28
Juni
2008

Limburg (27. Juni)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Hallo, Ihr Lieben,

heute habe ich mir einen leichten Tag gemacht, ich bin nun ungefähr zwölf Kilometer gelaufen. Die letzten Tage waren doch wieder ganz schön anstrengend gewesen. Gestern waren es sicher so um die 24 Kilometer, und ich war außer während ein paar kurzen Pausen doch von neun Uhr morgens bis sechs Uhr nachmittags auf den Beinen. Und da schmerzt dann die rechte Ferse sogar im Bett, wenn sie hinten aufliegt. Besser ist es, wenn ich den rechten Fuß über den linken lege, so dass die Ferse frei liegt. Ja Leute, das sind halt so Details. Und die rechte Hüfte schmerzt dann auch ein bisschen.

Heute also bin ich in Limburg und bin schon kurz nach zwölf Uhr hier angekommen.

Natürlich hatte ich beim Weggehen aus Runkel auch wieder eine Ehrenrunde gedreht und ich regte mich wieder einmal unpilgermäßig über den Führer auf. Obwohl ich auch die Wirtin gefragt hatte, und sie das als einfach beschrieben hatte, lief ich schließlich einen ganz kleinen, unmarkierten Saumpfad an der Lahn entlang, der wunderschön unter Felswänden durch Mischwald führte und meine einzige Hoffnung war, dass er nicht irgendwo im Nichts enden wolle. Einige Male entdeckte ich frische, so meinte ich, Stockspuren eines Wanderers, ich dachte an meinen französischen Kollegen, dann veränderten sich diese "Stockspuren" zu kleinen Hufspuren, vielleicht eines Rehes, und dann waren sie auch plötzlich wieder ganz verschwunden.

Die auf der anderen Lahnseite verlaufende Bahnlinie sollte meiner Karte nach, mal auf mein Ufer rüberkommen, tat sie aber nicht, aber der Weg ging nun stetig nach oben und von der Lahn weg und plötzlich war die blau-gelbe Markierung des Jakobsweges wieder da und auch die des Lahnweges. Vermutlich hatte ich die schönere und weniger anstrengende Route genommen gehabt, vielleicht wächst mir jetzt langsam auch so eine "nez" wie Jean-Philipp!

Der Führer "Der Jakobsweg von Wetzlar nach Lahnstein" ist, was die Wegbeschreibungen angeht eine Katastrophe!

Gut gemeint sind dort Wegbeschreibung mit Orts- und Sehenswürdigkeiten-Beschreibungen kombiniert, und so ist die Sache schon mal recht unübersichtlich. Sucht man einen Weg, interessieren einen kaum die Sehenswürdigkeiten die am Wege stehen, falls man überhaupt auf dem richtigen Weg ist. Oder ist das nur bei mir so?

Schon in Wetzlar ging's so los, da bin ich rechts 200 Meter über die Lahnbrücke gelaufen, obwohl ich wusste, dass ich eigentlich auf der diesseitigen Seite bleiben sollte, aber im Führer steht: "[...] gehen durch die Silhöfertorstrasse bis zur viel befahrenen Schützenstrasse, dann bis nach unten zum Ernst-Leitz-Platz. Sie passieren in der Altstadt viele schöne, alte Fachwerkhäuser. Die bedeutsamen sind durch Tafeln beschrieben. [...] Am Ernst-Leitz-Platz angekommen, sehen Sie schräg gegenüber das Neue Rathaus" – woher soll ich das wissen, außerdem steht's ziemlich unsichtbar weiter hinten – "und vor sich das Verwaltungsgebäude der Firma Leica. Im dritten Stock des neuen Rathauses ist die Sammlung der historischen Mikroskope von Leitz untergebracht. Die Öffnungszeiten [...]. Die viel befahrene Strasse unterqueren Sie durch den Fußgängertunnel. [...]" Der Mann hat Sorgen!

Manche Jakobsjünger werden natürlich jetzt sagen: Der heilige Jakobus hat Dich deswegen über die Brücke gehetzt, damit Du die schönste Ansicht des Wetzlarer Domes siehst und fotografieren kannst und auch die Alte Lahnbrücke.

