, ich glaube die Leute amüsiert unser Gespräch.
Endlich stehe ich vor der Empfangsdame der Jugendherberge. "Bitte Ihren Herbergsausweis!" Ja, so was habe ich natürlich nicht. Mich trifft Gott sei Dank nicht der Schlag, aber ich schwitze so, dass sie ein Erbarmen hat. Ein Ausweis würde 21EUR kosten! Gut, dann sagen wir, Sie sind auf Probe da, und ich darf einchecken. Die Übernachtung incl. Frühstück im Einzelzimmer, allerdings mit 2 Doppelstockbetten und Dusche kostet 22.90EUR. Jetzt kann ich mich ausgiebig duschen und meinen Feierabendanzug anziehen. Dann breche ich wieder nach der Innenstadt, bzw. dem ersehnten Apfelstrudel und der Kaffeehausmusik auf, es ist kurz nach sechs, als ich nach 20 Minuten wieder im Ort bin - ja, es gibt auch den alten Ort Bad Ems, wo's Rathaus ist und die normalen Geschäfte!
Aber da sind bereits alle Stühle vor den Cafes verschwunden und es ist nicht mehr mehr los wie in den kleinen Örtchen in denen ich schon war. Also gar nichts.
Es bleibt mir nichts anderes übrig als Richtung Kurhaus zu gehen. Ich bin also noch gut 20 Minuten durch den Ort, den Kurpark und an der Spielbank vorbei unterwegs. Die Spielbank ist ein großes weißes Gebäude in so einem Stil, dass man sofort weiß, aha, das ist eine Spielbank, außerdem steht's auch noch drauf.
Mitten in der hier breiten Lahn eine Fontaine. Im Park eine Büste von Zar Alexander II., der hier öfters zur Kur war, gegenüber, vom anderen Ufer der Lahn leuchtet die kleine goldene Kuppel der Orthodoxen Kirche herüber.
Auch eine Gedenktal ist da, auf der auf die Minute genau draufsteht, wann hier Kaiser Wilhelm I. Graf Bernadotte 1870 empfangen hatte und dabei die Forderungen der Franzosen in Bezug auf die spanische Thronfolge abgelehnt hatte. Dies war der Anlaß für den deutsch-französischen Krieg 1870/71 (eigentlich die Depeche – heute wärs eine Email – Bismarks darüber, die "Emser Depesche", die der entsprechend, weil er den Krieg ja gewollt hatte, formuliert hatte).
Auf dem Platz hinter der Spielbank mehrere "Strassenschilder" an einer Säule, sind es aber nicht. Es sind Schilder der Partnergemeinden in England, Frankreich usw... Was ich aber besonders nett finde, dahinter steht ein rotes Londoner Telefonhäuschen, leider sind ein Teil der Glasscheiben eingeschlagen. An einer Säule dahinter sind ein original englischer und ein französischer Briefkasten montiert.
Endlich finde ich auch ein Restaurant, vor dem noch ein paar Leute sitzen. Ich esse, trinke Weißbier und schreibe bis 10.15 an Euch. Dann geht's Richtung Jugendherberge. Um 11.00h hab ich sie erreicht, so verschwitzt, dass ich nochmal dusche. Jetzt noch jugendherbergsmäßig das Bett überziehen, dabei den Kopf einziehen, damit er sich am oberen Bett keinen blauen Fleck holt.
Ein Blick aus dem Fenster über das nächtliche Bad Ems. Aber ich seh nur auf ein Bitumen-gedecktes Flachdach. Ist das die Strafe für begangene Architektensünden?
Euer totmüder Siegfried
Obernhof (29. Juni)
Heute war einer der anstrengendsten Tage, um es gleich vorweg zu sagen, dabei wollte ich es heute, da es Sonntag ist, ja gemütlich angehen.
In meinem geliebten Jakobswegführer steht für die Tour "schwer".
Dabei empfiehlt er aber die Tour von Dietz bis Nassau zu gehen. Ich hab die Tour schon verkürzt von Balduinstein bis Obernhof, also 12 km weniger, insgesamt dürfte ich heute demnach also ca. 14 km gelaufen sein.
Außerdem habe ich beim ersten Abschnitt, von Balduinstein aus, auch noch ein bisschen geschwindelt und bin statt auch noch zur Schaumburg rauf zu laufen gleich auf der Landstrasse außen rum, bis dort hin wo der Jakobspfad/Lahnhöhenweg die Landtrasse wieder kreuzt. Eigentlich schon ein kleines Erfolgserlebnis! Aber dann gings los. Erst hoch zum Steinsberg. Zunächst voll Erwartung einer besonders schönen Aussicht auf die Lahn oder wenigstens den Westerwald, aber nichts wars. Dann gings wieder runter, zum Teil durch wunderschöne Wälder, manchmal spitzen auch die Felsen an steilen Abhängen heraus.