Man kann auch durchaus im Zweifel sein, ob das Riesengebäude das da steht, das Verwaltungsgebäude von Leitz ist. Ich hielt es für die Fabrik, schon wegen der großen Uhr an der Front!

Wäre im Führer gestanden: "Überqueren Sie die Straße", wäre alles klar gewesen. Er braucht nicht detailliert anzugeben, wie die Strasse zu überqueren ist, und wo man vorbeigehen muss! Gut, schließlich fand ich den Weg eine viertel Stunde später, aber auch hier schon sauer.

In Braunfels steht im Führer: "Sie stehen vor dem Hotel [...]"

Ich definierte: Ich trete aus dem Hotel (ich hatte im Gasthof nebenan logiert und für mich war das eindeutig!) – und so lief ich prompt in die falsche Richtung. Da die Straßenbezeichnug nicht stimmte, fand ich sogar die richtige Strasse (nur in die falsche Richtung) mit Hilfe von netten Einwohnern – auch durch komplizierte Angaben in einem Führer kann man nette Kontakte anbandeln. Ist das vielleicht die Absicht des Autors?

In Weilburg schreibt er, Ausgangspunkt sei der Schiffahrtstunnel. Nur: Ein Tunnel hat zwei Eingänge! In dem Fall wurde ich nicht auf die Probe gestellt: Ich hatte ja Jean-Philipp mit seiner "nez" vorher getroffen.

Also auf der Strecke nach Limburg war ich nun wieder auf dem richtigen Pfad. Von weitem sah ich schon die ICE-Brücke und die Autobahnbrücke über das Lahntal. Von der Autobahnbrücke aus hatte ich ja schon öfter den Dom von Limburg gesehen. Dann plötzlich in einer kleinen Waldnische ein Bildstöckel mit frisch gepflanzten Blumen davor: Die "Mater Ter Admirabilis" der Schönstattbewegung, der ich bis zum Ende meiner Schulzeit in München angehörte. Ich machte eine kleine Besinnungspause und fühlte mich aufgehoben und beschützt.

Beim Weitergehen sehe ich auf einer Anhöhe die Kirche von Dietkirchen (auch einmal ein Lob dem Führer). Nun geht's unter ICE- und Autobahnbrücke durch, und schon bald erscheint der Limburger Dom hoch über der Lahn! SO SIEHT DEN KEIN AUTOFAHRER! Nicht mehr lange, nur noch ein bisschen Anstrengung, dann sitze ich im Dom.

Der Körper vibriert, die Muskeln zittern, das Herz klopft schnell. Ich glaube es selbst nicht, obwohl man ständig in der Ruhe geht und sich auch nicht besonders fordert, ist der Körper in höchster Erregung und es dauert eine Viertelstunde bis er wieder ruhig wird. Aber diese Zeit des langsamen Zurückkommens aus der Bewegung in die Ruhe ist sehr intensiv. Da spürt man die Zweiteilung Körper – Geist besonders deutlich und man spürt auch, wie sie sich wieder abstimmen.

Ich war wohl über eine Stunde im Dom, hab wenig angeschaut aber viel gesehen und auf mich wirken lassen.

Ich frage mich manchmal, ob die Leute mehr von den Objekten haben, die sie kunstbeflissen und gestenreich durchwandern, als die, die sich einfach hinsetzen und sie ohne viel Gedanken auf sich wirken lassen.

Diese Kirchen sind ja nicht als Kunstmuseen gebaut worden, sondern als Andachtsräume, und Generationen lang waren sie es auch. Ich glaube, da ist uns viel verloren gegangen!

Ich sitze jetzt vor "La città vecchia", einem Restaurant nicht weit unterhalb des Domes. Und da auch eine Pension dazugehört, habe ich mich hier, entgegen der Recherchen und Empfehlungen von Elke, einquartiert. Meine Finanzkontrolleurin Geneviève bitte ich um Nachsicht. Ich hoffe, dass ich das jetzt rausgeschleuderte Geld auf den richtigen Jakobspfaden in Frankreich und Spanien wieder einsparen kann. Hier ist quasi Jakobsniemandsland, der Herr im Dompfarramt hatte noch nie vom Pilgerpass gehört, geschweige denn von Pilgerunterkünften. Und nach den von Elke angesprochenen Palottinerinnen wollte ich mit meinen schmerzenden Füßen nicht suchen und im Dom waren auch keine.

Ich hab am Nachmittag einen schönen Stadtspaziergang gemacht und viel gesehen und war auch nochmal im Dom und – hörte ein kleines Orgelkonzert!

Jetzt ist Altstadtfest und überall ist laute Musik. Und überall sind fröhliche junge Leute und alte, die dazwischen ganz verwundert rumstehen, so wie ich.

Euer Siegfried

27
Juni
2008

Runkel (26. Juni)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Es ist sieben Uhr, ich bin frisch geduscht und sitz jetzt "beim Thomas im Goethehof" hier in Runkel. Das ist ein Ort etwa vier Kilometer lahnabwärts von Villmar. Nach Limburg sind's noch um die zwölf Kilometer. Da hab ich einen leichten Tag morgen und viel Muße, die Stadt anzusehen.

Und möglicherweise bekomme ich auch noch eine günstige Unterkunft bei den Pallotinerinnen! Meine neue Freundin aus Bonn, Elke, hat nämlich auf der Mailbox angerufen und mir diesen Tipp gegeben. Sie ist mit ihrer Gruppe heute im Limburger Dom gewesen und hat sich kundig gemacht! – Da schaugt's, gell! (Für Nichtbayern: Das ist bayrisch!) Aber von Vorne.

Die wepsige Fliege von gestern Abend hab ich nicht erwischt, in der Nacht hat sie mich in Ruhe gelassen, oder ich hab's nicht gemerkt, aber in der Früh war sie wieder da. Einmal an der Nase, dann am Arm und bei der kleinsten Bewegung war sie weg. Sogar im Bad war sie dabei und hat mir vom Spiegel aus ins Auge geschaut. Mein Schlag mit dem Handtuch traf sie und sie lag mausetot am Boden. Da ich ein ordentlicher Mensch bin, wollte ich sie aufheben und genußvoll runterspülen, doch kaum bin ich mit den Fingern in ihre Nähe gekommen, war sie wieder weg. So erfolgsbeladen begann nun mein Tag.

Ich ging zum Frühstücksbüffet, und wen traf ich da? ELKE! Da wusste ich natürlich noch nicht, dass das Elke ist. Erst dachte ich, das wäre die etwas legere Dame vom Büffet, weil außer uns beiden niemand da war und sie sich auch am Büffet zu schaffen machte. Wir kamen ins Gespräch und nachher setzte sie sich und noch ein Herr zu mir an den Tisch.

Sie hat eine sehr ruhige und besinnliche Art, und als ich ihren Namen "Elke" hörte, fiel mir sofort ihre charaktermäßige Ähnlichkeit mit unserer Münchner Elke, der Freundin von Geneviève, auf: Sie ist auch zierlich aber etwas größer als die Münchnerin, und sie spricht den Köln-Bonnschen Singsang-Dialekt! Ein Genuss!

Sie hat in Erwägung gezogen, mich vielleich nächste Woche ein Stück über den Moselhöhenweg zu begleiten. Und sie wollte mir als Sonnenschutz eine fesche Mütze der Bäckerinnung mitgeben. Als ich das ablehnte, hätte sie mir auch gerne eine Botzeitdose geschenkt. Da ich unertags nichts esse, und auch der Rucksack schon voll ist, war's auch damit nichts, schließlich, das erste Mal in meiner Pilgerlaufbahn! Ein Fünf-Euro-Schein. Auch darauf musste ich natürlich verzichten, aber ich trage ein Andenken an Elke an meiner Hose: Einen Kugelschreiber aus Holz!

So schön also hatte der Tag begonnen, was konnte da noch schiefgehen!

Zunächst war aber heute ein Tag, an dem mir der Beginn des Laufens besonders schwer fiel. Die rechte Ferse schmerzt, obwohl ich gestern Abend noch mit der Sicherheitsnadel und unter großen Verrenkungen die vermuteten und erfühlten Wasserblasen zu perforieren versuchte. Und vorsichtshalber hatte ich auch noch ein gestern erworbenes Blasenpflaster draufgeklebt. Aber da gibt's offenbar noch eine, die ich nicht erwischt habe, und die jetzt schmerzt. Da ich unter Beobachtung von Elke stand, bemühte ich mich, das Hotel trotzdem elegant zu verlassen.