Runter geht's dann fast wieder bis auf Lahnhöhe, dann wieder steil hinauf, an einem Zaun vorbei, hinter dem ein bissiger kleiner Hund ein mords Theater aufführt. Einmal kläfft er von ganz vorne, weil er hinter seinem Zaun nicht genau mitbekommt wo ich bin, dann hinten, dann entdeckt er mich und giftet mich bellend und knurrend direkt an. Mit meinen beruhigenden Worten, und auch mit meinem verhaltenen Gebell kann ich keinen Kontakt herstellen und Frieden stiften. Aber schließlich ist der Zaun zu Ende und es geht wieder nach oben.
Heute kommt mir ein Wanderer entgegen, der fast so aussieht wie ich! Bart, Rucksack, Alter. Wir bleiben stehen und reden ein bißchen. Er kommt aus Nassau und will bis Balduinstein gehen. Er war schon um 7.00h früh los gegangen. Macht aber nur Tagestouren und fährt dann wieder. Ich frage mich, was er in seinem Rucksack alles mitträgt, da er genauso gefüllt aussieht wie meiner. In meinem ist dagegen mein ganzer Haushalt für ein halbes Jahr drin.
Über die noch vor mir liegende Strecke hör ich Schreckliches! Immer nur rauf und runter. Ein anderes älteres Paar fragt, ob ich meine Machete dabei hätte, es ginge auch einmal durch Brennesseln.
Und da ging ich auch durch, aber erst nachdem ich mich verlaufen hatte.
Ein junger Mann, der sich grade an der Lahn sonnte, und zwei schwarze, große Hunde, so eine Art Dobermann, begrüßten mich. Er, tätowiert, zeigte mir den richtigen Weg, und um nicht zurück gehen zu müssen, könne ich gleich hier über die Gleise. Und da sah ich auch die Brennesselstrecke! Einer der Hunde war schon drüben. Ich nach, der Hund vor mir. Der Mann rief Ike! Aber Ike hörte nicht. Ich ging langsam, Ike vor mir. Der Mann rief "Ike zurück". Ich hatte den Eindruck, Ike hatte mich adoptiert. Ich blieb stehen. Der Mann kam barfuß über den Schotter der Bahntrasse, dann, er hatte ja nur eine Badehose an, so auch durch die Brennesseln. Ich blieb stehen, damit Ike ihn wieder sehen könne. Aber Ike war schon im Wald. Der Mann sagte, ich könne ruhig weitergehen, der Hund käme schon wieder. Ich ging weiter, der Hund immer vor mir, von Zeit zu Zeit blieb er sitzen und wartete, ob ich käme. Die Ike-Rufe wurden immer leiser. Ich sah mich schon mit einem neuen Begleiter, einem verspielten aber gefährlich aussehendem Dobermann.
Nun hatte ich eine Idee! Was macht der Hund wenn ich mich umdrehe und wieder zurückgehe? Ja, er tuts! Er überholt mich, läuft 50m voraus, setzt sich und wartet ob ich komme. So geht's wieder ein bißchen zurück, bis er hinter einer Bodenwelle verschwindet. Er sitzt wieder, ich sehe nur noch die Ohrenspitzen. Aber er hört, so vermute ich wieder sein vertrautes "Ike", steht auf, schaut traurig zu mir und läuft, Gott sei dank, zu seinem Herrchen zurück.
Ich steh wieder an einem der angepriesenen Ausichtspunkte: "Vierseensicht". Aber ich sehe keine vier Seen, nicht einmal einen, und von de Lahn auch nur ein Zipfelchen. Schließlich ein Aussichtspunkt, der mich interessiert: Obernhof! Weit weg und weit unten. Und das Lahntal ist hier zwischen den bewaldeten Hängen, auf einem von denen stehe ich ganz oben, ganz eng, nur Strasse und Bahn haben daneben noch Platz. Gott sei Dank, jetzt geht der Weg endlich auch nach unten. Auf einem Saumpfad, bis zu 45Grad geneigt, zum Teil Stufen, aber kaputt, dann stehen Rundeisen aus dem Boden raus. Wenn man da ausrutscht und hinfällt!