Und was erwartet mich unten beim großen klassizistischen Landtor? Eine Person winkt von Weitem. Jean-Pierre, er hatte in "la nature" übernachtet und war jetzt auch zum Radweg nach Villmar unterwegs. In der Freude der Wiederbegegnung tranken wir noch einen Espresso beim Italiener und runter gings zur Lahn.

Ich hatte mich ja schon entschlossen gehabt, den Radweg zu gehen statt den ausgewiesenen, mühsamen Pilgerweg über die Lahnhöhen. Er sowieso. Er hat mir später verraten, dass er immer abwägt zwischen Entfernung und Begehbarkeit und im Zweifel immer die kürzere Strecke – das ist in der Regel die Strasse – geht.

So sahen wir auch noch den Schiffstunnel, der die Lahnschleife abkürzt und an der schmalsten Stelle unter dem Berg durchführt. Ist schon Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut worden, verlor aber an Bedeutung, als die Schifffahrt auf der Lahn von der Eisenbahn abgelöst wurde.

Jean-Philipp musste schon kurz, nachdem wir uns warmgelaufen hatten, eine "Operation" durchführen, das heißt seine Zehen verarzten, die durch Reibung und Druck recht mitgenommen aussehen. Aber er macht das sehr fachmännisch mit Schere, Deinfektionsmittel und Pflaster. Vor dem Überziehen der Socken wird noch an einer Stelle des Fußes ein Schaumstoffstück sorgfältig eingelegt.

So, jetzt geht's wirklich los. Der Weg ist grade so breit, dass zwei nebeneinander gehen können, aber bei jedem Radler heißt's hintereinander, ist ziemlich anstrengend. Auch Jean-Philipp fällt auf, dass hier die Leute wieder mehr grüßen als in der Gegend, aus der wir kommen. Ihm fällt auch auf, dass es hier in Deutschland viele extrem dicke Menschen gibt.

In Aumenau machen wir ein wenig Pause, trinken ein gepflegtes Weißbier, Jean-Philipp isst dazu einen großen Teller Pommes-Frites, und weiter geht's.

Da ist der Radweg gesperrt. Auf der Karte sehen wir, dass das einen Umweg von mehreren Kilometern in bergiges Gelände bedeutet. Also gehen wir natürlich weiter. Und tatsächlich: Der Weg ist unpassierbar, er ist überschwemmt und voller Morast. Links geht steil der Hang hoch, rechts ist das Schotterbett der Bahn. Grade kommt auch noch ein Zug. Aber nun wissen wir: So schnell kommt keiner mehr, hoch auf die Schienen.

Vor Villmar trennen wir uns wieder. Ich suche eine Unterkunft, aber nach Auskunft einer Gruppe von Leuten gibt's hier nichts außer der Pension "Bär" im Gewerbegebiet, wo ich vor zehn Minuten vorbeigelaufen war. Und Gewerbegebiet ist nicht so mein Fall, wenn ich in einer schönen fremden Stadt bin. Also nahm ich den Rat an, in den nächsten Ort hierher (ca. vier Kilometer) weiterzugehen, und bin hier in der als gut und preisgünstig empfohlenen Gastsätte "Zum Thomas" gelandet, wo die italienische Mama mir sehr feine "Spaghetti bolognese" zubereitete.

Zehn Meter von der Terasse entfernt führt die Bahntrasse vorbei, und gerade fuhr ein mit Langholz beladener Güterzug vorbei. Ein Erlebnis! Öfter kommen rote Regionalzüge. Da alle sehr langsam fahren, ist nur wenig zu hören. Mehr hört man von einzelnen Motorrädern, deren Fahrer am gegenüber liegenden Berg mal so richtig "aufdrehen".

Ich denke fast immer – eigentlich jeden Tag mindestens einmal – an Euch! Wenn ich nicht gerade an was anderes denken muss!

Siegfried

26
Juni
2008

Jean-Pierre wieder getroffen (26. Juni)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Toujours etonnant ce chemin. J'ai retrouvé votre papa et bu une bonne munich bière. Le pèlerinage n'est pas tristesse mais fraternité. Peut être nous faisons conférence compostelle munich avec siegfried.

Je vous embrasse,
Jean-Pierre.

26
Juni
2008

Weilburg (25. Juni)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 0

Hallo,

es ist sechs Uhr nachmittags und ich liege seit etwa drei Stunden auf dem Bett und strecke meine Füße aus. Möchte bemerken, dass das das erste Mal auf dieser Reise ist!

Draußen regnet es immer wieder schlagregenartig, und ich bin in einer interessanten Stadt von der ich nichts sehe.

Kennengelernt habe ich hier in Weilburg außer einem Mann, der mir den Weg zur Altstadt wies (da gibt's keinen Wegweiser, nur zum Friedhof, zum Schiffstunnelhotel, usw.): die Pfarrsekretärin von Heilig Kreuz, zu der ich wegen eines Stempels reingegangen bin, und die mich redegewaltig informiert hat, dass heute Deutschland gegen die Türkei spielt und ich mir das unbedingt anschauen müsse. Ich hab sie auch wegen einer günstigen Übernachtungsmöglichkeit gefragt und sie hat mir das hier an der Einfahrtstraße empfohlen. Leider sind die Übernachtungskosten höher als mein Standard, so muss ich wohl heute etwas mehr beim Essen sparen.

Ja, und da hab ich noch zwei lästige Gäste im Zimmer, ziemlich wepsige Fliegen, die auch noch aggressiv summen. Eine hab ich erwischt, die liegt jetzt am Boden, die andere regt mich so auf, dass ich schon ein paar blaue Flecken habe.

Im Wald sind heute ständig so kleine Fliegen vor meinen Augen rumgeflogen, manchmal kann ich sie wegblasen, manchmal schlage ich danach und einmal habe ich dabei meine Nase erwischt. Das spüre ich jetzt noch.

Damit ich doch noch was von Weilburg sehe, hab ich mich natürlich um 6.00h in Schale geworfen und mich zur Altstadt aufgemacht. Für die Unwissenden unter Euch: Weilburg liegt in einer Lahnschleife, das heißt (weil die Hessen konsequent sind): Weilburg ist praktisch von allen Seiten von der Lahn umschlossen, und man kommt nur durch einen schmalen Schlauch in die alte Innenstadt. Und da sind alte Häuser, nicht so alt wie ich sie woanders schon gesehen habe, aber dafür ein wunderbarer Barock/Renaissancegarten, Rathaus und Schloßkirche in einem Gebäude, schon seit 1700 und noch was. Auffallend: Am Hauptplatz gibt's zwei Apotheken. Die wussten anscheinend, dass ich Blasenpflaster brauche. Ich hoffe, dass es die von mir nicht besuchte verschmerzt, dieses große Geschäft nicht gemacht zu haben.

Nach ausgiebiger Besichtigung der Barock- und Renaissancegärten und einem Spaziergang durch die ausgestorbene Altstadt – Fußball? – landete ich schließlich im "Bürgerhof" und genoß zwei Weißbier, eine Kraftbrühe, einen Frankfurter Hackbraten und natürlich einen Espresso.

Am Nachbartisch sitzen drei Männer, und einer redet ständig und irgendwie ist der Oberredner sozial engagiert bei der Charitas, beim Fußballverein etc., und grade geht's ums Flutlicht: "Kost 75.000 EUR, und ich will, dass da untertags die Jungen kommen und abends die Senioren und die ganz Alten, die sagen 'wir haben das als ganz anners gemacht'".

Da sitzen also beim Bier ein paar Manager der Caritas oder so und beratschlagen aktivistisch wie sie was Gutes anleiern können, damit andere das Gute tun. Die heilige Elisabeth hat halt selber zugegriffen!

Gesättigt bin ich zum Hotel zurück gebummelt. Dabei wollte ich auch die Lahnschleife sehen, die die Stadt umschließt. Leider nicht zu sehen: Auf der Seite auf der sie von der Stadt wegfließt kann man sie tief unter der Stadt zwischen hohen bewaldeten, zum Teil felsigen Hängen glitzern sehen, an der anderen Seite ist sie nur ein kurzes Stück, dunkel zu sehen. Auf der Karte erkennt man den Grund: da verschwindet die Lahn unter Zufahrtsstraßen. Ist das vielleicht der berühmte Schiffahrtstunnel? Trotzdem, ich finde das schade. Jetzt ist ein großes Hupkonzert auf der Straße: Deutschland hat in einem, auch für mich, spannendem Spiel gewonnen.