So, unten. Der Wegweiser zeigt nach links, ein breiterer Weg, er führt wieder nach oben. So gings ein paar Mal. Eine Tortur, es war schließlich schon 5.00h! Und ich war seit 1/2 10h auf den Beinen. Erst kurz vor Obernhof geht's auf einem schmalen Saumpfad endgültig nach unten und ich bekomme beim zweiten Mal fragen auch ein günstges Quartier!
Und jetzt hab ich auch schon Lahnwein getrunken, Obernhof ist jetzt nur noch der einzige Ort an der Lahn wo Wein angebaut wird. Der Wein ist halbtrocken und schmeckt fein und fruchtig. Schade, aber die Arbeit an den sehr steilen Hängen bringt wohl nicht genügend Geld ein, damit ein Winzer davon leben kann.
Gegenüber von mir, hinter den Häusern auf der südlichen Lahnseite erhebt sich weiß und ockerfarben eine Kirche mit vier Türmen: Kloster Arnstein. Auch aus der Zeit des 12. Jahrhunderts. Es war hier damals wirklich schon allerhand los!
Übrigens, Selters, der Ort, aus dem das Selterswasser kommt, liegt auch an der Lahn.
Von der ganz ruhig dahinfließenden Lahn grüßt Euch alle herzlich
Siegfried
Balduinstein (28. Juni)
Hallo liebe Leute,
Heute habe ich ein bisschen einen inneren Kampf ausgefochten: Einerseits will ich natürlich möglichst weit, andererseits sagt die Vernunft: "Schone dich". Und die Bequemlichkeit sagt auch: "Schone dich". Und die Vernunft sagt: "Der Gescheitere gibt nach, es ist ja ohnehin 1:2 gestanden". Und so habe ich mich hier, mitten im engen (hier ist es wirklich ENG!) Lahntal, in Balduinstein, einquartiert im Gasthof "Hergenhahn", zu Bedingungen, die meine Finanzministerin wohl akzeptieren kann.
Weiter wären es noch mindestens eine bis zwei Stunden gewesen und unterkunftsmäßig mit unsicherem Ausgang (heute ist immerhin Samstag).
So saß ich hier erst vor einer halben Weißbier, dann vor einem gedeckelten Apfelkuchen (sehr fein!) und einem Kännchen Kaffee. Und jetzt einem Viertelchen Rotwein.
Hier ist offensichtlich Ausflugsgegend, obwohl man eigentlich nicht sieht, wo die Leute herkommen und wo sie hinfahren. Obwohl's hinter mir und vor mir hoch hinaufgeht, noch dazu bewaldet, fahren ständig Autos vorbei, direkt am Biergarten, der ist nur ca. zehn Meter tief, dann gehen die Felsen hoch. Seitlich vor den Felsen steht der Gasthof, und mein Zimmer hat das Fenster zum Biergarten. Ich hab der Wirtin gesagt, das mache mir nichts aus, hab ja schließlich gestern das Altstadtfest von Limburg auch überlebt.
Gleich hinter der Straße verläuft die zweispurige Bahntrasse und dahinter fließt die Lahn! Drüben geht's nach der Lahn wieder hoch. Bin gespannt, wie ich da morgen wieder rauskomme. Ohne kräftiges Steigen wird's wohl nicht gehen.
Übrigens, auch Züge verkehren hier (optisch so eine Art Regionalexpress) und Schiffe! Von Jachten mit Schönheiten, die sich vor dem Kapitän auf der Motorhaube (?) räkeln, bis zu geschmückten Ausflugsschiffen mit lauter Musik, aber auch Kanus mit tüchtig paddelnden Wasserwanderern kann man sehen.
Jetzt habe ich den Biergarten verlassen, war kurz in der Kirche, hinten offensichtlich die Mesnerin, die für einen Beter oder Interessierten aufgesperrt hatte, vorne der tief in Andacht versunkene. Ich grüßte die Mesnerin beim Eintreten kurz, und sie grüßt zurück, offenbar dankbar, dass sie nicht nur für einen Interessierten aufgesperrt hatte. Nach einer kurzen Besinnungspause in der Kirche ging ich wieder. Die Mesnerin, die sich nun auch in eine Bank gesetzt hatte, mit Zunicken grüßend. Sie grüßte freundlich zurück, mit den Schlüsseln klingelnd, um den andächtigen Beter aus seiner Versenkung zu erwecken. Leider gibt's halt auch sehr rücksichtslose "Andächtige".
Die Ruine Balduinstein sah ich von unten, auch ein Haus, für das für einen Teil seiner Außenwände Natursteinmauern alter, nicht mehr existierender Gebäude unterhalb der Burg genutzt werden.