Ich wünsch Euch allen eine gute Nacht!

Morgen möchte ich nicht, wie im Führer vorgeschlagen, den Lahnhöhenweg gehen, sondern im Lahntal auf dem Fahrradweg wandern, um meine Glieder und Muskeln ein bißchen zu schonen. Heute hat mich der Weg hierher sehr angestrengt. Es ging schon am Morgen mehr als eine Stunde lang aufwärts. Vielleicht habe ich mich auch die letzten Tage übernommen. Also ein bißchen langsamer, alter Herr!

Siegfried

26
Juni
2008

Braunfels (24. Juni)

Geschrieben von Siegfried | Kommentare: 1

Hallo meine Lieben,

die Ihr daheim hockt und vor lauter Tagebuch lesen die Europameisterschaft vergesst!

Heut war wieder ein anstrengender Tag, obwohl ich bei der Planung gedacht habe, das Tagesprogramm wäre mit links zu schaffen.

Nach einer ruhigen Nacht im "Hotel garni" in Kleinlinden (wohlgemerkt ohne Abendessen, dafür hatte ich am Mittag vorher ja mit Jean-Pierre in Gießen vornehm beim Griechen diniert) zog ich, nach einem, wer mich kennt, ausgiebigen Frühstück, auf der Landstraße Richtung Duttenhofen/Weimar los.

Landstraße! Links gehen, viel Verkehr, aber es geht rasch vorwärts.

Kurz vor Wetzlar geh ich einen Weg in den Wald rein, weil ich aus meiner Karte lese, dass da ein Fußweg direkt nach Wetzlar führen soll. Geschätzt sollte er von dem Weg, den ich nun gehe, nach spätestens 200m links wegehen, geht aber nicht. Ich gehe wieder mal davon aus, dass die Karte nicht stimmt. Aber es wird eher so sein, dass die Karte stimmt, nur ich wieder falsch gelaufen bin. Zurück geht's natürlich wieder ständig aufwärts, hatte gar nicht gemerkt, dass ich ständig bergab gelaufen war. Der nächste Weg in den Wald war auch nicht richtig! In meiner alten Karte war das Gewerbegebiet, das den Zugang zur Stadt versperrte, einfach noch nicht eingezeichnet.

Also zurück auf die Landstrasse und nun nach dem Gewerbegebiet in die Stadt abbiegen. Es geht ständig bergabwärts, Wetzlar liegt im Lahntal. Und plötzlich ist der Dom zwischen Häuserlücken sichtbar. Der unvollendete Turm hat oben einen lustigen schiefergedeckten Spitz. Beim Näherkommen sieht man den Sockel des angefangenen zweiten Turms. Den Wetzlarern war seinerzeit, also so vor 500 Jahren, einfach das Geld ausgegangen. So deckten sie den schon höher gezogenen Turm notdürftig ein und den anderen hörten sie einfach auf weiterzubauen. Was mir noch aufgefallen ist: Auch das Kirchenschiff sollte um einiges länger sein, bis hin zu den zwei Türmen, auch dieser Teil steht bis heute ohne Dach da.

Wie ich aus dem Führer las, hatte Wetzlar halt oft Pech in seiner Geschichte. Manchmal gings hoffnungsvoll aufwärts: Zum Beispiel als die "alte" Lahnbrücke vor vielen hundert Jahren gebaut worden war, und der ganze Verkehr sich an der Brücke bündelte. Dann wieder ging es steil bergab. (Wer's genauer wissen will, muss halt ein wenig recherchieren, ich schreib nur das, was in meinem Hirn beim Vorübergehen hängenbleibt.)