Weit oben steht Schloss Schaumburg, auch weitgehend verfallen. Da, ca. 200 Meter hoch, will mich mein geliebter Jakobswegführer morgen hinaufhetzen. Lass ich mich aber nicht! Die echten Jakobspilger der alten Zeit wären früher auch nur dann auf so einen Berg gestiegen, wenn's partout keinen anderen Weg gegeben hätte, oder oben ein gutes Essen gelockt hätte, oder eine sichere Unterkunft, vielleicht aber auch, wenn oben eine Hilfe versprechende Wallfahrtskirche gestanden hätte.
Aber heute finde ich solche völlig unbegründbaren, das eigentliche Ziel eher abwertenden "Höhepunkte" völlig sinnlos, selbst wenn hie und da Spuren des alten Pilgerweges dort zu finden wären. Da halte ich es lieber mit Jean-Philipp! Der Weg führt für den Pilger nach Santiago de Compostella – und heute wie früher auf den zur Zeit besten Pfaden. Man braucht Essen, erschwingliche Übernachtungsmöglichkeiten, einigermaßen begehbare Wege und Zwischenziele, die zum Thema Pilgern passen: Bei Jean-Philipp primär die Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts – Auschwitz, Sedan usw. oder auch moderne Wallfahrts- oder Gedächtnisorte – zum Beispiel die Geburtsstadt von Johannes-Paul VI.
Bei mir sind diese Zwischenziele Kirchen und Orte an denen große Persönlichkeiten gewirkt haben, oder an denen Persönlichkeiten gedacht wird, die mich in meinem Leben beeindruckt haben: Ute, Elisabeth, Jeanne-d'Arc (das sind jetzt zufällig lauter Frauen...). Oder auch Bauwerke, die für ihre Zeit prägend waren: zum Beispiel Limburg, Wetzlar.
Heute habe ich so schön Zeit und anders als in einer Stadt, Muße zum Schreiben, aber ich hör gleich auf.
Zunächst noch was zum Ort "Runkel", in dem ich vor zwei Tagen übernachtet habe. Dessen Name erinnert an Runkelrübe. Aber hat damit nichts zu tun, es sei denn die Runkelrübe kommt von da und dem Autor meines Führers ist was entgangen.
Mein Jakobswegführer weiß zu berichten, dass vor langer Zeit ein "von Soundso" in Santiago war und nach dem Zurückkommen in Erinnerung an den Ort in Frankreich, den man am Fuße der Pyrenäen passiert (und den auch ich, so ich es so weit schaffe, Anfang Oktober durchwandern werde): "Roncevalles", diesen Ort an der Lahn gründete und ihn Roncevalles benannte. (Vielleicht hatte er ja dort jemand netten kennen gelernt.) Im Lauf der Jahrhunderte sei dann der Name "Runkel" daraus geworden.
In Dietz, ca. fünf Kilometer lahnabwärts von Limburg, wurde ich heute von einem ganzen Bataillon historischer Soldaten mit Tommelwirbel empfangen!
Und habt Ihr das mitgekriegt! Zwischen Limburg und Dietz verläuft die Landesgrenze zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz. Nach Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Hessen bin ich nun im fünften Bundesland!
Kurz zur Lahn. In der Gegend von Marburg bis Wetzlar gab es praktisch kein Lahntal, so breit war das. Viele Getreidefelder, Wälder nur in der Ferne. Ab Limburg wurde das Lahntal immer schmaler und jetzt führt nur noch die Bahn durch und ein Fahrrad- und Fußweg, sehr schön!
Vom besinnlichen Ufer der Lahn Euch Allen ein "zum Wohle!" (aber Lahn-Wein gibt's hier noch nicht!)
Siegfried
PS: Bin heute auch an Fachingen vorbeigegangen, und geglaubt hab ich's erst, dass dieser kleine unbedeutende Ort das bekannte Mineralwasser fördert, als ich die Traglstapel gesehen habe. Habe mir zum Abendessen auch gleich einen halben Liter zum Wein genehmigt, da dieses Wasser laut Goethe "zur Befreiung des Geistes" (Goethe, 1817) diene.
Mir hat es in akustischer Weise demonstriert, wo mein Darm verläuft. Mal hat es links oben leise gesäuselt, mal rechts unten gegurgelt, dann in der Mitte gegrummelt. Genauer will ich Euch das jetzt nicht schildern, kann ja jeder selbst ausprobieren. Fazit: Es befreit nicht nur den Geist... Aber Goethe wollte das vielleicht nicht so direkt sagen.