Wetzlar: Stadt der LEIKA! Ja, dadurch ist Wetzlar bekannt. Aber wisst Ihr auch, dass Goethe hier aussichtslos in eine "Lotte" verliebt war? Sie hatte ihn abgewiesen und er ist von dannen gezogen, OHNE ABSCHIED, wie es im Führer heißt. Dafür gibt's jetzt hier das "Lottehaus". Zunächst wusste ich Banause natürlich nicht, was das ist. Aber jetzt weiß ich's – und Ihr auch. Und! Ich bin wieder auf eine Frau(!) gestoßen (nach meiner geliebten UTE, die enttäuschenderweise zur bösen Königin in Disneys "Schneewittchen" mutiert war, und der verehrten ELISABETH, deren Spuren ich bis Marburg gefolgt bin), nun auf eine Frau, die dem großen Goethe einen Korb gegeben hat!

Frauen, was habt Ihr alle für bewudernswerte und geheimnisvolle Eigenschaften!

Der Wetzlarer Dom hat wunderbare Portale, wobei nur das Seitenportal genutzt werden kann, das Hauptportal zwischen den beiden Türmen führt in einen Raum ohne Dach.

Innen ein schmuckloser Raum mit hohen Sandsteinsäulen, die ein Kreuzgewölbe stützen, würdevoll, zur Besinnung auffordernd. Vom Gewölbe herunter hängt ein Lüster mit einer Madonna in der Mitte, umgeben von Engeln, davor ein Kreuz mit Korpus.

Es gibt zwei Altäre. Im Kirchenschiff einen und dahinter in der Apsis noch einen, auch vor dem sind Kirchenbänke, und bei dem brennt ein rotes Licht. Ich lese im Führer, schon seit hunderten Jahren gäbe es in dieser Kirche einen evangelischen und einen katholischen Teil, und es funktioniert!

Nach einer Latte Macchiato aus der besonderen Goethemischung, die das Café vorm Dom anbietet, und zwei Stück Kuchen, die ich auf Anraten des Cafetiers beim Bäcker nebenan holte (im Café gab's wirklich NUR Caffè, aber verschiedenster Sorten), verlies ich Wetzlar, nachdem ich noch eine Ehrenrunde über die neue Lahnbrücke gedreht hatte, um die alte Brücke mit dem Dom im Hintergrund bewundern zu können, Richtung Braunfels.

Auf Anraten eines jungen Mannes und meiner Neigung nach, mir's einfacher zu machen, nicht auf der Route des Jakobsweges. Es war deswegen ein Radweg neben der Straße und weder schön noch ruhig!

In einem Ort vor Solms, hatte ich aus der Karte herausgelesen, müsse es einen Fußweg nach Braunfels geben, der kürzer und vor allem ruhiger sein müsste. Mit Hilfe von zwei Mädchen und dann einem Mann, der mir die Wegführung aufskizzierte, fand und lief ich den Weg und sah plötzlich mitten im Wald wieder die Markierung mit der Jakobsmuschel. Als ich aus dem Wald herauskam, sah ich von weitem das Schloss Braunfels. Aber es dauerte noch eine Stunde, und um kurz nach sechs Uhr war ich, wirklich geschafft, am Ziel.

Ich war froh, diesmal das Zimmer telefonisch vorbestellt zu haben. Der Wirt sagte: "Ja, wenn Ihnen die Dame das zugesagt hat, muss ich es Ihnen wohl geben". Wenn man ohne Atem – es ging ja die letzten Kilometer nur bergauf –, verschwitzt und durstig an der Theke steht, findet man das gar nicht so lustig.

Aber nun logiere ich in einem Biker-Hotel relativ preisgünstig direkt unter der Burg. Und sitze bei einem Glas Hex (Wein) und schreibe Euch. Und bis jetzt denke ich noch nicht an morgen.

Am Tisch saß gerade ein Ehepaar, er trank Radler, sie ein gesäuertes Bier: scheinbar hessische Spezialität – wie Radler, aber statt Limo kommt Mineralwasser rein. Vom Essen haben sie sich die Hälfte einpacken lassen. DA LOB ICH MIR MEINEN APPETIT! Und ständig redeten sie über Probleme im Umfeld ihres Hauses und über die stattgefundenen Verhandlungen mit der Firma, die nun die Arbeiten ausführt.

Beim Weggehen haben wir uns noch ein wenig unterhalten. Die Frau sagte: Ich bewundere Sie – da meinte sie MICH! – der Mann schaute indigniert weg.

Euer bewunderter Siegfried,

der sicher bald wieder was auf den Deckel bekommt, damit er nicht eingebildet wird.

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